Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

USA: Wandel der hispano-amerikanischen Bevölkerung


16.5.2014
Das Wachstum der Bevölkerung mit lateinamerikanischen Wurzeln in den Vereinigten Staaten geht mehrheitlich nicht mehr auf Zuwanderung zurück, sondern auf Geburtenzuwächse dieser Bevölkerungsgruppe. Dies geht aus einer Analyse des Pew Research Centers hervor, die Ende April veröffentlicht wurde. Da eine Geburt im Inland automatisch zum Erwerb der US-amerikanischen Staatsangehörigkeit führt, erhöht sich auch das politische Gewicht der Hispano-Amerikaner – ein wichtiger Aspekt im Kontext der von den Republikanern blockierten Einwanderungsreform.

Hispano-Amerikaner in den USAHispano-Amerikaner in den USA (© Deniz Keskin)

Grundlage der Analyse des in Washington D.C. ansässigen Pew Research Centers sind Daten des American Community Survey (ACS). Hierbei handelt es sich um die größte Haushaltserhebung in den Vereinigten Staaten, vergleichbar mit dem deutschen Mikrozensus (vgl. Ausgabe 8/09).

Der Schwerpunkt der Analyse des Forschungszentrums liegt auf der Entwicklung und Struktur der hispano-amerikanischen Bevölkerung. Seit 1970 ist diese Bevölkerungsgruppe von 9,1 Mio. (4,5 % der Gesamtbevölkerung) auf 53 Mio. (16,9 %) im Jahr 2012 um nahezu das Sechsfache gewachsen. Während das besonders starke Wachstum dieser Gruppe von 1980 bis 2000 vor allem auf Zuwanderung basierte, ist seit der Jahrtausendwende eine Trendwende zu beobachten. Im Zeitraum von 2000 bis 2010 belief sich die Zahl der Neuzuwanderer aus Lateinamerika („foreign born“) auf insgesamt 6,5 Mio. Personen, die Zahl der in den USA geborenen Hispano-Amerikaner („native born“) betrug im gleichen Zeitraum 9,6 Mio. Menschen. Der Bevölkerungszuwachs ist damit in diesem Zeitraum zu rund 60 % auf im Inland geborene Latinos zurückzuführen.

Dies verändert auch die Zusammensetzung der hispano-amerikanischen Bevölkerungsgruppe in den USA (siehe Grafik S. 7). Während 2007 noch 55 % aller über 18-jährigen Hispano-Amerikaner in die USA eingewandert waren, sank der Zuwandereranteil bis zum Jahr 2012 auf 49,8 %. Bei den unter 18-Jährigen ging der Anteil der im Ausland Geborenen im selben Zeitraum von 10 % auf 6,8 % zurück. Über alle Altersgruppen hinweg waren 2012 nur noch 35,5 % aller Hispano-Amerikaner zugewandert, 2007 waren es noch 39,8 %.

Das geringere Wachstum der im Ausland geborenen hispano-amerikanischen Bevölkerung ist in erster Linie auf den Rückgang der Zuwanderung aus Mexiko zurückzuführen. Mexiko ist das bei weitem wichtigste Herkunftsland für die lateinamerikanische Zuwanderung in die Vereinigten Staaten. Mit 11,5 Mio. Personen kommen nahezu zwei Drittel (61 %) der insgesamt 18,8 Mio. im Ausland geborenen Latinos in den USA aus dem südlichen Nachbarland der Vereinigten Staaten. Seit Mitte der 2000er Jahre geht die Neuzuwanderung aus Mexiko zurück. Zugleich stieg die Zahl der Rückkehrer nach Mexiko. Die Gründe liegen im ökonomischen Wachstum in Mexiko bei gleichzeitiger Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten sowie den verstärkten Grenzsicherungsmaßnahmen der USA (vgl. Ausgabe 4/12). Aufgrund des Wachstums inländischer Geburten wird die hispano-amerikanische Bevölkerung gemäß Projektionen der US-amerikanischen Zensusbehörde bis zum Jahr 2060 dennoch auf etwa 129 Mio. Menschen steigen. Somit würde der Anteil der Hispano-Amerikaner an der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung von derzeit 17 % auf 31 % anwachsen.

Zuwanderer in den USAZuwanderer in den USA (© Deniz Keskin)


Das Wachstum der im Inland geborenen hispano-amerikanischen Bevölkerung führt zu einem Wandel der politischen Kräfteverhältnisse. Denn jede Person, die in den Vereinigten Staaten geboren wird, erhält mit der US-amerikanischen Staatsangehörigkeit auch das Recht, ab dem Alter von 18 Jahren zu wählen. Die statistische Auswertung der letzten Präsidentschaftswahlen belegt eine deutliche Wählerpräferenz der größten Minderheitengruppen (Hispano-Amerikaner, Afroamerikaner, asiatischstämmige Amerikaner) für die Demokraten. Etwa 70 % der an den Wahlen teilnehmenden Latinos stimmten im November 2012 für den demokratischen Amtsinhaber Barack Obama (vgl. Ausgabe 10/12). Bei einem weiteren Wachstum der hispano-amerikanischen Bevölkerung mit US-amerikanischer Staatsangehörigkeit könnte es in einigen Bundesstaaten, gerade auch in solchen mit wechselnden Mehrheiten ("Swing States") wie zum Beispiel Florida, Ohio oder Colorado, zu entscheidenden Veränderungen in der Wählerstruktur kommen.

Dies stellt die Republikaner vor ein strategisches Dilemma. Teile der Partei wollen einen Kompromissvorschlag für eine umfassende Einwanderungsreform unterstützen (vgl. Ausgaben 6/13, 2/13), um das Ansehen der Partei innerhalb der hispano-amerikanischen Bevölkerung zu verbessern. Der Reformentwurf der demokratischen US-Regierung sieht eine Legalisierung von undokumentierten Zuwanderern sowie eine erleichterte Einbürgerung vor. Im Gegenzug soll die Grenzsicherung mit zusätzlichen Ressourcen ausgestattet werden. Andere Republikaner blockieren die Reform grundsätzlich, weil sie befürchten, dass sie mit diesen Bemühungen nicht ausreichend Hispano-Amerikaner gewinnen, um die sinkenden Wähleranteile bei dem absehbaren Wachstum dieser Bevölkerungsgruppe auszugleichen (vgl. Ausgaben 2/13, 1/13). Zudem befürchten sie, vermeintlich einwanderungskritische Stammwähler in der „weißen“ Mehrheitsbevölkerung zu verlieren, wenn sie einer Reform der Einwanderungsgesetzgebung zustimmen. Ein drittes Lager will die Reformen zu Legalisierung und Grenzschutz getrennt behandeln. Beobachtern zufolge ist die Mehrheit der Republikaner im Abgeordnetenhaus der Auffassung, die Halbzeitwahlen in der Mitte der vierjährigen Amtszeit von Präsident Obama im November 2014 ohne Zuwanderungsreform gewinnen zu können. Angesichts des schon jetzt wachsenden politischen Einflusses der Latinos könnte sich dies als Fehlannahme herausstellen.

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Autor: Stefan Alscher für bpb.de
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