Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

Europa: Ungleiche Verteilung der Asylsuchenden


5.9.2014
Zahlreiche europäische Staaten haben im ersten Halbjahr 2014 so viele Asylanträge registriert wie im gleichen Zeitraum seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Damit setzt sich der Trend steigender Asylantragszahlen der vergangenen sechs Jahre fort. Eine Analyse der Asylstatistiken des Vorjahres zeigt die ungleiche Verteilung von Asylanträgen und -bewilligungen auf die einzelnen Staaten Europas.

Positive Entscheidungen in erster Instanz sowie neue Erst- & Folgeanträge auf Asyl, 2013Positive Entscheidungen in erster Instanz sowie neue Erst- & Folgeanträge auf Asyl, 2013 (© Deniz Keskin)

Immer mehr Menschen aus Krisenregionen suchen Schutz in der Europäischen Union. Dies geht aus dem Anfang Juli veröffentlichten »Jahresbericht« des Europäischen Asylunterstützungsbüros und der »fortlaufenden Asylstatistik« der Europäischen Statistikbehörde Eurostat hervor. Demnach hat sich die Zahl der in den EU-Mitgliedstaaten gestellten Asylerst- und Folgeanträge zwischen 2009 und 2013 von 260.730 auf 434.160 um zwei Drittel erhöht. Insgesamt gingen in der Europäischen Union so viele Asylgesuche ein wie seit 2001 nicht mehr, als 424.170 Menschen aufgrund der Nachwirkungen des Kosovokriegs und wegen des Afghanistankriegs Asyl beantragten.

Allein im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Asylanträge gegenüber dem Vorjahr um über 100.000 (31 %) an. Die in absoluten Zahlen meisten Asylanträge wurden in Deutschland gestellt. Mit 126.705 (+46 %) entfielen 2013 etwa ein Viertel aller Asylanträge in der EU auf die Bundesrepublik. Etwa halb so viele Anträge wurden in Frankreich gestellt (64.760; -2 %), gefolgt von Schweden (54.270; +33 %), dem Vereinigten Königreich (29.875; -6 %) und Italien (27.930; +67 %). 2013 entfielen 70 % aller in der EU gestellten Asylanträge auf diese fünf Mitgliedstaaten (vgl. Ausgaben 9/13, 4/13).

Asylbewerberquote



Vor dem Hintergrund der immer wieder geführten Debatte um eine gerechtere Verteilung der Asylantragsteller (vgl. Ausgabe 6/14) lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung des Verhältnisses von Asylbewerbern zur Bevölkerung in den EU-Mitgliedstaaten. Diese Asylbewerberquote ist seit 2009 im EU-Durchschnitt von etwa 5 auf annähernd 9 Schutzsuchende pro 10.000 EU-Bürger gestiegen. Im Vergleich zur jeweiligen Bevölkerungsgröße wurden 2013 die meisten Asylanträge in Schweden (57), Malta (53), Österreich (21), Luxemburg (20) sowie Ungarn und Belgien (je 19) registriert. Aber auch in Deutschland (16), Dänemark (13) sowie den Niederlanden, Frankreich und Bulgarien (jeweils 10) lag die Asylbewerberquote im vergangenen Jahr über dem EU-Durchschnitt.

Schutzquote



Insgesamt ist der Anteil der positiven Entscheidungen in erster Instanz (sog. Schutzquote) im EU-Durchschnitt von 27 % (2009) auf 34 % (2013) gestiegen. In der Regel werden im laufenden Jahr auch Erstanträge aus den Vorjahren bearbeitet, die dann in die Quote einfließen. Allein 2013 ist die Schutzquote im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozentpunkte gestiegen. Dies ist vor allem auf die doppelt so hohe Zahl von Asylanträgen syrischer Staatsbürger zurückzuführen, die in allen EU-Mitgliedstaaten in der Regel eine Anerkennung als Flüchtlinge erhalten. In Deutschland lag die Schutzquote im vergangenen Jahr bei insgesamt 26 % und damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt. In Frankreich fielen nur 17 % aller Entscheidungen positiv aus, dagegen wesentlich mehr im Vereinigten Königreich (38 %), in Schweden (53 %) und in Italien (64 %). Die unterschiedliche Zusammensetzung der Asylsuchenden trägt zum Teil zu den stark unterschiedlichen Schutzquoten der einzelnen EU-Mitgliedstaaten bei. So sind beispielsweise 80 % aller in der EU gestellten Asylanträge von serbischen Staatsbürgern in Deutschland gestellt worden. Deren europaweite Schutzquote ist im Vergleich mit 2 % verschwindend gering. In Schweden hingegen sind 72 % aller in der EU gestellten Asylanträge von staatenlosen Asylsuchenden sowie knapp ein Drittel aller in der EU registrierten Begehren syrischer Staatsbürger eingereicht worden, die mit 75 % beziehungsweise 90 % hohe EU-Schutzquoten genießen.

