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5.9.2014 | Von:
Stefan Polt

Südostasien: Mehr als 20.000 Bootsflüchtlinge im ersten Halbjahr 2014

Nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks sind in den ersten sechs Monaten des Jahres mehr als 20.000 Menschen aus Südostasien über den Indischen Ozean geflohen. Damit ist die Zahl der Bootsflüchtlinge aus der Region seit Mitte 2012 auf rund 87.000 gestiegen.

AustralienAustralien (© Burak Korkmaz)

Hintergrund

Die Mehrzahl der Flüchtlinge sind Rohingya, Mitglieder einer muslimischen Minderheit, die im Westen Myanmars nahe der Grenze zu Bangladesch leben. Im Juni 2012 war es zu blutigen Zusammenstößen zwischen dieser Gruppe und der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung gekommen, infolge derer viele Muslime aus Myanmar flohen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte wiederholt die Unterdrückung der Rohingya durch den myanmarischen Staat, der ihnen die Anerkennung als einheimische Ethnie sowie die nationale Staatsbürgerschaft verweigert (vgl. Ausgaben 5/13, 9/12).

Fluchtroute

Der Weg der Bootsflüchtlinge führt durch den Golf von Bengalen und die Andamanensee nach Thailand sowie häufig weiter nach Malaysia und Indonesien. Laut den im August vorgestellten Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) flohen zwischen Juli 2013 und Juni 2014 rund 53.000 Menschen aus der Grenzregion von Bangladesch und Myanmar, was einen Anstieg um rund 61 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bedeutet. In der Regel werden die Betroffenen von Schlepperbanden auf große Fischerboote oder Frachtschiffe gebracht, die bis zu 700 Personen aufnehmen. Für die gefährliche, etwa zweiwöchige Überfahrt verlangen die Schlepper zwischen 50 und 300 US-Dollar. In Thailand angekommen, müssen die Flüchtlinge zusätzlich mehrere Tausend US-Dollar zahlen oder über Monate Zwangsarbeit leisten, um sich aus den Händen der Menschenschmuggler freizukaufen. Viele Flüchtlinge berichten von Schiffsunglücken sowie von Erkrankungen und Misshandlungen der Flüchtlinge in der Gefangenschaft. Das UNHCR geht von mindestens 200 Todesfällen aus.

Situation in Aufnahmeländern

Die Situation der Schutzsuchenden, die Thailand, Malaysia und Indonesien erreichen, ist nach UNHCR-Angaben in doppelter Hinsicht kritisch: Zum einen leiden viele Menschen unter den gesundheitlichen Folgen der Flucht. Zum anderen ist ihr rechtlicher Status prekär, da keiner der genannten Aufnahmestaaten zu den Unterzeichnern der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) zählt. Damit besteht keine Möglichkeit einer formalen Flüchtlingsanerkennung auf der Basis der GFK. Ohne einen solchen Schutz, ohne Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis drohen den Betroffenen wirtschaftliche Ausbeutung, Verhaftung und schlimmstenfalls die Abschiebung zurück nach Myanmar. Das UNHCR organisiert nicht nur die gesundheitliche und psychologische Betreuung der Bootsflüchtlinge, sondern verhandelt auch mit den lokalen Behörden, um den Flüchtlingen ein Bleiberecht in den Aufnahmeländern zu ermöglichen.

Australische Flüchtlingspolitik

Im Zusammenhang mit diesen Flüchtlingsbewegungen gerät auch die restriktive Politik Australiens in den Blick der Öffentlichkeit (vgl. Ausgabe 4/14). Mehrere hundert Menschen versuchten in den letzten Monaten, aus der Region nach Australien zu gelangen. Von neun Booten mit insgesamt mehr als 400 Menschen an Bord, die seit Anfang des Jahres von Südostasien in australische Gewässer gelangten, schickten die australischen Behörden sieben nach Indonesien und eines nach Sri Lanka zurück. 157 Flüchtlinge eines aus Indien kommenden Bootes wurden wiederum in ein Lager auf die mehr als 3.000 km von Australien entfernte Pazifik-Insel Nauru gebracht, wo auf eine Entscheidung über ihre Aufnahme in Australien warten.

Stefan Polt ist freiberuflicher Redakteur und Erwachsenenbildner.

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