30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

20.3.2015 | Von:
Masoumeh Bayat

Chancengleichheit als Schlüsselherausforderung der Bildungspolitik

Bildung gehört zu den politischen Kernthemen der Europäischen Union, um Wachstum und Stabilität langfristig zu gewährleisten. Immer stärker werden dabei inklusive Bildungsansätze als wegweisend erachtet, weil sie vorhandenen Chancenungleichheiten entgegenwirken. Gerade bezogen auf Menschen mit Migrationshintergrund ergeben sich zahlreiche bildungspolitische Herausforderungen, die angegangen werden müssen. In Deutschland werden europapolitische Strategien wie "Europa 2020" jedoch noch immer nicht hinreichend umgesetzt.

Spätestens mit den Ergebnissen der PISA-Studie aus dem Jahr 2000 sind internationale Bildungsmissstände deutlich hervorgetreten und Personen mit Migrationshintergrund als besonders benachteiligte Gruppe in den Bildungssystemen identifiziert worden (vgl. Ausgaben 10/07, 3/03, 1/02). Erneut bestätigt wird diese Erkenntnis durch die im November 2014 veröffentlichten Ergebnisse des Europäischen Netzwerks zur Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund (SIRIUS). Seit das Netzwerk 2011 von der Europäischen Kommission ins Leben gerufen wurde, führt es kontinuierlich Analysen zu Bildungsprozessen durch, die nun zusammengefasst vorliegen.

Die Bildungssysteme in Europa schließen junge Menschen mit Migrationshintergrund aus. Sie gehören überproportional oft zu den Leistungsschwachen, besonders betroffen sind davon junge Menschen mit Wurzeln in Drittstaaten. Dies ist hauptsächlich auf den häufig niedrigen sozioökonomischen Status sowie auf Sprachdefizite zurückzuführen, die in den Bildungssystemen nicht kompensiert werden.

Um diese und weitere grundlegende Bildungsdefizite zu beheben, hat die Europäische Union im Rahmen ihrer 2010 initiierten Wachstumsstrategie Europa 2020 auch eine Bildungs- und Ausbildungsstrategie (Education and Training Strategy, ET 2020) entwickelt und klare, EU-weite Bildungsziele gesteckt. Dazu zählen etwa die Verringerung der Quote der Schulabbrecher von durchschnittlich 12,7 % (2012) auf weniger als 10 %. Aber auch die Erhöhung des Anteils von Personen zwischen 30 und 34 Jahren mit einem Hochschulabschluss von 35,7 % (2012) auf mindestens 40 % ist eines der gesteckten Ziele. Das SIRIUS-Expertennetzwerk soll zur erfolgreichen Umsetzung dieser Ziele beitragen.

Zu einer erfolgreichen Bildungsstrategie gehören dem SIRIUS-Bericht zufolge mehrere Aspekte, etwa die Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung oder das Vermeiden einer Konzentration von bildungsschwachen Schülern in einer Lernumgebung. Aber auch die Förderung von Mehrsprachigkeit, die Professionalisierung von Lehrkräften im Themenfeld "Vielfalt", die Erhöhung der Anzahl von Lehrern mit Migrationshintergrund sowie die gezielte Förderung von neu ins Bildungssystem eintretenden Menschen mit Migrationshintergrund seien notwendig. Der Ausbau von Gesamtschulen und Schulklassen, die sowohl ethnisch als auch sozioökonomisch heterogen sind, bildet eine von weiteren konkreten Maßnahmen, die das Netzwerk als notwendig erachtet, um die anvisierten Ziele erreichen zu können.

Vom Erreichen der europapolitisch gesteckten Bildungsziele ist Deutschland teilweise noch weit entfernt. So ist die soziale Herkunft in Deutschland nach wie vor auffallend eng an den Schulerfolg gekoppelt und führt zu signifikanten Chancenungleichheiten. Schüler mit Migrationshintergrund sind davon besonders häufig betroffen und tragen die negativen Auswirkungen der Benachteiligung im Bildungssystem bis ins Erwerbsleben hinein, wie der im Juni 2014 veröffentlichte nationale Bildungsbericht wiederholt bestätigt hat (vgl. Ausgabe 6/06).

Der vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) vorgelegte Bericht stellt der Bundesrepublik mit Blick auf die bildungspolitischen Entwicklungen insgesamt ein durchwachsenes Zeugnis aus: So liegt Deutschland mit 10,6 % im europäischen Mittelfeld und verfehlt knapp das EU-weite Ziel, die Quote vorzeitiger Schulabgänger auf 10 % zu verringern. Mit einer Quote von 17 % verlassen Menschen mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so häufig vorzeitig die Schule als solche ohne Migrationserfahrung. Zwar verbessert sich das Bildungsniveau in der Bundesrepublik konstant, was sich etwa im anhaltenden Trend zu höheren Schulabschlüssen zeigt. Allerdings haben bislang nur 32 % aller 30- bis 34-Jährigen einen Hochschulabschluss. Damit liegt Deutschland unter dem EU-Durchschnitt von 36 % und dem für 2020 von der EU gesteckten Zielwert von 40 %. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund schneiden hier signifikant schlechter ab als die Vergleichsgruppe ohne Migrationserfahrung. Der Anteil der Hochschulabsolventen unter den 30- bis 34-Jährigen fällt bei ihnen um 4 bis 8 % geringer aus.

Die aktuellen Befunde belegen, dass Deutschland angesichts der wachsenden Zahl junger Menschen mit Migrationshintergrund eine weitaus effizientere inklusive Bildungspolitik verfolgen muss. Ganztagsschulen und frühkindliche Bildung stellen dabei Kern­elemente dar, die weiterer politischer Maßnahmen und höherer Investitionen in den Bildungsbereich bedürfen, damit Deutschland die Ziele von "Europa 2020" erreicht.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Masoumeh Bayat für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.