Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

Interview: "Die Debatte um Neutralität muss neu geführt werden"


14.11.2014
In Deutschland tragen 28 % aller muslimischen Frauen ein Kopftuch. Viele von ihnen sind Akademikerinnen. Der Zugang zu Stellen in öffentlichen Institutionen bleibt jedoch insbesondere Lehramtsabsolventinnen mit Kopftuch häufig versperrt. Wir sprachen mit der Studentin und Mitinitiatorin des deutschlandweiten "Netzwerk für muslimische Lehrerinnen und Lehrer" Vildan Aytekin über gesetzliche Hürden, Mehrfachdiskriminierungen und ihren Wunsch nach einer besseren Teilhabe an feministischen Debatten.
Netzwerk muslimischer Lehrerinnen und Lehrer (NeLe) (© Netzwerk muslimischer Lehrerinnen und Lehrer (NeLe))

Frau Aytekin, im "Netzwerk muslimischer Lehrerinnen und Lehrer" (NeLe), das sie gemeinsam mit der Lehrerin Esma Başuslu sowie dem "Rat muslimischer Studierender und Akademiker" ins Leben gerufen haben, setzen Sie sich für die Anerkennung des Kopftuchs an deutschen Schulen ein. Wie ist derzeit die rechtliche Situation für muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch?

Das Bundesverfassungsgericht hat im Jahr 2003 entschieden, dass das Kopftuchverbot für Lehrerinnen nur dann gilt, wenn die Länder entsprechende Gesetze erlassen (vgl. Ausgaben 9/06, 8/03). Lediglich acht Bundesländer taten dies. In der Praxis müssen wir aber feststellen, dass die Ausnahme vom Kopftuchverbot den betroffenen Frauen in vielen Fällen nicht nützt. So finden sich in manchen Bundesländern, in denen es kein gesetzliches Kopftuchverbot gibt, einzelne Schulleitungen, die sich weigern, Lehrerinnen, die ein Kopftuch tragen, einzustellen. Sie bringen damit die Frauen in die Situation, ihr Recht einklagen zu müssen. Für die Betroffenen ist das eine Zumutung – man kann sich vorstellen, wie sie nach einer Klage unter der Atmosphäre im Kollegium zu leiden haben. Dieser soziale Druck sowie wirtschaftliche Gründe zwingen die betroffenen Frauen häufig dazu, ihr Kopftuch abzulegen oder eine andere Schule aufzusuchen, und sich damit dem diskriminierenden Ausschluss zu fügen (vgl. Ausgabe 3/09).

Die Argumentation gegen das Kopftuch im Unterricht beruft sich häufig auf das Prinzip der weltanschaulichen Neutralität in staatlichen Institutionen, das mit dem Tragen religiöser Symbole nicht vereinbar sei.

Unter dem Begriff der staatlichen Neutralität wird häufig nicht das verstanden, was rechtlich damit gemeint ist. Das Bundesverfassungsgericht hat in dem 2003 gefällten Urteil staatliche Neutralität so definiert, dass der Staat – und nicht einzelne Bedienstete des Staates – alle Religionen und Weltanschauungen gleichermaßen fördern muss und sich nicht auf eine Seite schlagen darf. Hier kam zum Ausdruck, dass das Kopftuch der Lehrerin die staatliche Neutralität nicht beeinträchtigt, da dieses der Person zugerechnet wird und nicht dem Staat. Die Frage ist doch auch, ob es wirklich das Kopftuch ist, an dem sich Neutralität festmachen lässt. Wie oft habe ich in meinen Praktika Situationen erlebt, in denen nicht-muslimische Lehrerinnen vor den Schülern sehr politische Positionen bezogen haben. Auf der anderen Seite kann natürlich auch eine muslimische Frau, die ihr Kopftuch ablegt, immer noch Dinge im Klassenraum äußern, die im Sinne der staatlichen Neutralität fragwürdig sind. Wir würden uns deswegen wünschen, dass die Debatte um Neutralität neu geführt wird.

Letztlich beobachten wir beim Kopftuchverbot auch eine weitere Diskriminierung von muslimischen Frauen im Namen der Neutralität: Jahrzehntelang hat man diesen Frauen vorgeworfen, dass es ihnen an Deutschkenntnissen und Ausbildung fehle und sie deshalb nicht auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen könnten. Wenn muslimische Frauen nun aber einen Hochschulabschluss vorweisen, bleibt ihnen der Zugang zu bestimmten Positionen in staatlichen Institutionen trotzdem verwehrt. Um diesen weiteren Ausschluss zu legitimieren, wird häufig das Argument der Neutralität herangezogen. Das finde ich manchmal fadenscheinig.

Was möchten Sie mit NeLe in dieser Diskussion erreichen?

Schaut man hinter das gesetzliche Kopftuchverbot, sieht man, was für einen gravierenden Einfluss die rechtliche Lage auf das Leben der betroffenen Frauen hat. Für viele ist die Vorstellung, mit einem abgeschlossenen Lehramtsstudium zu Hause zu sitzen, sehr deprimierend. Private Gründe lassen den Wohnortwechsel jedoch nicht immer zu. Auch ich fühle mich zunehmend von der rechtlichen Situation in NRW betroffen. Ich habe hier studiert, bin hier aufgewachsen und fühle mich hier verwurzelt. Ich möchte diesen Ort eigentlich nicht verlassen und merke, dass es vielen Lehramtsstudentinnen mit Kopftuch ähnlich geht.

