Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

6.9.2011

Deutschland: Studie zu Einstellungen zur Einbürgerung und zu Fremdenfeindlichkeit

Lebensstil und Sprachkenntnisse sind für die Mehrheit der Deutschen wichtiger für eine Einbürgerung als die "ethnisch deutsche Abstammung". Dies ist das Ergebnis der Langzeitstudie "Fremdenfeindlichkeit und Einstellungen zur Einbürgerung", die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Anfang August veröffentlichte.

Die DIW-Studie stützt sich auf repräsentative Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) und der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS). Sie vergleicht vor allem, wie sich die Einstellung von Menschen ohne Migrationshintergrund ("Deutsche") hinsichtlich Fremdenfeindlichkeit im Zeitraum 1999 und 2009 und hinsichtlich Einbürgerung im Zeitraum 1996 und 2006 verändert hat. Verfasst wurde die Studie von den Soziologinnen Ingrid Tucci (DIW) und Claudia Diehl (Universität Göttingen).

Der Studie zufolge nannten 1996 noch 12% der Westdeutschen und 17% der Ostdeutschen auf die Frage "Wer darf Deutsche/r werden?" die deutsche Abstammung, Geburt oder eine lange Aufenthaltsdauer in Deutschland als Kriterien. 2006 hielten nur noch 4% (West) und 3% (Ost) die "ethnisch deutsche Abstammung" für das entscheidende Kriterium. Stattdessen wurden stärker die Beherrschung der deutschen Sprache oder die Anpassung an den deutschen Lebensstil genannt. 2006 betonten 57% der Westdeutschen und 54% der Ostdeutschen die besondere Wichtigkeit dieser verhaltensabhängigen Kriterien für die Einbürgerung, rund drei Mal mehr als 1996.

Der Wandel in den Einstellungen der Deutschen wird im Bericht u. a. auf Änderungen des Staatsbürgerschaftsrechts zurückgeführt, insbesondere auf die Einführung des ius-soli-Prinzips. Demnach erhalten Kinder ausländischer Eltern seit 1. Januar 2000 automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn sie in Deutschland geboren wurden und mindestens ein Elternteil hier seit mehr als acht Jahren rechtmäßig lebt (vgl. MuB 1/09, 7/08, 4/99). Durch diese "Abkehr vom traditionellen Selbstverständnis Deutschlands als Abstammungsnation" habe in der Bevölkerung das Kriterium der deutschen Abstammung in den letzten Jahren an Bedeutung verloren, so die Autorinnen. "Darüber hinaus dürfte die Diskussion um 'Deutschland als Einwanderungsland' wie auch die Beschäftigung mit der Integration von Migranten für diesen Wandel der Einstellungen eine wichtige Rolle gespielt haben", sagte Tucci.

Der Wandel der Einstellungen zu Einbürgerungen sei jedoch nicht automatisch mit einem Rückgang der Fremdenfeindlichkeit verbunden: "Personen, die das Verhalten und die kulturelle Anpassung der Migranten als entscheidendes Kriterium für die Staatsbürgerschaft erachten, weisen genauso oft stark fremdenfeindliche Einstellungen auf wie Personen, die die ethnische Zugehörigkeit für bedeutsamer halten", erläuterte Tucci. Auch die Forderungen nach ziviler und kultureller Anpassung seien in ihrer Bedeutung schwierig einzuschätzen und müssten näher untersucht werden: "Es ist unklar, ob die Deutschen unter Lebensstilanpassung das Erlernen der Verkehrssprache sowie die Anerkennung von im Grundgesetz verankerten Werten wie der Gleichberechtigung von Mann und Frau verstehen oder eine weitergehende kulturelle Assimilation", heißt es in dem Bericht.

Insgesamt hätten sich die Deutschen dem Thema Zuwanderung aber geöffnet: Die Anzahl der Befragten mit stark ausgeprägten fremdenfeindlichen Einstellungen ist zwischen 1996 und 2006 zurückgegangen, in Westdeutschland von 9% auf 4% und in Ostdeutschland von 15% auf 4%.

Besonders auffällig sei, dass im Jahr 2006 deutlich weniger Befragte erklärten, Ausländer würden den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen oder Probleme auf dem Wohnungsmarkt verursachen. Allerdings hält sich die Ansicht, dass Ausländer die Sozialsysteme belasteten und häufiger Straftaten begingen. Dafür denken aber mehr Menschen, Zuwanderer seien eine Bereicherung für die Kultur in Deutschland.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass weniger Menschen als früher wegen des Themas Zuwanderung besorgt sind. Gaben im Jahr 1999 noch mehr als ein Drittel aller Bundesbürger ohne Migrationshintergrund an, sich "große Sorgen" über die Zuwanderung zu machen, trifft dies zehn Jahre später nur noch auf etwa ein Viertel zu. Zwischen 1999 und 2009 hat sich der Anteil derer, die sich keine Sorgen über die Zuwanderung machen, von 16% auf 32% verdoppelt. Insgesamt machen sich Arbeitslose und diejenigen, deren Arbeitsplätze am stärksten von konjunkturellen Schwankungen abhängig sind, am häufigsten Sorgen über die Zuwanderung potenzieller Arbeitskräfte, heißt es im Bericht. Dies erklären die Wissenschaftlerinnen u. a. damit, dass ein niedriges Bildungsniveau generell mit skeptischeren Einstellungen zur Zuwanderung einhergehe. Fremdenfeindlichkeit sei bei günstigen ökonomischen Bedingungen niedriger.

Weitere Informationen:

Ingrid Tucci, Claudia Diehl: "Fremdenfeindlichkeit und Einstellungen zur Einbürgerung"; Zusammenfassung der Studienergebnisse im DIW Wochenbericht Nr. 31 2011: www.diw.de/documents/publikationen/73/
diw_01.c.376805.de/11-31.pdf