Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.5.2010

Deutschland: Integration weitgehend erfolgreich

Die Integration von Zuwanderern in Deutschland verläuft im gesellschaftlichen Alltag erfolgreich. Zu diesem Ergebnis kommt der Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen für Migration und Integration in seinem ersten Jahresgutachten. Probleme sieht das Expertengremium aber v. a. im Bildungsbereich, dem wachsenden Fachkräftemangel und dem Druck auf die Sozialsysteme.

Am 19. Mai stellte der Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen für Migration und Integration (SVR) seinen ersten Jahresbericht in Berlin vor (vgl. MuB 9/08). In seinem Report kommt das Expertengremium unter dem Vorsitz des Migrationsforschers Klaus J. Bade zu einem deutlich positiven Ergebnis: Die Integration gelingt demnach erfolgreicher als allgemein angenommen. Zuwanderer seien weder integrationsunwillig noch integrationsunfähig. Zwar existierten auch ungelöste Probleme, etwa im Bereich der Bildung und des Arbeitsmarkts. Diese seien aber im internationalen Vergleich nicht besonders ausgeprägt, sagte Bade bei der Vorstellung des Berichts.

Die Basis des SVR-Jahresgutachtens bilden das eigens ausgearbeitete Integrationsbarometer und der daraus hervorgehende Integrationsklimaindex (IKI), die Analyse der Rahmenbedingungen für Zuwanderung sowie die Auswertung der Partizipationschancen von Migranten in neun zentralen Teilbereichen des Alltags.

Integrationsbarometer

Das SVR-Integrationsbarometer ist eine telefonische Mehrthemenbefragung, für die eine quotierte Stichprobe von 5.600 Personen in den drei städtischen Großräumen Rhein-Ruhr, Rhein-Main und Stuttgart befragt wurde. Ausgewählte Personen- und Zuwanderergruppen in ausgesuchten Wohnlagen wurden in einem vorher festgelegten Maßstab befragt, um die Vielfalt der Zuwandererbevölkerung in Deutschland zu erfassen. Aufgrund der regionalen Auswahl ist das SVR-Integrationsbarometer lediglich für die alten Bundesländer repräsentativ. Berlin und die neuen Bundesländer werden von dem Messinstrument nicht erfasst. Zugleich ist laut SVR das Integrationsbarometer das erste Instrument, mit dem die subjektive Erfahrung und Bewertung der Integrationspolitik sowie die gegenseitigen Ansprüche und Erwartungen an die Integration in der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund gemessen und vergleichbar gemacht wurden.

Die Ergebnisse zeigen, dass die deutsche Mehrheits- und die Zuwandererbevölkerung mit der Integrationspolitik der letzten Jahre weitgehend zufrieden sind (54,3% bzw. 48,2%) und vorsichtig optimistisch in die Zukunft blicken (50,1% bzw. 50,2%). Beide Seiten haben dabei ein nahezu identisches pragmatisches und lebenspraktisches Integrationsverständnis. Zuwanderer sollen gleich behandelt werden (96% bzw. 97,3%) und faire Chancen am Arbeitsmarkt eingeräumt bekommen (92,5% bzw. 95,6%), sollen aber zugleich einen guten Abschluss anstreben (97,8% bzw. 98%), sich um Arbeit bemühen (95,1% bzw. 95,5%) und die Gesetze in Deutschland respektieren (99% bzw. 98,5%). Erwartungen kultureller Assimilation oder kultureller Sonderrechte existieren in beiden Bevölkerungsgruppen hingegen kaum. Die integrationspolitischen Extrempositionen Assimilation und "Multi-Kulti" besitzen in der sozialen Wirklichkeit keine Relevanz, schlussfolgert der SVR.

Integrationsklimaindex (IKI)

Der IKI berücksichtigt die subjektiven Integrationserfahrungen und -einschätzungen der Befragten in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen oder in sozialen Beziehungen. In diesen konkreten Erfahrungswelten haben sowohl die deutsche als auch die Zuwandererbevölkerung überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Auf einer Skala von 0 (sehr schlecht) bis 4 (sehr gut) liegt der IKI bei 2,77 in der deutschen Mehrheitsbevölkerung und sogar bei 2,93 in der Zuwandererbevölkerung. Mit dem IKI wurde auch das innergesellschaftliche Vertrauen gemessen. Überraschend dabei war, dass die Zuwandererbevölkerung der Mehrheitsbevölkerung stärker vertraut (62%) als diese sich selbst (54%). Insgesamt herrsche zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen ein "belastbares gegenseitiges Grundvertrauen" als solide Basis für ein friedliches Zusammenleben, so der SVR in seinem Bericht.