Mit unserer Plattform wollen wir betroffenen Frauen eine Stimme geben, den Austausch unter ihnen fördern und gemeinsam die gesellschaftlichen Auswirkungen des Kopftuchverbots thematisieren. Schließlich führt es zu einem verzerrten Abbild der Realität, wenn Frauen mit Kopftuch vor der Schultafel als Lehrerinnen nicht vorkommen. Das gilt es zu ändern und zudem zu zeigen, dass es in Deutschland – anders als im medialen Diskurs dargestellt – viele sehr gebildete muslimische Frauen mit Kopftuch gibt

Um über Diskriminierungserfahrung von Frauen mit Kopftuch zu sprechen, wird von Seiten Ihres Netzwerks häufig der Ansatz der "Intersektionalität" thematisiert. Was verstehen Sie darunter?

Dieser Ansatz sensibilisiert dafür, dass in vielen Fällen verschiedene Diskriminierungsformen – zum Beispiel aufgrund der Hautfarbe, des Geschlechts, der Klasse oder der Nationalität – gleichzeitig wirken. Diese Diskriminierungsformen sollten nicht nur unabhängig voneinander, sondern auch in ihrem Zusammenspiel betrachtet werden, da sie in ihrer Kombination wiederum zu eigenständigen Diskriminierungserfahrungen führen.

Auch bei muslimischen Frauen mit Kopftuch vermischen sich häufig Diskriminierungen aufgrund ihrer Religion sowie ihres Geschlechts. Das Kopftuch, das im gesellschaftlichen Diskurs zum Symbol der Unterdrückung wurde, führt dazu, dass muslimische Frauen mit Kopftuch in der feministischen Debatte von vornherein ausgeschlossen werden. So erhalten sie nur selten die Möglichkeit, ihr Verständnis von Weiblichkeit, Emanzipation und Sexualität in die Diskussion einzubringen.

Stattdessen müssen sie sich in Werbung und Medien meist von den hier dominant abgebildeten nicht-muslimischen Frauen repräsentieren lassen – häufig auf eine Art und Weise, wie sie sich selber nicht verstehen. Anstatt Frauen mit Kopftuch aktiv als Sprecherinnen in die feministische Debatte einzubeziehen, bleibt es meist beim Sprechen über diese, wodurch bestehende Frauenbilder letztlich unangetastet und die unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen von Frauen mit Kopftuch außen vor bleiben.

Von welchen persönlichen Diskriminierungserfahrungen berichten die Frauen bei NeLe?

Neulich fand eine Lehramtsstudentin zu uns, die sich aufgrund ihrer Bewerbung für das Referendariat an die studentische Rechtsberatung ihrer Universität gewandt hatte. Wie in NRW üblich wurde sie von der Bezirksregierung aufgefordert, zu begründen, warum sie während ihres Referendariats von ihrem Recht, ein Kopftuch zu tragen, Gebrauch machen will und suchte nun nach Formulierungsmöglichkeiten. Anstatt sie in der Sache zu beraten, wurde ihr von Seiten der Rechtsberatung jedoch entgegnet, dass sie "laut Koran" ja eigentlich gar kein Kopftuch tragen müsse und dieses doch ablegen könne, was die Sache schließlich einfacher machen würde.

Solche Situationen ergeben sich im Alltag sehr häufig: Man versucht den Frauen nahezulegen, sich "zu emanzipieren" und unterstellt ihnen gleichzeitig – wenn auch meist nicht mit böser Absicht – eine Unmündigkeit. Die Diskriminierung von muslimischen Frauen fängt dabei meist schon im Schulalter an (vgl. Ausgabe 7/13). Wir hören häufig von Situationen, in denen die Schülerinnen von den Lehrern vor die Klasse gestellt und zu ihrer Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen, befragt werden. Ich weiß, wie unangenehm es sein kann, in eine solche Rechtfertigungsposition gebracht zu werden, bei der die eigene Religion so vorgeführt wird.

Im Auswärtigen Amt wurde Anfang des Jahres eine gläubige Muslimin und Deutsch-Palästinenserin als Sprecherin eingestellt. Steht dieses Beispiel für einen Wandel im Diskurs über Muslime in Deutschland?

Ich sehe darin auf jeden Fall eine positive Entwicklung, glaube aber, dass es noch ein sehr langer Weg ist, bis solche Entwicklungen in der Schule ankommen und bestehende Bilder auch dort neu besetzt werden. Dennoch: Wir positionieren uns bei NeLe zwar häufig kritisch zur aktuellen Diskussion über muslimische Frauen in Deutschland, möchten aber Beispiele wie diese nicht unter den Tisch kehren. Wir sehen es auch als Zeichen für einen gesellschaftlichen Wandel, dass man unserem Netzwerk heute mit großer Offenheit begegnet.

Hier finden Sie eine Übersicht der Landesgesetze und relevante Gerichtsurteile zum Kopftuchverbot für Lehrkräfte in Deutschland.

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Autor: Ellen Kollender für bpb.de
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