Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

16.5.2014 | Von:
Thomas Hummitzsch

Interview: Brauchen Medien eine Migrantenquote?

2009 gründeten sich die Neuen Deutschen Medienmacher als Netzwerk und Lobbygruppe für einen vielfältigen Journalismus. Der taz-Journalist Daniel Bax engagiert sich im Vorstand des gleichnamigen Trägervereins. MuB sprach mit ihm über den zu geringen Anteil von Migranten in den Medien, problem- und klischeebelastete Berichterstattung sowie Wege, Diversität im Journalismus strukturell zu stärken.

Daniel BaxDaniel Bax (© privat)
Herr Bax, als Vorstandsmitglied im Verein der Neuen Deutschen Medienmacher haben Sie im vergangenen Jahr eine Diskussionsrunde zum „Ende des weißen Mainstreams“ in deutschen Redaktionen moderiert. Wollten Sie mit dem Titel provozieren oder existiert dieser Mainstream noch?

Das war schon als Provokation gedacht, gerade weil es diesen weißen Mainstream noch gibt. Dass inzwischen über Begriffe in Kinderbüchern oder ganz allgemein über political correctness diskutiert wird, hat natürlich damit zu tun, dass Dinge, die bislang unhinterfragt Konsens waren, in Frage gestellt werden. Der Grund dafür ist der Bevölkerungswandel, der auch an der Öffentlichkeit nicht vorbeigeht.

Warum wurden die Neuen Deutschen Medienmacher ins Leben gerufen?

Weil es so wenige Journalisten mit Migrationshintergrund gibt. Ihr Anteil liegt Schätzungen zufolge bei lediglich 1-3 %. Das ist weit unter dem Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung von etwa 20 % (vgl. Ausgabe 9/12, 8/12, 8/11). Das wollen wir ändern. Außerdem ging und geht es darum, nicht nur auf die Defizite der Einwanderer zu schauen, sondern den Blick in der Berichterstattung – aber auch bei der Einstellungspolitik der Medien – auf die Chancen von Vielfalt zu richten und zu reflektieren, welche Ursachen in der Aufnahmegesellschaft dafür verantwortlich sind, dass manche Dinge nicht funktionieren.

Den zu geringen Anteil von Medienschaffenden mit Migrationshintergrund hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration schon 2010 kritisiert (vgl. Ausgabe 5/10). Warum fällt es den Medien so schwer, die Redaktionen an die gesellschaftlichen Verhältnisse anzupassen?

Wenn wir uns die Bevölkerung mit Zuwanderungsgeschichte anschauen, sehen wir, dass viele der Einwandererkinder auch Arbeiterkinder sind. Hier greift das grundsätzliche Thema der sozialen Herkunft, das nicht nur Migranten betrifft. In den Medien sind insgesamt wenige Arbeiterkinder vertreten. Es spielt auch eine Rolle, dass der Beruf nur bedingt attraktiv ist. Und dann haben sich die Medien lange Zeit selbst nicht infrage gestellt, was ihren Umgang mit Migration und Migranten betrifft. All diese Aspekte spielen natürlich eine Rolle und erklären, warum sich die Situation nicht von heute auf morgen ändert.

Wie fordern Sie mehr Vielfalt in den Medien ein?

Wir Neuen Deutschen Medienmacher fordern eine Migrantenquote im Medienbetrieb, auch wenn wir wissen, dass das in einer Zeit, in der Medien Stellen abbauen, schwer umzusetzen ist. Aber es geht um eine annähernd repräsentative Vertretung von Bevölkerungsgruppen in den Redaktionen. Viele Medien haben aber auch schon erkannt, dass sie ein Problem bekommen, wenn sie sich nicht auf die Gesellschaft zubewegen. Wenn die Zusammensetzung der Medienschaffenden nicht mit der Zusammensetzung der Bevölkerung korrespondiert, dann setzt ein Entfremdungsprozess ein. Die Zeit etwa hat sich das sehr deutlich auf die Fahnen geschrieben. Dort sind mit Alice Bota, Özlem Topçu und Khuê Pham drei junge Kolleginnen fest in der Redaktion verankert, die für die Generation der „Neuen Deutschen“ stehen. Die Botschaft dahinter lautet, dass Die Zeit nicht nur die weißhaarigen deutschen Studienräte, sondern ein viel breiteres und bunteres Publikum ansprechen will.

