Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

23.2.2011

Deutschland: Rückwanderung hochqualifizierter Auswanderer

Politik und Wirtschaft problematisieren vor dem Hintergrund eines drohenden Fachkräftemangels und der zuletzt rückläufigen Zuwanderung die Auswanderung Hochqualifizierter als "Braindrain". Einer aktuellen Studie zufolge besteht jedoch kein Grund zur Sorge: Einer hohen Auswanderung wirkt eine relativ hohe Rückwanderung Deutscher aus dem Ausland entgegen.

Die Autoren Lenore Sauer und Andreas Ette vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) untersuchten in ihrer kürzlich veröffentlichten Studie "Abschied für immer oder auf Zeit?" die internationale Migration deutscher hochqualifizierter Staatsbürger. Hierzu werteten sie u. a. Daten des "European Union Labour Force Survey" (EULFS) aus. Das EULFS ist eine repräsentative europäische Haushaltsbefragung, die es erlaubt, relativ gute Aussagen zur innereuropäischen Migration von Arbeitskräften zu treffen. Die zentrale Aussage der Wissenschaftler ist, dass sehr gut ausgebildete Deutsche unter den Auswanderern überrepräsentiert sind, dass die Bilanz der Aus- und Zuwanderung deutscher Hochqualifizierter aber ausgeglichen ist.

Zunehmende Europäisierung



Die Auswanderung deutscher Staatsangehöriger hat sich seit Mitte der 1970er Jahre mehr als verdreifacht. Wanderten in den 1970er Jahren jährlich durchschnittlich ca. 50.000 Personen aus, belief sich der Vergleichswert im Jahr 2009 auf rund 155.000 Personen (vgl. MuB 7/08, 3/08).

Während im 19. Jahrhundert und bis Mitte des 20. Jahrhunderts die USA das Hauptzielland waren, sind es in den letzten Jahrzehnten zunehmend europäische Länder. In die USA wanderten im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2009 jährlich ca. 14.000 Deutsche aus, dagegen zog es rund 22.000 Deutsche in die Schweiz, das mit Abstand wichtigste Zielland. Weitere wichtige Zielländer waren Österreich und Polen mit je 11.000, Großbritannien mit 10.000, Spanien mit 8.000 und Frankreich mit 7.000 deutschen Auswanderern.

Bildungs- und Beschäftigungsprofil

Die Autoren verglichen im In- und im europäischen Ausland erwerbstätige Deutsche im Alter zwischen 25 und 64 Jahren hinsichtlich des Bildungshintergrunds, des beruflichen Status sowie der Beschäftigungsbranche. Während der Anteil der Menschen mit einem niedrigen Bildungsabschluss für beide Gruppen bei rund 10% liegt, gibt es bei den Höherqualifizierten deutliche Unterschiede. Knapp die Hälfte der deutschen Auswanderer hat einen Hochschulabschluss (49%) gegenüber 29% der inländischen Vergleichsgruppe. Dies bestätigt frühere Befunde, nach denen Auswanderer häufiger eine akademische Ausbildung besitzen als deutsche Nichtmigranten (vgl. MuB 3/08).

Bezüglich des Beschäftigungsstatus setzt sich dieses Bild fort: 17% der deutschen Auswanderer sind als Führungskräfte beschäftigt (gegenüber 6% der deutschen Wohnbevölkerung), 36% arbeiten als Wissenschaftler (gegenüber 15%). Deutlich weniger Auswanderer sind Hilfskräfte (1% der Auswanderer vs. 7% der Nichtmigranten) oder Handwerker (2% vs. 16%).

Bei einer Betrachtung nach Wirtschaftszweigen sind deutliche Unterschiede für die Branchen Gesundheitswesen und Forschung und Entwicklung zu beobachten: 14% der deutschen Auswanderer arbeiten im Gesundheitswesen gegenüber 10% der inländischen Wohnbevölkerung. Im Bereich Forschung und Entwicklung sind es 17% bzw. in Deutschland 8%.

Ausgeglichene Bilanz

Ein zunehmender Anteil der Auswanderung ist temporär. Schätzungen über das tatsächliche Ausmaß der innereuropäischen Aus- und Einwanderung deutscher Staatsbürger für die Jahre 1996 bis 2006 zeigen, dass in diesem Zeitraum ca. 122.000 erwerbstätige Deutsche im Alter von 25 bis 64 Jahren in einen EU-12-Mitgliedstaat auswanderten, 95.000 von dort jedoch zurückkehrten. Dies entspricht einem "Rückkehrer-Anteil" von 78%. Bei Hochschulabsolventen liegt dieser Anteil mit 85% sogar noch höher, so dass eher eine "Brain Circulation" als ein "Braindrain" vorliegt. Ausnahmen bilden hierbei die Führungskräfte und die im Gesundheitssektor Beschäftigten, von denen jeweils nur ca. ein Drittel der Auswanderer nach Deutschland zurückkehrt.

Fatma Rebeggiani, Diplom-Ökonomin, Bremen International Graduate School of Social Sciences

Weitere Informationen

Andreas Ette, Lenore Sauer: Abschied für immer oder auf Zeit? Internationale Migration hochqualifizierter Deutscher. 2011, in: Forschung und Lehre, 02/2011, Download:
www.forschung-und-lehre.de/wordpress/?p=6825

Andreas Ette, Lenore Sauer: Auswanderung aus Deutschland – Daten und Analysen zur internationalen Migration deutscher Staatsbürger. 2010, Wiesbaden, VS-Verlag.