Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

12.12.2014 | Von:
Vera Hanewinkel

Herkunftsländer von Flüchtlingen in Europa: Afghanistan und Pakistan

Afghanistan und Pakistan zählen zu den wichtigsten Herkunftsländern von Menschen, die in Europa Asyl suchen. Wir setzen unsere Mini-Serie über die Lebensumstände in den derzeit wichtigsten Ursprungsländern von Fluchtbewegungen mit der Betrachtung der Situation in diesen beiden Ländern fort.

Afghanistan

AfghanistanAfghanistan (© Burak Korkmaz)
Seit Jahrzehnten herrschen im Vielvölkerstaat Afghanistan Krieg und politische Instabilität. Neben innerstaatlichen Machtkämpfen kam es auch zu Eingriffen durch ausländische Truppen. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde das Land zum primären Ziel der USA im "Kampf gegen den Terror", weil das Taliban-Regime zahlreichen islamistischen Gruppen, darunter Anhängern der für die Anschläge verantwortlichen Al Qaida, Unterschlupf gewährt hatte (vgl. Ausgaben 2/02, 1/02, 8/01). Obwohl seitdem massive finanzielle Ressourcen in den zivilen Wiederaufbau geflossen sind, zählt Afghanistan auf dem Human Development Index (HDI) weiterhin zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Seit ihrem Sturz bekämpfen die Taliban die afghanische Regierung und die internationalen Truppen, die in Afghanistan stationiert sind, von Pakistan aus. Die Zahl der Opfer ihrer terroristischen Anschläge nimmt weiter zu. Beobachter gehen davon aus, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan nach dem Abzug der ausländischen Truppen Ende 2014 weiter verschärfen und der Einfluss der Taliban wieder zunehmen wird. Ortskräfte, die für die ausländischen Truppen arbeiteten, sowie deren Familien ersuchen die jeweiligen Staaten um Asyl, weil sie fürchten, als vermeintliche "Kollaborateure" besonders bedroht zu sein (vgl. Ausgaben 9/13, 5/13).

Das ursprüngliche Ziel der internationalen Mission, die Stabilisierung und Befriedung des Landes, wurde nicht erreicht. Die Menschenrechtssituation im Land ist insbesondere für Frauen prekär. Zwar verpflichtet sich die 2004 in Kraft getretene Verfassung internationalen Menschenrechtsstandards. Ihre Durchsetzung ist allerdings unzureichend, wie Amnesty International und Human Rights Watch regelmäßig berichten. In weiten Teilen des Landes ist die Zentralregierung kaum präsent, die Bevölkerung bringt ihr wenig Vertrauen entgegen. Nicht zuletzt sorgen Korruptionsskandale, Vorwürfe von Wahlfälschung und die Verwicklung in Drogengeschäfte für ein Legitimationsdefizit, das der politischen Stabilisierung entgegenwirkt.

2013 lebten Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) zufolge weltweit 2,56 Mio. afghanische Flüchtlinge außerhalb ihres Herkunftslandes – mehr als aus jedem anderen Land (vgl. Ausgabe 6/14). Afghanistan führte in 86 Ländern die Rangliste der wichtigsten Flüchtlingsherkunftsländer an (vor Syrien und Somalia); die meisten dieser Flüchtlinge haben in Iran und Pakistan Zuflucht gefunden. In der EU stellten im vergangenen Jahr 26.200 Afghanen einen Asylantrag.

Pakistan

Seit Jahren führen innerstaatliche Konflikte sowie Naturkatastrophen zur Flucht von Tausenden Pakistanern (vgl. Ausgaben 4/14, 7/10, 5/09). Im vergangenen Jahr stellten 20.815 pakistanische Staatsangehörige einen Asylantrag in der EU. Pakistan war damit hinter Syrien, der Russischen Föderation, Afghanistan und Serbien das fünftwichtigste Herkunftsland von Asylsuchenden in der EU (vgl. Ausgabe 6/14). Nach Angaben des UNHCR gab es im Januar 2014 zudem rund 750.000 Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons, IDPs) im Land. Zu den Ursachen für diese Fluchtbewegungen zählen bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den radikalislamischen Taliban, die sich seit 2009 verschärft haben, wie das Auswärtige Amt in Berlin berichtet.

Die Taliban überziehen das Land mit Repression und Gewalt, die die innere Sicherheit Pakistans bedrohen. In einigen ländlichen Regionen herrschen zudem immer noch feudale Machtstrukturen. Angehörige ärmerer Bevölkerungsschichten sind dort der Willkür von Großgrundbesitzern ausgeliefert. In den pakistanischen Stammesgebieten, in denen die Taliban ihre Basis haben, werden die Verfassung und die darin verbrieften Bürgerrechte nicht anerkannt. Die Menschenrechtslage ist dort besonders prekär. Internationale Beobachter befürchten einen Staatszerfall aufgrund der innerstaatlichen Machtkonflikte, fehlender funktionierender Institutionen, mangelnder Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit sowie der exponierten Stellung des Militärs.

Amnesty International und Human Rights Watch berichten seit Jahren von rechtswidrigen Tötungen und der Praxis des Verschwindenlassens von Menschen durch Sicherheitskräfte, von Sprengstoff- und Selbstmordanschlägen durch die pakistanischen Taliban und andere Milizen. Gewalt gegen Frauen und religiöse Minderheiten sind an der Tagesordnung, die Todesstrafe wird immer noch praktiziert. Das Land gehört laut HDI zur Gruppe der Länder mit "niedriger menschlicher Entwicklung".

Anlass zu vorsichtiger Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation gab die Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2013. Bei dieser wurde erstmals in der Geschichte des Landes eine gewählte Regierung nach vollen fünf Jahren Amtszeit durch reguläre Wahlen abgelöst. Die Friedensverhandlungen der Regierung unter Ministerpräsident Nawaz Sharif (Pakistan Muslim League-N) mit den Taliban blieben bislang allerdings ohne Erfolg. Fehlende Dialogbereitschaft auf Seiten der Islamisten führte stattdessen im Sommer 2014 zu einer groß angelegten Militäroperation, um deren Einfluss in einigen Landesteilen durch die Zerstörung der Infrastruktur der Organisation zurückzudrängen. Dennoch stellen "Militanz und Terror weiter eine ernst zu nehmende Bedrohung für die innere Sicherheit Pakistans dar", so das Auswärtige Amt. Es ist daher von weiteren Fluchtbewegungen aus Pakistan auszugehen.

Zugleich hat Pakistan weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen. 1,6 Mio. Schutzsuchende beherbergte das Land 2013, sie stammten fast ausnahmslos aus dem Nachbarland Afghanistan (vgl. Ausgaben 6/14, 7/01). Die Flüchtlingsaufnahme und -versorgung stellt für den pakistanischen Staat eine zusätzliche Herausforderung dar.

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Autor: Vera Hanewinkel für bpb.de
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