Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.1.2011

Deutschland: Sarrazin-Argumente halten Prüfung nicht stand

Wissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität unter der Leitung von Dr. Naika Foroutan haben Thilo Sarrazins kontroverse Thesen zu Muslimen in Deutschland mit vorliegenden Erkenntnissen aus der Forschung überprüft. Sie kommen zu gegenteiligen Ergebnissen. Dass die Debatte der Integration schadet, belegt eine aktuelle Befragung des Sachverständigenrats der deutschen Stiftungen für Integration und Migration.

Mit seinen kontroversen Thesen zur Integration von Muslimen in Deutschland hatte der ehemalige Berliner Finanzsenator und Ex-Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin (SPD) eine heftige Integrationsdebatte ausgelöst. Sarrazin unterstellt der in Deutschland lebenden muslimischen Bevölkerung, insbesondere den türkisch- und arabischstämmigen Muslimen, eine mangelhafte Integrationsbereitschaft, geringe Sprachkenntnisse, unzureichende Schulerfolge und eine schlechte Integration auf dem Arbeitsmarkt sowie damit einhergehend eine hohe Inanspruchnahme von Transferleistungen.

Diese Thesen überprüfte eine Gruppe von Wissenschaftlern des HEYMAT-Projektes (Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle) an der Berliner Humboldt-Universität. In ihrer Studie "Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand" verglichen sie die von ihm verwendeten Daten mit der empirischen Sachlage zum Stand der strukturellen, kulturellen und sozialen Integration von Muslimen und türkischstämmigen Personen in Deutschland. Dabei griffen die Wissenschaftler auf offizielle Daten, Analysen und Forschungsergebnisse des Statistischen Bundesamtes, des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sowie des Bundesinnenministeriums, aber auch auf Studien von renommierten Fachgremien, Institutionen oder Stiftungen zurück.

Sie zeigen, dass Sarrazin häufig nur die negativen Aspekte aus Statistiken gezogen hat, die positiven aber nicht berücksichtigte. Seiner Negativliste stellen sie nun ihre Positivliste entgegen.

Strukturelle Integration

Die Daten zur Eingliederung der muslimischen Migranten und deren Nachkommen in Bildungssystem und Arbeitsmarkt zeigten, dass man entgegen Sarrazins Behauptungen von einer erfolgreichen strukturellen Integration sprechen könne. Die generationenübergreifenden Bildungsverläufe von Muslimen seien nachvollziehbar positiv. Über 40% der zweiten und dritten Generation der türkischen Gastarbeiter verließen die Schule mit einem besseren Bildungsabschluss als die Elterngeneration. Auch die Bildungsansprüche in Familien mit türkischem Migrationshintergrund seien nachweislich höher als in Familien ohne Migrationshintergrund. Diese könnten jedoch nicht die "nachteiligere soziale Positionierung" und die "schlechtere Ausstattung mit bildungsrelevanten Ressourcen" kompensieren. Die wesentliche Hürde zum Lernerfolg sei daher der sozioökonomische Status und nicht die fehlende Bereitschaft zu lernen, stellen die Autoren fest.

Am Beispiel der Migranten aus Irak, Iran und Afghanistan machen sie außerdem deutlich, dass ein hoher Bildungsabschluss nicht automatisch einen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt eröffne. Zwar haben 33% der in Deutschland lebenden Iraner, Iraker und Afghanen ein (Fach-)Abitur, dennoch ist jeder vierte dieser Gruppe erwerbslos (25,4%). In der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund besitzen lediglich 21,5% einen solchen Abschluss, aber der Anteil der Erwerbslosen ist mit 6,4% dennoch deutlich niedriger.

Kulturelle Integration

Für Sarrazins Vorwurf, türkische Migranten würden sich nicht bemühen, Deutsch zu lernen, fanden die Wissenschaftler keinen statistischen Beleg. Vielmehr ginge aus den Statistiken hervor, dass mindestens 70% der Personen mit türkischem Migrationshintergrund gut oder sehr gut Deutsch sprechen. Darüber hinaus nehme entgegen Sarrazins Behauptungen die Häufigkeit des Kopftuchtragens von Generation zu Generation ab. Auch eine zunehmende Verweigerung kultureller Integration über die Nichtteilnahme am Schwimm- und Sportunterricht sei den Daten nicht zu entnehmen. Über 90% der muslimischstämmigen Schüler nehmen an diesen Angeboten teil, bei denen Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet werden.

