Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

18.5.2011

In der Diskussion: Auswanderung in die Türkei

Seit einigen Jahren erhält die Auswanderung von jungen, gut ausgebildeten Türkeistämmigen aus Deutschland ins Herkunftsland ihrer Eltern in den Medien viel Aufmerksamkeit. Problematisch erscheint dabei besonders, dass strukturell gut integrierte Migranten der zweiten Generation Deutschland freiwillig verlassen und ihre Arbeitskraft hier verloren geht. Zwar dürften bisherige Angaben zum tatsächlichen Auswanderungsverhalten überschätzt sein. Es gibt jedoch verschiedene Faktoren, die eine Zunahme dieser Auswanderung begünstigen.

Verlässliche Daten zum Ausmaß der tatsächlichen Auswanderung junger hochqualifizierter Türkeistämmiger in die Türkei gibt es derzeit nicht. Laut amtlicher Statistik sinkt der Wanderungssaldo türkischer Staatsbürger seit 2002. Seit 2006 ist er negativ, d. h. es wandern mehr Türken aus als zu. Im Jahr 2009 verließen rund 35.000 türkische Staatsbürger die Bundesrepublik, während 27.000 nach Deutschland zogen.

Viele der türkeistämmigen Auswanderer dürften ehemalige Gastarbeiter sein, die ihren Lebensabend in der Heimat verbringen möchten. Allerdings sind darüber keine weiteren Angaben verfügbar, etwa zu ihrem Alter, ihrem Bildungsstand oder darüber, ob es sich um in Deutschland geborene oder zugezogene Personen handelt. Außerdem werden Eingebürgerte, ehemals türkische Staatsbürger, nicht gesondert erfasst. 2009 sind rund 4.600 Deutsche in die Türkei ausgewandert, womit sich ein positiver Trend seit Beginn der 1990er Jahre fortschreibt.

Zugleich gab es zunehmende Einbürgerungen türkischer Staatsbürger, ihr Anteil an den deutschen Auswanderern in die Türkei ist jedoch unklar. Nimmt man beide Zahlen zusammen (35.000 und 4.600) und überschätzt damit das Phänomen bewusst, läge die Zahl der türkeistämmigen Auswanderer für 2009 bei knapp 40.000 Personen insgesamt.

Laut Mikrozensus haben 3,2% der Personen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland einen Hochschulabschluss. Bezogen auf rund 40.000 Auswanderer bedeutete dies, dass rund 1.280 hochqualifizierte Türkeistämmige Deutschland 2009 in Richtung Türkei verlassen hätten.

Zu einer höheren Schätzung im Hinblick auf das Auswanderungspotenzial kommt die viel beachtete TASD-Studie (Türkische Akademiker und Studenten in Deutschland, Sezer/Daglar 2009), die sich konkret mit gut ausgebildeten Migranten türkischer Herkunft beschäftigt. Nach ihren Ergebnissen beabsichtigten 36% der befragten 254 türkeistämmigen Akademiker und Studierenden im Alter von 19 bis 45 Jahren, in die Türkei auszuwandern. Die Stichprobe ist zwar nicht repräsentativ. Rechnet man aber hoch, wie viele Akademiker in absoluten Zahlen demnach auswanderungswillig sind, so wären es beachtliche 28.800. Hierfür ist laut Studie vor allem das "fehlende Heimatgefühl in Deutschland" verantwortlich.

Diese Argumentation scheint zwar plausibel. Aufgrund der verwendeten Methodik sind allerdings wohl beide Werte überschätzt. Die Frage "Beabsichtigen Sie, in die Türkei auszuwandern?" konnten die Befragten nur mit "Ja" oder "Nein" beantworten, eine Differenzierung, eine neutrale Antwort oder die Nichtbeantwortung der Frage waren nicht möglich. So ist anzunehmen, dass sich hinter den bejahenden Antworten durchaus auch schwache Absichten verbergen können. Ebenso war bei den Gründen für die Auswanderungsabsicht nur eine Einfachnennung möglich, was den Sachverhalt stark verkürzt und auch verzerrt.