Die unterschiedlichen Schutzquoten schlagen sich in den tatsächlichen Aufnahmezahlen nieder, die den Eindruck, der durch die gestellten Asylanträge in den einzelnen Ländern entsteht, relativieren (siehe Grafik). Mit 24.015 positiven Entscheidungen hat Schweden die meisten Asylbewerber aufgenommen. In Deutschland wurden zwar die mit Abstand meisten Asylgesuche registriert, allerdings wurde nur 20.125 Asylsuchenden ein Schutzstatus zugesprochen. Italien hat 16.185 Asylgesuche positiv entschieden, Frankreich 10.470 und das Vereinigte Königreich 8.505.
Asylanträge in Deutschland 1990-2013Asylanträge in Deutschland 1990-2013 (© Deniz Keskin, www.denizkeskin.nl)

Flüchtlingsaufkommen: Diese Zahlen spiegeln nicht unbedingt das tatsächliche Aufkommen der Schutzsuchenden wider. So wurden in Italien im vergangenen Jahr 27.930 Asylanträge gestellt, während im selben Zeitraum fast doppelt so viele Bootsflüchtlinge (50.000) an den Küsten registriert wurden (vgl. Ausgabe 5/14). Offenbar versucht ein Teil der Schutzsuchenden, in andere europäische Länder zu gelangen, um dort einen Asylantrag zu stellen. Im vergangenen Jahr wurden in mehreren Studien die Aufnahme- und Unterbringungsbedingungen in Italien und anderen südeuropäischen Staaten kritisiert (vgl. Ausgaben 5/13, 3/13). Italien hatte in der Vergangenheit auch schon irregulär Eingewanderte mit temporären Visa ausgestattet und diese in andere europäische Staaten weiterreisen lassen (vgl. Ausgabe 4/11). Ferner berücksichtigen die Asylzahlen nicht das systematische Zurückdrängen (Push-Backs) von Schutzsuchenden an den übrigen EU-Außengrenzen durch nationale und europäische Grenzschutzbehörden, wie es Menschenrechtsorganisationen dokumentiert haben (vgl. Ausgaben 5/14, 2/14, 9/13).

Entwicklung 2014



Eurostat zufolge sind die Asylanträge im ersten Quartal 2014 im Vergleich zum ersten Quartal 2013 EU-weit um 30 % (+25.000) »angestiegen«. Demnach haben sich zwischen Januar und März 2014 die Asylbewerberzahlen in Lettland, Italien und Bulgarien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelt. Weiterhin werden die meisten Asylanträge in den EU-Mitgliedstaaten von syrischen, afghanischen und serbischen Staatsbürgern gestellt.

In einigen europäischen Ländern ist die Zahl der Asylgesuche auch in den Folgemonaten weiter gestiegen. Die niederländische Statistikbehörde verzeichnete eine Zunahme der Asylgesuche. Wie sie Mitte Juli »mitteilte«, hat sich die Zahl der Asylanträge im Vergleich zum ersten Halbjahr 2013 auf über 12.000 verdoppelt und ist damit so hoch wie zuletzt 2001. Mitte August »teilte« ferner das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mit, dass zwischen Januar und Juli 2014 ein Anstieg der Asylgesuche um 62 % registriert wurde (2014: 97.093; 2013: 59.838).

Trotz der Kritik der letzten Monate an den Unterbringungsverhältnissen von und dem Umgang mit Asylsuchenden in Deutschland (vgl. Ausgaben 2/14, 9/13), hat UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres die deutsche Asylpolitik gegenüber der Tageszeitung Die Welt ausdrücklich gelobt. "Deutschland spielt eine führende Rolle beim Flüchtlingsschutz und dient als positives Beispiel, dem andere europäische Staaten folgen können", zitiert ihn die Zeitung. Im Vorjahr hatte die Asylbewerberzahl in Deutschland den höchsten Stand seit 1999 erreicht. Die aktuellen Gesamtzahlen aus Erst- und Folgeanträgen sind jedoch immer noch niedriger als in jedem einzelnen Jahr in den 1990er Jahren (vgl. Ausgabe 2/14).

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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Thomas Hummitzsch für bpb.de

 
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