Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.12.2010

Deutschland: Fortsetzung der Debatte über Fachkräftemangel

Entgegen häufiger Warnungen droht laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kurzfristig kein Fachkräftemangel in Deutschland. Trotzdem bestehe Handlungsbedarf. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) plädiert dafür, die Hürden für qualifizierte Einwanderer zu senken.

DIW-Studie

Kurzfristig ist der Bedarf an Fachkräften noch beherrschbar, langfristig wird die Fachkräfteknappheit aber zu einem entscheidenden Thema. Dies ist das Ergebnis der am 18. November veröffentlichten Studie des DIW "Fachkräftemangel kurzfristig noch nicht in Sicht". DIW-Forscher Karl Brenke resümierte: "Es gibt mehr qualifizierte Arbeitslose, als offene Stellen für diese Qualifikationen vorhanden sind. Ausländische und deutsche Fachkräfte verlassen das Land, die deutschen Unternehmen reduzieren ihre Ausbildungsanstrengungen." Auch die Löhne seien bei Fachkräften zuletzt kaum gestiegen. Gäbe es einen Fachkräftemangel, hätten die Löhne steigen müssen, sagte Brenke. Zudem sei die Zahl der Studierenden in Ingenieurstudiengängen nach einer vorangegangenen Stagnationsphase seit 2007 "sprunghaft gestiegen". Auch in den Fächern Humanmedizin, Mathematik und den klassischen Naturwissenschaften habe es einen Anstieg gegeben. Im Augenblick zeichne sich allenfalls bei Ärzten und Krankenschwestern ein Fachkräftemangel ab.

IZA-Studie

In der zeitgleich veröffentlichten Studie "Agenda Zuwanderung: Ein Zehn-Punkte-Aktionsplan für gesteuerte Arbeitsmigration und bessere Integration" empfiehlt das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) die Einführung eines gestaffelten Punktesystems. So könne die Zahl der möglichen Zuwanderungsgenehmigungen innerhalb von zehn Jahren von 100.000 auf 500.000 jährlich heraufgesetzt werden, sagte Klaus Zimmermann, Direktor des IZA (und des DIW). Gleichzeitig sollte die Bundesregierung unbürokratisch ermöglichen, dass Unternehmen befristete Zuwanderungs- und Arbeitserlaubnisse bei Auktionen ersteigern können. Die zusätzlichen Einnahmen durch die Zuwanderung von Arbeitskräften für die öffentlichen Haushalte schätzte das IZA bei einem angenommenen Jahreseinkommen zwischen 40.000 und 60.000 Euro pro Person auf jährlich 5 bis 20 Mrd. Euro.

Diskussion

Der These des DIW, dass der Bedarf an Fachkräften kurzfristig noch beherrschbar sei, widersprechen andere Forscher. Zwar sei die Datengrundlage nicht ausreichend, um einen Fachkräftemangel empirisch eindeutig nachzuweisen, sagte Thomas Bauer, Vizepräsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Auf einen solchen Engpass würde aber hindeuten, dass die Unternehmen in der Rezession kaum Mitarbeiter entließen und massive Einbrüche in der Arbeitsproduktivität hinnähmen, um im anschließenden Aufschwung nicht qualifizierte Arbeitskräfte suchen zu müssen. Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft zufolge gibt es einen Bedarf von mehr als 70.000 neuen Ingenieuren pro Jahr. An den Universitäten machen derzeit aber nur rund 47.000 ihren Abschluss. Davon sei jeder Zehnte aus dem Ausland und kehre nach dem Studium in sein Herkunftsland zurück.

Auch die Bundesagentur für Arbeit sieht in Deutschland schon heute einen Mangel an Fachkräften. So sollen rund zwei Drittel aller bundesweit 176 Arbeitsagenturen von großen Engpässen in Metallberufen berichten. Bei Pflegekräften sei dies sogar in über 90 % der Arbeitsagenturen der Fall. Die Situation werde sich in den nächsten Jahren zuspitzen. Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, sagte: "Derzeit sind 11 Mio. Fachkräfte älter als 45 Jahre. Das heißt, wir brauchen jedes Jahr 550.000 Menschen, um diese Leute zu ersetzen." Dieser Bedarf werde durch die immer geringere Zahl von Schulabgängern nicht gedeckt.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen lässt derzeit eine so genannte Positivliste von Berufen erstellen, für die die so genannte Vorrangprüfung befristet ausgesetzt werden könnte. Bisher muss jedes Unternehmen, das einen Bewerber aus dem nicht-europäischen Ausland einstellen möchte, prüfen lassen, ob es geeignete Kandidaten in Deutschland und der EU gibt. Die Prüfung ist oft sehr zeitaufwendig. Die Arbeitsministerin sprach sich zudem für eine Absenkung der Mindestverdienstgrenze für hochqualifizierte Arbeitnehmer aus dem Ausland von derzeit 66.000 Euro aus. Zustimmung zu von der Leyens Vorstoß kam von Grünen-Fraktionschefin Renate Künast: "Das nutzt sowohl den Unternehmen als auch den Arbeitslosen, denn zusätzliche Fachkräfte schaffen Jobs."

Die Kritiker in der Union halten indes eine Lockerung der Zuwanderungsregeln für verfrüht, weil ab Mitte nächsten Jahres die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für acht mittel- und osteuropäische EU-Staaten gelten wird (vgl. MuB 2/06, 3/04).

In einem Eckpunktepapier forderte die FDP, dass Fachkräfte künftig ab einem Jahreseinkommen von 40.000 Euro einwandern dürfen. Außerdem soll die Vorrangprüfung innerhalb von zwei Wochen erfolgen.

In einem Ende November veröffentlichten Positionspapier zum Fachkräftemangel fordert die SPD, junge Menschen am Start ihres Berufslebens sowie ältere Arbeitnehmer und Familien in Deutschland für den Arbeitsmarkt zu stärken. Erst wenn trotz all dieser Maßnahmen noch Fachkräftemangel in Deutschland herrsche, müsse man über eine gezielte und gesteuerte Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften reden.

Die derzeitige Diskussion um Fachkräftemangel sei eine reine Phantomdiskussion, sagte Jutta Krellmann, Obfrau im Ausschuss Arbeit und Soziales von der Fraktion Die Linke. Mit einer so genannten Positivliste für bestimmte Berufe werde der "Ausgrenzung von nicht genehmen Migrantengruppen Tür und Tor geöffnet". Stattdessen sollte durch Qualifizierung und gerechte Arbeitsbedingungen partiellen Abwanderungen von Fachkräften entgegen gewirkt werden.