Soziale Integration

Die soziale Interaktion muslimischer Migranten mit deutschen Kollegen, Nachbarn und Freunden bewerten die zitierten Studien alle positiv. Auch die Neigung, interethnische Partnerschaften einzugehen, nimmt von Einwanderergeneration zu Einwanderergeneration sichtbar zu, während Deutsche weiterhin vorwiegend Deutsche ohne Migrationshintergrund heiraten.

Darüber hinaus zeigen die Autoren, dass es keinen Zusammenhang zwischen Islam und Kriminalität gebe, wie Sarrazin behauptet. Vielmehr belegen sie anhand zahlreicher Studien, dass soziostrukturelle Bedingungen und Gewalterfahrungen in der Familie zentrale Motive für Jugendgewalt sind.

Höhe der Einwanderung

Die These einer "Überwanderung" Deutschlands durch arabisch- oder türkischstämmige Menschen widerlegen die Wissenschaftler mit den vorhandenen Daten. Der Wanderungssaldo gegenüber der Türkei ist seit 2002 rückläufig und fällt seit 2006 in zunehmendem Maße negativ aus (2006: -1.780; 2007: -3.246; 2008: -10.147, 2009: -10.071).

Fazit

Als "tendenziös und pauschal abwertend" beurteilen die Autoren Sarrazins Thesen. Das "gezielte Verschweigen" einer weitgehend erfolgreichen Integration und die "Ausweitung des Diskursraums bis an die Grenzen der Diffamierung" drohen die zuvor messbaren Integrationserfolge rückgängig zu machen. Nicht Integration, sondern "Ängste, Ressentiments und rassistische Abwehrreaktionen" seien in der Auseinandersetzung mit seinen Thesen verhandelt worden, schreiben die Autoren.

SVR-Befragung

Welche Spuren die Sarrazin-Debatte in der Gesellschaft hinterlassen hat, machen die Ergebnisse einer Studie des Sachverständigenrates der deutschen Stiftungen für Integration und Migration (SVR) deutlich. Die Befragung zum Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft ist für die alten Bundesländer, jedoch nicht für Gesamtdeutschland repräsentativ. Der SVR hatte dafür im Herbst 2009 und am Jahresende 2010 über 2.000 Personen mit und ohne Migrationshintergrund befragt. Bewerteten 2009 noch 21,7% der befragten Zuwanderer das Zusammenleben von Mehrheitsbevölkerung und Zuwanderern uneingeschränkt positiv, waren im November und Dezember 2010 nur noch 9,1% der befragten Migranten dieser Meinung. Der Anteil derer, die das Zusammenleben schon 2009 deutlich negativ bewerteten, wuchs unter den Zuwanderern von 3,5% auf 6%. In der Mehrheitsbevölkerung nahm die Einschätzung eines uneingeschränkt positiven Zusammenlebens ebenfalls ab – von 10,7% im Jahr 2009 auf 4,3% im Jahr 2010. Andererseits war aber auch der Anteil derjenigen rückläufig, die das Zusammenleben von Mehrheitsbevölkerung und Zuwanderern deutlich negativ bewerteten (2009: 6,7%; 2010: 4%). Der Anteil derjenigen, die das Zusammenleben als teils ungestört, teils problematisch bewerteten, wuchs unter den Zuwanderern auf 32,7% (2009: 20,3%) und in der Mehrheitsbevölkerung auf 34,2% (2009: 20,9%).

"In den Meinungsspitzen beobachten wir mehr Pessimismus bei den Zuwanderern und mehr Pragmatismus bei den Deutschen. Aber das breite Mittelfeld bleibt auf beiden Seiten eher gelassen", konstatierte der SVR-Vorsitzende Klaus J. Bade. Allerdings könne die Debatte im Ausland das Image Deutschlands als Einwanderungsland beschädigt haben. In dem Fall sei die Debatte ein "Eigentor" für Deutschland, das als "Migrationsverlierer" ohnehin an seiner Attraktivität für qualifizierte Zuwanderer arbeiten müsse.