Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

24.11.2011

Rezension: "Die deutschen Vietnamesen"

Etwa 150.000 Menschen vietnamesischer Herkunft leben legal oder illegal in Deutschland. In den Debatten um die Integration von Zuwanderern kommen sie nur am Rande vor. In ihrem Buch widmen sich Nguyen Phuong-Dan und Stefan Canham jenen Vietnamesen, die nach einem Aufenthalt in Deutschland wieder in ihr Herkunftsland zurückgekehrt sind.

Das Buch enthält 13 Porträts, die jeweils aus einer Kurzbiographie und einem Interviewausschnitt bestehen. Auf zahlreichen Fotos werden die Migranten an ihren aktuellen Wohnorten in Vietnam sowie während ihres Aufenthalts in Deutschland gezeigt. Ergänzt werden die Einzelgeschichten durch einen Essay der Kulturwissenschaftlerin Kristin Mundt, die den historischen Rahmen der Einwanderung aus Vietnam umreißt.

Aus den Porträts wird deutlich, wie heterogen die Gruppe der vietnamesischen Migranten ist. Es gibt jene, vornehmlich aus dem Süden des Landes, die Ende der 1970er Jahre als Boatpeople ihr Land verließen und in der Bundesrepublik Zuflucht fanden. Die meisten sind geblieben, denn als so genannte Kontingentflüchtlinge erhielten sie einen gesicherten Aufenthaltsstatus. Einige kehrten im Alter nach Vietnam zurück, um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Anders sieht es für die größtenteils aus dem Norden Vietnams stammenden ehemaligen Vertragsarbeiter der DDR aus. Als die Mauer fiel, sollten sie früher als geplant zurückkehren. Viele sind dennoch geblieben und lebten jahrelang mit einer Duldung oder ohne gültigen Aufenthaltsstatus in Deutschland. Einige wurden schließlich abgeschoben, andere sind freiwillig zurückgekehrt. Eine weitere Gruppe kam bereits Mitte der 1950er als Kinder Jahre in die DDR, um dort ausgebildet zu werden. Wieder andere kamen nach der Wiedervereinigung mit einem Stipendium, blieben einige Jahre zum Studium und kehrten nach Vietnam zurück.

Die Erinnerungen der Migranten fallen entsprechend unterschiedlich aus. Jene, die nach einem Studium freiwillig zurückgekehrt sind, heben hervor, wie unkompliziert ihr Leben in Deutschland mit einem Stipendium war. Andere berichten hingegen davon, wie sie von Arbeitgebern ausgebeutet wurden und wegen fehlender Aufenthaltsgenehmigungen nicht zur Polizei gehen konnten. Auch von der Enge in Asylbewerberunterkünften wird berichtet und davon, wie einige in Apathie verfallen sind, weil sie während der Zeit ihres Asylgesuchs nicht arbeiten durften.

Was die Erzählungen trotz all dieser Unterschiede verbindet, ist die persönliche Erfahrung der Migration nach Deutschland. Eine Stärke des Buches liegt darin, den oft abstrakten Diskurs über Migration lebendig zu machen.

Unabhängig davon, wie ihr Leben in Deutschland verlaufen ist und ob sie freiwillig nach Vietnam zurückgekehrt sind oder abgeschoben wurden, eines wird in den Erzählungen deutlich: der Aufenthalt in Deutschland hat Spuren hinterlassen. Fast alle Porträtierten berichten von Anpassungsschwierigkeiten nach der Rückkehr. Viele haben noch heute persönliche Kontakte in Deutschland, einige würden gern wiederkommen.

Einen kompletten Überblick über die Vietnamesen in Deutschland wie es der Titel verspricht, kann das Buch jedoch nicht bieten. Zu lange liegt die Migration der meisten Porträtierten zurück. Auch kommt das wichtige Thema der zweiten Generation hier nicht vor. Was das Buch liefert, sind authentische Geschichten. Und die sind lesenswert und bisher kaum bekannt. me

Nguyen Phuong-Dan, Stefan Canham: Die deutschen Vietnamesen. 2011, Berlin. ISBN 978-3-941825-23-9, 34 Euro, www.peperoni-books.de