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Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

20.6.2014 | Von:
Nicolas Richter, DOSB

Gastbeitrag: Integration in den und durch den organisierten Sport

Politik und organisierter Sport haben schon vor 25 Jahren über dessen Potenzial für die kulturelle Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte nachgedacht. Im Sport sind die Integrationserfahrungen und -möglichkeiten so vielfältig wie in kaum einem anderen Gesellschaftsbereich.

Die öffentliche Debatte um Sport und Integration in Deutschland kreist gern um bekannte Namen wie Mesut Özil, Lukas Podolski oder Jérôme Boateng. Fast immer jedenfalls konzentrieren sich einschlägige Medienbeiträge, Reden und Privatgespräche auf Fußball, längst nicht nur zu WM-Zeiten. Das hat mit dem herausragenden Status der Sportart zu tun und mit ihren unbestreitbar großen integrativen Möglichkeiten. In den Auswahlteams des Deutschen Fußball-Bundes treffen sich zahlreiche Deutsche mit Migrationshintergrund, im männlichen Juniorenbereich sind es schon mal über 50 %. Die besagte Debatte führt das oft auf Vorbildeffekte zurück – Özils Karriere als Versprechen auf Ruhm und soziale Anerkennung.

Sport vereint

Die fußballlastige Diskussion verzerrt die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Selbstverständlich findet Integration durch Sport auch außerhalb des grünen Rasens statt, täglich tausendfach. Der Deutsche Basketball Bund zum Beispiel beziffert den Anteil von Migranten in seinen Kaderteams auf 30-35 %, der Deutsche Boxsport-Verband geht gar von rund 50 % aus, bei den männlichen Nachwuchsteams auch mehr. Zudem beschränkt sich das integrative Potenzial des Sports bei Weitem nicht auf den Leistungssport sowie dessen vermeintliche oder reale Vorbildeffekte. Es offenbart sich eher an der Basis, in der Breite. Im Sport, zumal im gemeinsam betriebenen, lösen sich Unterschiede aller Art, auch kulturelle, nicht auf; aber sie sind selten ein Merkmal von Differenz. Sport spricht alle Sprachen: das ist Klischee, aber auch Fakt.

Die kulturelle Bremse

Dennoch ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund im organisierten Sport relativ gering. Empirische Messungen sind schwierig, Indizien weisen auf knapp 10 % hin, bei rund 19 % in der Gesamtbevölkerung. Der Anteil variiert stark, etwa nach Sportart, Geschlecht, Alter oder sozialer Herkunft. Auch der kulturelle Hintergrund spielt eine Rolle. Nicht nur, dass beispielsweise Fußball türkeistämmigen Jungen näher liegt als Leichtathletik oder Reiten. Schon das Organisationsgebilde deutscher Sportverein mit seinen Abteilungen und Vorständen, Anmeldeformularen und Mitgliedsgebühren ist vielen Migranten fremd. Untersuchungen wie die Expertise "Die Partizipation von Migrantinnen und Migranten am vereinsorganisierten Sport" des Göttinger Sportsoziologen Michael Mutz zeigen, dass etwa muslimische Mädchen und Frauen besonders selten in Vereine eintreten. Dies ist eine Folge religiöser respektive kultureller Normen – und ein Hinweis darauf, dass sich der Sport gezielt und strukturell öffnen muss, um alle Migrantengruppen zu erreichen.

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Fußball-WM in Brasilien: Deutschland auf Platz 3

