Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

Vereinigtes Königreich: Einwanderungsland wider Willen


29.1.2015
Das Thema Einwanderung steht in Großbritannien seit einigen Jahren ganz oben auf der politischen Agenda. Dem jüngsten Eurobarometer zufolge sehen die Briten das Thema Einwanderung als größte Herausforderung, der das Land derzeit gegenübersteht. Was sind die Hintergründe dieser Entwicklung? Ein Blick in die Migrationsgeschichte des Landes.

GroßbritannienGroßbritannien (© Burak Korkmaz)
Das Vereinigte Königreich hat sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Einwanderungsland entwickelt. In den Nachkriegsjahren wurde der Bedarf an Arbeitskräften überwiegend mit Arbeitern aus den damaligen britischen Kolonien gedeckt. Alle Menschen, die innerhalb des British Empire geboren wurden, galten als britische Staatsangehörige und profitierten bis 1962 von privilegierten Einwanderungsbedingungen. In den darauffolgenden Jahren wurden diese immer weiter eingeschränkt, bis die Regierung 1971 festlegte, dass für Bürger der Commonwealth-Staaten dieselben gesetzlichen Regelungen gelten sollten wie für alle anderen ausländischen Staatsangehörigen. Diese Regelung trat 1973 mit der Öffnung der Grenzen für Arbeitskräfte aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Kraft. Bis in die 1990er Jahre kam die Mehrzahl der Einwanderer zum Zwecke der Familienzusammenführung ins Land.

2002 trat ein neues Nationalitäts-, Einwanderungs- und Asylgesetz in Kraft, das die Zuwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften aus Drittstaaten durch die Einführung eines Punktesystems fördern sollte. Dieses wurde 2006 zu einem fünfstufigen Punktesystem ausgearbeitet. Eine Aufenthaltserlaubnis erhalten nur Bewerber, die unter anderem aufgrund ihrer Qualifikation und des Arbeitsmarktbedarfs ausreichend Punkte erwerben. Für einige Arbeitssegmente wie den Lehrerberuf, Pflegepersonal oder Ingenieure ist die Zahl der jährlich ausgestellten Aufenthaltserlaubnisse zudem begrenzt.

Während die Einwanderung von Drittstaatsangehörigen bereits seit den 1960er Jahren zunehmend eingeschränkt wurde, ist die Zuwanderung aus EU-Staaten erst seit dem Beitritt der osteuropäischen Staaten 2004 umstritten. Die vor der EU-Erweiterung von der sozialdemokratischen Labour-Regierung getroffene Entscheidung, Staatsangehörigen aus den neuen Mitgliedstaaten unmittelbar Zutritt zum Arbeitsmarkt des Vereinigten Königreichs zu gewähren, führte dazu, dass bis 2011 rund 730.000 Menschen aus den neuen EU-Mitgliedstaaten zuwanderten. Die Zahl der im Vereinigten Königreich lebenden polnischen Staatsangehörigen hat sich in nur einem Jahrzehnt fast verzehnfacht (2001: 58.000, 2011: 579.000). Daneben zählen Indien (694.000 Personen), Pakistan (482.000) und Irland (407.000) zu den Hauptherkunftsländern von im Ausland geborenen Einwohnern des Vereinigten Königreichs. Deren Zahl belief sich laut Zensus 2011 auf 7,5 Mio. Menschen (13 % der Gesamtbevölkerung).

Die britische Staatsangehörigkeit können diese in der Regel nach einem fünfjährigen legalen Aufenthalt im Land beziehungsweise nach drei Jahren Ehe mit einem britischen Staatsbürger beantragen. Seit 2005 müssen sie einen Einbürgerungstest bestehen, der ihre Kenntnisse der Sprache, britischen Geschichte und Gesellschaft abfragt. Im Vereinigten Königreich geborene Kinder von Zugewanderten mit dauerhafter Aufenthaltsgenehmigung oder anerkannten Flüchtlingen erhalten die britische Staatsbürgerschaft automatisch.

Die seit 2010 amtierende Regierungskoalition aus Konservativen und Liberaldemokraten unter Premierminister David Cameron (Tories, konservativ) hat mehrfach angekündigt, die jährliche Nettomigration auf unter 100.000 senken zu wollen (vgl. Ausgaben 9/14, 2/14, 8/11) – bislang allerdings ohne Erfolg. Zwar ist die Zahl der Asylanträge seit den frühen 2000er Jahren infolge einer Reihe von Einschränkungen des Asylrechts (vgl. Ausgaben 9/03, 2/03, 4/00) drastisch gesunken, die EU-Binnenmigration kann die Regierung im Gegensatz zur (freiwilligen) Migration aus Drittstaaten aber nur indirekt einschränken. Camerons Vorstoß, das Recht auf Freizügigkeit einschränken zu wollen, ist von der EU-Kommission bereits deutlich kritisiert worden (vgl. Ausgabe 8/14).

Dieser Text ist eine Zusammenfassung des Länderprofils Vereinigtes Königreich.

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Autor: Vera Hanewinkel für bpb.de
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