Die Datenlage in Deutschland ist insgesamt ungenügend. Belastbare Aussagen darüber zu treffen, wie hoch die Abwanderung hochqualifizierter Türken und ihrer Nachkommen ist, bzw. einzuschätzen, ob die Abwanderung zunimmt, ist nicht möglich. Jedoch gibt es verschiedene Faktoren, die eine Zunahme dieser Auswanderung wahrscheinlich machen. Das oben genannte Zugehörigkeitsgefühl spielt sicher eine gewisse Rolle. Seit mehreren Jahren gibt es hierzulande eine sehr intensiv geführte Integrationsdebatte mit einer negativen Problemfokussierung auf so genannte integrationsunwillige Migranten sowie auf die vermeintliche Unvereinbarkeit von Islam und Rechtsstaat. In der Debatte um das Buch und die Thesen des ehemaligen Berliner Finanzsenators und Ex-Bundesbankvorstands Thilo Sarazzin (SPD) hat sich dies noch einmal zugespitzt.

Die Zuschreibung, als Migrant gehöre man einer Gruppe an, die anders und letztlich problematisch ist, führt bei den Betroffenen oft zu einer Abwehrreaktion. Angesichts der Allgegenwärtigkeit, die diese Debatten haben können, ist es nicht verwunderlich, dass viele resigniert über einen Rück- bzw. Wegzug nachdenken. Ironischerweise haben also diese Debatten u. a. zur Folge, dass die Auswanderung der faktisch sehr gut Integrierten wahrscheinlicher geworden ist.

Es gibt aber auch strukturelle Faktoren, die eine Zunahme wahrscheinlicher machen: Aus früheren Studien ist bekannt, dass Auswanderer in der Regel höher qualifiziert sind als Nichtmigranten. Hochqualifizierte wandern also per se häufiger aus, deutsche wie türkeistämmige. In dem Maße, in dem Türkeistämmige in Deutschland besser qualifiziert werden, steigt auch ihre Auswanderungsneigung (vgl. MuB 7/08).

Zudem hat sich die wirtschaftliche Situation in der Türkei in den letzten Jahren trotz Wirtschaftskrise positiv entwickelt. In den letzten zehn Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt um durchschnittlich 4,6% pro Jahr gewachsen und die Jobaussichten für junge Akademiker mit Auslandserfahrung sind sehr gut. Die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt war hingegen in den letzten Jahren insgesamt und besonders für Migranten eher schwierig.

Auch spielen soziale Netzwerke und Ressourcen bei der Auswanderung und der Integration im Zielland eine wichtige Rolle. Türkeistämmige Auswanderer können in der Regel auf Bekannte und Verwandte in der Türkei zurückgreifen, die bei der Wohnungs- und Arbeitssuche behilflich sein können.

Nicht absehbar ist, inwiefern die Auswanderung dauerhaft sein wird. Aus der Migrationsforschung ist bekannt, dass Migration oft keine einmalige und endgültige Entscheidung ist, sondern dass Migranten weiter- oder auch zurückwandern. Wie bei deutschen hochqualifizierten Auswanderern ist auch bei türkeistämmigen grundsätzlich davon auszugehen, dass ein Teil der Auswanderer wieder nach Deutschland zurückkehrt.

Aufenthaltsrechtliche Bestimmungen spielen dabei eine große Rolle. Möglicherweise hat die Mehrheit der Auswanderer einen gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland, der eine Rückkehr prinzipiell erlaubt, und plant zunächst nur mittelfristig in der Türkei zu bleiben.

Die Dauerhaftigkeit der Auswanderung hängt aber auch mit den Bedingungen im Zielland zusammen. So gibt es in der Türkei trotz positiver wirtschaftlicher Entwicklung, vieler Gelegenheiten der persönlichen und beruflichen Entwicklung sowie politischer Reformen noch große gesellschaftliche Konflikte und politische Unsicherheiten. Sollte sich eine politische Krise anbahnen, so ist damit zu rechnen, dass viele der Auswanderer wieder zurückkehren.

Fatma Rebeggiani, Diplom-Ökonomin, Bremen International Graduate School of Social Sciences

Weitere Informationen

Migrationsbericht 2009, Statistisches Bundesamt (2010): Bevölkerung mit Migrationshintergrund - Ergebnisse des Mikrozensus 2009 – Fachserie 1 Reihe 2.2.