Migration hat im Fußball eine herausragende Bedeutung erlangt. Das Siegerteam Frankreichs 1998 stand mit seiner Équipe Tricolore ("black, blanc, beur") für die Einwanderungsvielfalt Frankreichs. Das heutige DFB-Team hat sechs Spieler, die aus eingewanderten Familien stammen (vgl. Ausgabe 6/08). Der Blick auf den internationalen Arbeitsmarkt für Profi-Fußballer zeigt, dass die Teams fast aller in Brasilien beteiligten Nationalmannschaften durch Spieler, die im Ausland ihr Geld verdienen, geprägt sind. Das Bosmann-Urteil des Europäischen Gerichtshofes von 1995, wonach Vereine mehr als zwei ausländische Spieler gleichzeitig einsetzen können (Az. EuGH RS C-451/93), hat in Europa wesentlich zur Liberalisierung des Transfermarktes beigetragen. Nur die russische Nationalmannschaft greift nicht auf Spieler zurück, die außerhalb des Heimatlandes spielen. Aus dem deutschen WM-Team spielen sieben von 23 Spielern als Arbeitsmigranten im Ausland. Die höchste Mobilität weisen die WM-Spieler aus Bosnien-Herzegowina, der Elfenbeinküste, Ghana und Uruguay auf: Nur jeweils einer von 23 Spielern spielt in der heimischen Liga. Insgesamt sind 476 (65 %) aller WM-Spieler als "Fußball-Legionäre" oder "Gastarbeiter" des Sports außerhalb ihres Heimatlandes beschäftigt. Von allen WM-Teilnehmern spielen 60 nicht-deutsche Spieler in der Bundesliga. Deutschland liegt damit nach England und Italien auf Platz drei. Der Blick auf diesen internationalen Arbeitsmarkt zeigt sehr anschaulich, wie internationale Migration bei Hochqualifizierten funktioniert, wenn es kaum oder keine Grenz- oder Arbeitsmarktregulierungen und nur geringe Transaktionskosten für Migranten gibt. Und wo stehen die beiden klassischen Einwanderungsländer Australien und die USA? Sie sind für Fußballspieler echte Auswanderungsländer: 14 der 23 US-Spieler sowie 16 Spieler aus dem australischen Team kicken für eine Vereinsmannschaft außerhalb der USA bzw. Australiens.

Zum Thema: Rainer Ohliger, Netzwerk Migration in Europa e.V.

Der Sport wird aktiv

Wenn Migranten sportlich unterrepräsentiert sind, vollziehen sich kulturelle und soziale Integration in Deutschland langsamer als nötig: Darüber waren sich Politik und Sportverbände schon 1989 einig. Vor dem Hintergrund des sich auflösenden Ostblocks legten sie damals ein Programm auf, das sich zunächst an (Spät-)Aussiedler richtete, bevor es auf Migranten allgemein erweitert wurde. Es trägt den Namen "Integration durch Sport" (IdS), wird vom Bundesministerium des Inneren finanziert und vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gesteuert. Ziel ist die gegenseitige Annäherung der Landessportbunde bzw. -verbände (LSB/LSV) und sogenannter Stützpunktvereine hier sowie der Zugewanderten dort.

IdS ist nicht die einzige Integrationsinitiative im deutschen Sport. Der DFB unterstützt Projekte verschiedenster Art, darunter das jüngst gegründete interdisziplinäre Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität. Hinzu kommen große und kleine Initiativen anderer Verbände und Organisationen wie etwa "Kickfair", ein gemeinnütziger Verein, der Bildung durch Straßenfußball vermittelt, oder das Projekt "spin" ("Sport interkulturell") des LSB Nordrhein-Westfalen, das 6- bis 20-Jährige in Großstädten anspricht, vor allem Mädchen. IdS ist aber das umfassendste und inhaltlich breiteste Projekt in dem Themenfeld. Der Kern des Programms besteht darin, die bundesweit etwa 750 Stützpunktvereine durch ideelle und finanzielle Förderung zur interkulturellen Öffnung anzuregen. Sie findet nicht nur in speziellen Sportangeboten Ausdruck, etwa dem Schwimmkurs für Musliminnen (beziehungsweise für Frauen allgemein), der von einer Frau – im Idealfall einer Muslima – geleitet wird und keine Mitgliedschaft im Verein voraussetzt. Sie manifestiert sich ebenso im Bemühen um Trainer und Ehrenamtliche mit Migrationshintergrund – der Anteil Zugewanderter in den Vereinsvorständen liegt laut dem (bedingt repräsentativen) Sportentwicklungsbericht 2011/2012 bei 2,7 % – oder in interkulturellen Fortbildungen von Vereinsvertretern. Nahezu alle Stützpunktvereine kooperieren dabei mit anderen Einrichtungen – Kindergarten oder Schule, Integrationsamt oder Migrantenvertretung, Industrie- und Handelskammer oder Caritas –, um mehr Menschen zu erreichen und ihr Angebot zu erweitern, etwa um Sprachkurse oder Hausaufgabenhilfe. Das folgt dem Anspruch des Programms, das nicht Integration in den Sport heißt, sondern durch den Sport, also in die Gesellschaft. Denn ohne diesen Anspruch bliebe Özils Versprechen leer. Nicolas Richter, DOSB

Gastbeiträge geben nicht unbedingt die Ansicht der Redaktion oder der bpb wieder.

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