Unterscheidet sich der Anteil von Migranten in den einzelnen Medientypen? Wie ist es beispielsweise beim Fernsehen, wo es öffentlich-rechtliche und private Sender gibt?

Es gibt sicher Unterschiede, aber die sind nicht so groß. Die Fernsehsender waren bei dem Thema schneller als alle anderen, weil man dort eher unterhaltungs- und zielgruppenorientiert gedacht hat. Schon in den 1990er Jahren gab es bei den Privatsendern Moderatoren mit Zuwanderungsgeschichte. Bei den öffentlich-rechtlichen Medien, vor allem ARD und ZDF, gab es in den letzten zehn Jahren einen deutlichen Schub, auch weil das Thema im Zuge der Integrationsgipfel ins Bewusstsein gerückt ist. Wenn man heute den Fernseher einschaltet, bietet sich ein völlig anderes Bild als in den 1990er Jahren.

Schaut man sich hingegen die Entscheidungs- und Kontrollgremien an, sieht es ganz anders aus. Auch in den Redaktionen, wo über die Zusammensetzung von Talkrunden entschieden wird, ist es noch nicht so bunt. Das heißt, auf der Oberfläche hat sich einiges getan, aber es dauert eine Weile, bis sich das auch in der Tiefe durchsetzt.

Unter den Leitmedien sind vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender in der Pflicht. Sie haben einen Integrationsauftrag. Während Sender wie ARD, ZDF und WDR dieser Verantwortung nachkommen, gibt es andere wie den RBB, der seit der Einstellung des Radiosenders Multikulti in eine Art Tiefschlaf versunken ist. Ist das ein Strukturproblem oder ist die Diversität der Redaktionen abhängig von Personen?

Sicherlich hängt es immer sowohl von Personen als auch von der Struktur ab. Der RBB ist aufgrund der Zusammenlegung von Ost- und Westrundfunk ein riesiger Apparat, der eher Stellen abbaut, als Neueinstellungen vornimmt. Da ist wenig Raum für Fluktuation in den Redaktionen. Die Einstellung von Radio Multikulti war in meinen Augen ein großer Schritt zurück. Wenngleich man sicherlich darüber streiten kann, ob so ein Sender als Zusatzangebot notwendig ist oder man Vielfalt nicht besser zentral, in den einzelnen Redaktionen umsetzt. Aber auch das ist beim RBB leider nicht zu spüren. Im Gegensatz dazu zeigt der WDR mit Funkhaus Europa oder WDR Grenzenlos, dass man die interkulturellen Kompetenzen im Haus stärken kann, indem man Vielfalt zum Leitbild erhebt. Zugleich wird das Anliegen durch Zusatzangebote für spezielle Zielgruppen unterstützt. Dabei spielen natürlich auch finanzielle Möglichkeiten eine Rolle, aber letztendlich ist der Wille in den Führungsgremien ausschlaggebend.

Screenshot Neue Deutsche MedienmacherWie wirkt sich eine vielfältigere Zusammensetzung der Redaktionen auf Diskussionskultur und Themenauswahl aus?

Die Vielfalt der Kompetenzen innerhalb der Redaktion wächst, was dazu führt, dass meist lang gepflegte Vorurteile infrage gestellt werden. Bestimmte Bereiche wurden in deutschen Redaktionen lange gar nicht oder nur klischeebelastet behandelt. Journalisten mit interkulturellen Kompetenzen brechen diese etablierte Einseitigkeit der Betrachtungsweisen oft auf und sorgen für neue Perspektiven, in der Debatte und der Berichterstattung.

Hat sich in den letzten Jahren sichtbar etwas geändert oder werden Migration und Migranten noch immer vorrangig stereotyp und problemfokussiert dargestellt?

Hier kann man keine verallgemeinernden Aussagen treffen, aber es gibt Hinweise, dass sich das Bewusstsein in den Redaktionen wandelt. Das jüngste Beispiel ist die Debatte um die so genannte „Armutsmigration“ (vgl. Ausgabe 3/14, 1/14, 10/13), die deutlich sachlicher geführt wurde, als man es befürchten konnte. Diese von der Union lancierte Kampagne wurde von den Medien nicht eins zu eins aufgenommen, sondern sichtbar hinterfragt. In Talkshows gibt es weiterhin eine Tendenz zum Krawall und damit auch die Neigung, stereotypen Klassikern wie der Verbindung von Islam und Gewalt oder Ausländern und Kriminalität Platz einzuräumen.

