Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.9.2010

Deutschland: Diskussion um Fachkräftemangel

In Deutschland wird erneut über einen möglichen Fachkräftemangel und eine leichtere Einwanderung von gut Ausgebildeten diskutiert. Vorschläge für die Erleichterung der Fachkräfte-Einwanderung von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Bildungsministerin Anette Schavan stießen jedoch auf Kritik.

Nach Angaben von Interessenverbänden herrscht bereits heute ein Fachkräftemangel in Deutschland, obwohl im August 2010 3,19 Mio. Personen (7,6 % der Erwerbsfähigen) arbeitslos gemeldet waren. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) spricht von 36.000 offenen Stellen für Ingenieure. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) gibt an, dass derzeit 43.000 Stellen für IT-Fachkräfte unbesetzt sind. Laut Schätzungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft werden im Jahr 2014 bereits 200.000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker fehlen. Ferner fehlen Pflegekräfte sowie Erzieherinnen und Erzieher.

Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagte Anfang September, ab 2015 verliere die deutsche Wirtschaft "jedes Jahr rund 250.000 Mitarbeiter". Es müssten "mindestens netto 500.000 mehr Menschen pro Jahr zuwandern, um unsere Wirtschaftskraft dauerhaft zu sichern".

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) dagegen verwies auf Forschungsergebnisse, wonach es aktuell keine Anzeichen für einen allgemeinen Fachkräftemangel gebe, auch wenn die Lage in einigen Teilen des Arbeitsmarkts angespannt sei. Auf längere Sicht seien jedoch breitere Mangelsituationen zu erwarten. Grund dafür ist die auch von Zimmermann betonte Prognose, dass die Erwerbsbevölkerung in Ostdeutschland bereits ab 2015, in Westdeutschland ab 2020 zurückgehen wird. Nach Schätzungen des Instituts wird es 2050 in Deutschland 18 Mio. Erwerbstätige weniger geben.

Mehrere Politiker legten im Juli und August Vorschläge vor, um die Zuwanderung von Fachkräften zu fördern. Bundesbildungsministerin Anette Schavan (CDU) schlug vor, das Bruttojahreseinkommen von zuziehenden Fachkräften, das eine Voraussetzung für die Erteilung von langfristigen Arbeitsgenehmigungen ist, von derzeit 66.000 Euro zunächst zu senken. Eine Untergrenze nannte sie nicht. Langfristig könnte diese Bedingung sogar abgeschafft werden.

Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Industrie- und Handelskammertages Achim Dercks und DIW-Leiter Zimmermann sprachen sich ebenfalls für eine Absenkung der Einkommensgrenzen aus. Sie nannten Untergrenzen von 40.000 bzw. 50.000 Euro.

Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) Dieter Hundt forderte eine grundlegende Reform hin zu einer an den Bedürfnissen des deutschen Arbeitsmarkts orientierten Zuwanderungspolitik. Er plädierte für die Einführung eines Punktesystems, das Ausbildung, Sprachkenntnisse und Berufserfahrung berücksichtigt.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) kündigte an, in den nächsten Monaten eine "Fachkräfte-Initiative" vorzustellen. Ihm gehe es darum, "ein Gesamtkonzept zu entwickeln, mit dem qualifizierte ausländische Arbeitnehmer nach Deutschland kommen". Als Maßnahmen schlug er neben einer Senkung der Einkommensgrenzen vor, dass Unternehmen ausländischen Facharbeitern eine "Lockprämie" zahlen. Er sprach sich jedoch gegen die staatliche Finanzierung einer solchen Prämie aus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ die Vorschläge des Wirtschaftsministers zurückweisen und betonte, sie sehe keinen Anlass, das erst seit Anfang 2009 geltende Zuwanderungsgesetz zu überarbeiten (vgl. MuB 7/08). Die Bundesregierung sei dabei, die europäische Richtlinie zur so genannten Bluecard umzusetzen, die "einen zweiten Kanal für Hochqualifizierte" öffnen solle. Die Bluecard soll Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern ermöglichen, mehrere Jahre in der EU zu arbeiten und auch innerhalb der EU umzuziehen (vgl. MuB 9/08).

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank Jürgen Weise schlug vor, den Fachkräftemangel aus der Zahl der Arbeitslosen zu decken, indem die Unternehmen mehr in die Ausbildung von Fachleuten investierten. Er sagte: "Wer qualifizierte Kräfte haben und halten will, muss etwas bieten. Das können die Unternehmen selbst gestalten, da braucht man nicht nach dem Gesetz zu rufen."

Die Gewerkschaften sprachen sich ebenfalls gegen eine verstärkte Zuwanderung von Fachkräften aus, da erst das heimische Potenzial an Arbeitskräften ausgeschöpft werden müsse. Die Gewerkschaft ver.di forderte die Arbeitgeber auf, einem eventuellen Fachkräftemangel durch höhere Ausbildungszahlen zu begegnen. Die IG-Metall schloss sich dieser Forderung an und betonte, dass es in Deutschland rund 1,5 Mio. Menschen zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufsausbildung gebe. Laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit standen Ende Juli dieses Jahres 153.000 Bewerbern nur 109.000 freie Lehrstellen gegenüber.