Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

23.2.2011

Europa/Nordamerika: Geteilte Meinungen zu Einwanderung und Integration

Die Bevölkerungen Europas und Nordamerikas sind den Themen Zuwanderung und Integration gegenüber tendenziell kritisch eingestellt. Menschen, die von der Wirtschaftskrise betroffen waren, fürchten die Konkurrenz von Einwanderern auf den Arbeitsmärkten. Vor allem in Europa zeigt sich ein hohes Maß an Integrationsskepsis.

Die Anfang Februar vorgestellte Studie "Transatlantic Trends: Immigration 2010" untersucht die öffentliche Meinung zum Thema Einwanderung in den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Spanien. Sie basiert auf einer repräsentativen Zufallsstichprobe der Bevölkerung über 18 Jahre in diesen acht Staaten. Die Studie wurde bereits zum dritten Mal vom German Marshall Fund of the United States (GMF) in Kooperation mit Partnerstiftungen in den verschiedenen Ländern durchgeführt (vgl. MuB 10/08). Besondere Berücksichtigung fanden 2010 Fragen zu den Folgen der Wirtschaftskrise sowie zur Integration.

Allgemeine Einstellungen

Besonders in Kanada werden mit Einwanderung deutlich mehr Chancen als Risiken in Verbindung gebracht: Nur 27% sehen Zuwanderung eher als Problem, 68% dagegen als Chance. Im Vereinigten Königreich wird Einwanderung hingegen zu 65% als Problem und nur zu 30% als Chance wahrgenommen. Auch in Spanien und in den USA sehen jeweils mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Einwanderung eher ein Problem.

Gemeinsam ist allen Staaten, dass sich die Ergebnisse gegenüber den Vorjahren kaum verändert haben. So teilen 2010 in Deutschland 50% eine eher positive Einschätzung ("mehr Chancen"). 2009 hatte dieser Wert bei 48%, 2008 bei 52% gelegen. Die 2010 erstmals gestellte Frage, ob Deutschland heute ein Einwanderungsland sei, bejahten 78% der Deutschen.

Die Befragung verdeutlicht, dass die Einstellungen zu Einwanderung deutlich positiv mit dem Informationsniveau der Befragten sowie mit eigenem Kontakt zu Zuwanderern zusammenhängen. Personen, denen der statistische Anteil der Einwanderer an der jeweiligen Bevölkerung bekannt war, kamen wesentlich seltener zu dem Urteil, dass es "zu viele" Migranten im Land gebe. Rund 68% der Europäer, die Zuwanderer in ihrem Freundeskreis haben, sagten, dass Migranten die Kultur bereichern. Gleiches sagten jedoch nur 40% derjenigen, die keine Migranten zu ihren Freunden zählen.

Ökonomische Aspekte

Vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise enthielt die Umfrage auch Fragen zum Themenbereich Wirtschaft und Arbeitsmarkt. In den kontinentaleuropäischen Staaten sowie in Kanada lehnen deutlich mehr als die Hälfte der Befragten die Aussage ab, dass Zuwanderer den Einheimischen die Jobs wegnehmen. Im Gegensatz dazu sehen 58% der Briten und 56% der US-Amerikaner ihre Jobs durch Migranten gefährdet. Auch glauben 52% der Befragten in den USA und im Vereinigten Königreich, dass durch Einwanderer das Gehaltsniveau sinke. Dagegen gehen nur 24% der Niederländer, 30% der Kanadier und 39% der Deutschen von solchen Lohndumping-Effekten aus.

Ferner liefert die Studie Belege dafür, dass die persönliche wirtschaftliche Lage direkt mit Konkurrenzangst gegenüber Zuwanderern auf dem Arbeitsmarkt in Zusammenhang steht. So waren Befragte, deren finanzielle Situation sich in den zwölf Monaten vor der Erhebung verschlechtert hatte, weitaus besorgter, dass Zuwanderer den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. US-Amerikaner in einer solchen Situation glaubten dies etwa zu 63% – im Gegensatz zu 49% jener, deren Situation unverändert geblieben war oder sich verbessert hatte.

Zugang zu Bildung und Sozialleistungen

Ein großer Teil der Befragten geht davon aus, dass Zuwanderer durch die Inanspruchnahme von Sozialleistungen vom Staat mehr profitieren als sie in Form von Steuern beitragen. In Deutschland vertreten ebenso wie in Frankreich und im Vereinigten Königreich 60% der Befragten diese Ansicht, in Spanien sogar 67%. Dennoch sind in Europa die Befragten überwiegend dafür, sowohl legal als auch illegal im Land lebenden Migranten Zugang zu notfallmedizinischer Behandlung im öffentlichen Gesundheitssystem zu geben: in Deutschland 83%, in den Niederlanden 81% und in Frankreich 77%. Deutlich geringer sind die Zustimmungsraten im Vereinten Königreich (45%), den USA (47%) und Kanada (50%). Auch beim Schulbesuch sprechen sich die Befragten in den USA und Kanada (je 33%) sowie im Vereinigten Königreich (17%) eher selten für einen Zugang zum Schulwesen sowohl für reguläre und irreguläre Migranten aus. Demgegenüber weisen die kontinentaleuropäischen Staaten beim unbeschränkten Schulzugang deutlich höhere Zustimmungswerte auf (Frankreich: 62%, Spanien: 49%, Deutschland: 48%, Italien: 46%, Niederlande: 42%).

Integration

Tendenziell negativ ist die Einstellung vieler Europäer zur Integrationsfrage. Einzig in Spanien ist mehr als die Hälfte (54%) der Befragten der Auffassung, dass Zuwanderer sich "gut" bzw. "sehr gut" integriert haben. In anderen Ländern sind vielfach mehr als Hälfte der Befragten unzufrieden mit der Integration. In Deutschland fanden 53%, Zuwanderer seien "schlecht" oder "sehr schlecht" integriert, in den Niederlanden sogar 60%.

Vor dem Hintergrund der im zweiten Halbjahr 2010 aufgeflammten Debatte um das Buch von Thilo Sarrazin thematisierte die Befragung speziell die Integration von Migranten muslimischen Glaubens. Bereits eine Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration hatte Ende 2010 verdeutlicht, dass das Zusammenleben zwischen Mehrheits- und Zuwandererbevölkerung seitdem als weniger positiv empfunden wird.

Die GMF-Befragung gibt weitere Aufschlüsse über die Wahrnehmung der Mehrheitsbevölkerungen hinsichtlich der Integration von Muslimen. So glauben 67% der deutschen Befragten, Muslime integrierten sich in Deutschland "schlecht" oder "sehr schlecht". Lediglich in Spanien teilt mit 70% ein noch größerer Anteil diese Auffassung. Auch bei der Frage nach der Integration der im Land geborenen Nachkommen muslimischer Einwanderer überwogen in Deutschland negative Einschätzungen: 50% meinten, diese seien "schlecht" integriert, 7% sogar, sie seien "sehr schlecht" integriert. Demgegenüber wird die Integration der zweiten Generation in den meisten anderen Staaten eher positiv bewertet: 66% der Kanadier, 62% der US-Amerikaner, 60% der Italiener, 59% der Briten und 50% der Franzosen meinten, Kinder muslimischer Einwanderer seien "gut" oder "sehr gut" in die Gesellschaft integriert.