Mangelt es in deutschen Redaktionen am Bewusstsein für stereotype Berichterstattung?

Selbstkritik oder die Kritik der eigenen Branche ist unter Journalisten nicht so wahnsinnig ausgeprägt. Aber die Branche hat das nötig! Mit Blick auf die Integrationsdebatte der letzten Jahre habe ich den Eindruck, dass die Politik teilweise weiter war als die Medien. Während Integrationsgipfel und Islamkonferenzen stattfanden, haben die Medien noch in einem Stil berichtet, als gäbe es eine homogene deutsche Gesellschaft sowie ein paar Randgruppen, über die man notgedrungener Weise schreiben muss. Die hysterischen Integrationsdebatten, ob über die Rütli-Schule oder Ehrenmorde (vgl. Ausgaben 4/06, 9/05, 3/05), aber auch die ganze Sarrazin-Diskussion (vgl. Ausgaben 1/11, 8/10, 7/10) gingen eher von den Medien aus.

Welche Möglichkeiten haben Medien, Pluralität positiv sichtbar zu machen?

Vielfalt zeigt sich nicht nur durch Journalisten mit Zuwanderungsgeschichte, sondern auch in den Themen, die Redaktionen aufgreifen. Das Phänomen „bad news is good news“ werden wir nicht abstellen. Vielmehr müssen wir uns auch weiterhin den negativen Facetten von Migration stellen. Aber es geht auch darum, positive Facetten von Einwanderung und Vielfalt darzustellen. Denn gesellschaftlich hat eine vorrangig negative Berichterstattung über Migration fatale Folgen. Vor allem ältere oder im ländlichen Bereich lebende Menschen, die selten direkt mit Migranten konfrontiert sind, nehmen Vielfalt vorrangig durch Medien wahr und sehen sich durch die defizit- und problemorientierte Medienarbeit in ihren Vorurteilen bestärkt (vgl. Ausgabe 10/11). Hier haben Redaktionen die Möglichkeit und die Verantwortung, positive Themen aufzugreifen und den Pfad der Negativberichterstattung immer wieder auch zu verlassen.

Sie haben dafür den Vielfalt-Finder ins Leben gerufen, mit dem man Experten mit Zuwanderungsgeschichte für die unterschiedlichsten Themenbereiche suchen kann.

Ja, denn wir finden, zu einer Normalisierung der Medienarbeit in der pluralistischen Gesellschaft gehört nicht nur, dass Menschen mit Migrationshintergrund bei Themen, die sie direkt betreffen, befragt und berücksichtigt werden. Das halten wir für selbstverständlich. Mit dem Vielfalt-Finder wollen wir Medien dabei unterstützen, auch bei allen anderen Themen Experten mit Zuwanderungsgeschichte zu konsultieren. Nur wenn Migranten selbstverständlich auch dann gefragt werden, wenn es nicht um Migration oder Integration geht, kann deutlich werden, dass sie Teil unserer Gesellschaft sind.

Im Diskurs nicht unumstritten ist die Formulierung "mit Migrationshintergrund". In Nordrhein-Westfalen hat man sich auf den Terminus "mit Zuwanderungsgeschichte" verständigt.

Die Formulierung "Menschen mit Migrationshintergrund" wurde vor Jahren von fachpolitischer Seite entwickelt und hat sich als Ersatz für Bezeichnungen wie "Ausländer", "ausländische Mitbürger" oder "Migranten" durchgesetzt. Inzwischen ist auch das eine Passepartout-Formel, in der sowohl Menschen mit ausländischer als auch mit deutscher Nationalität versammelt werden. Das ist nicht immer unproblematisch. Wichtig ist, immer wieder zu hinterfragen, wann welche Bezeichnung die betreffende Zielgruppe am besten umfasst und wann nicht. Es braucht immer wieder diesen Reflektionsprozess und die Bereitschaft, Zuschreibungen und Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, um die Diversität im Journalismus zu stärken, was wäre das?

Ich hielte es für sinnvoll, wenn man bei Stellenausschreibungen schreibt, dass Menschen mit Migrationshintergrund bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden. Das wäre ein praktikabler Ansatz, um die Vielfalt in den Redaktionen zu erhöhen.

Weitere Informationen: www.neuemedienmacher.de

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