Partizipationschancen

In den neun Bereichen Schule und Bildung, Berufliche Bildung, Erwerbstätigkeit, Soziale Sicherung, Politische Partizipation, Wohnen und Quartiere, Gesundheit, Medien sowie Kriminalität macht die Analyse deutlich, dass eine chancengleiche Teilhabe der Zuwandererbevölkerung noch nicht erreicht ist. Dennoch wurden in einigen Bereichen erhebliche Fortschritte gemacht. Partizipationsprobleme seien in zahlreichen Fällen eher auf soziale Lagen und Milieus zurückzuführen als auf die kulturellen Besonderheiten von Zuwanderern.

Integrationsprobleme

In Deutschland existiert nach Ansicht des Expertengremiums trotz der relativen Integrationserfolge "ein quantitatives und qualitatives Migrationsproblem". Zum einen sei der Bereich Bildung weiterhin eine "Integrationsbaustelle". Jugendliche mit Migrationshintergrund haben immer noch schlechtere Bildungschancen und geringere Bildungserfolge und damit schlechtere Lebenschancen als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Darüber hinaus übernehme sie von ihren Elterngenerationen die schlechteren sozialen Startbedingungen. Ihre unzureichende Qualifikation blockiert ihre Erwerbschancen, begrenzt das Arbeitskräfteangebot und erhöht den Druck auf die sozialen Sicherungsysteme, heißt es in dem Bericht. Der SVR fordert daher eine nachholende Bildungs- und Qualifikationsoffensive, um die konfliktbeladene Spannung in den unteren Gesellschaftsschichten zu lösen.

Ein weiteres Problem stellt der steigende Fachkräftemangel dar. Im demografisch alternden Wohlfahrtsstaat wirkt sich die zunehmende Abwanderung von Menschen im besten Erwerbsalter bei gleichzeitig abnehmender Zuwanderung negativ auf die Sozialsysteme aus. Daher fordert der SVR in seinem Jahresbericht ein flexibles, kriterien- und arbeitsmarktorientiertes Punktesystem für die Steuerung der Zuwanderung, um den demografischen Druck auf die sozialen Sicherungssysteme zu verringern. Attraktivität sei angesichts des globalen Wettbewerbs um die besten Arbeitskräfte aber wichtiger als administrative Steuerung. Deutschland müsse für qualifizierte Fachkräfte attraktiver werden, aber auch die Bedingungen für das Bleiben qualifizierter potentieller Abwanderer verbessern.

Staatsbürgerschafts- und Aufenthaltsrecht

Der SVR nimmt in seinem Bericht auch Stellung zu Fragen im Staatsbürgerschafts- und Aufenthaltsrecht. So seien dringende Reformen nötig, um die Einbürgerungsbereitschaft unter Zuwanderern zu erhöhen. Nur so könne das "zunehmende Auseinanderfallen von Wohn- und Wahlbevölkerung" verhindert werden. Die Experten fordern daher die Abschaffung des Optionsmodells und die Gewährung der Mehrstaatigkeit auch für Nicht-EU-Angehörige. Für besonders erfolgreich integrierte Zuwanderer schlagen die Experten eine schnelle Einbürgerung nach vier Jahren vor. Darüber hinaus verlangen die Experten eine gesetzliche Lösung für das Bleiberecht, die das Problem der Kettenduldungen endgültig beendet.

Der Vorsitzende des SVR Klaus J. Bade sagte bei der Präsentation des Berichts: "Das verhalten positive Ergebnis ist kein Grund zum Jubilieren, aber ein Kontrast zum Skandalisieren der Integration in Deutschland. [...] Integration in Deutschland ist, trotz einiger Problemzonen, gesellschaftlich und politisch ein Erfolgsfall." Die politischen Akteure hätten für das jahrzehntelange friedliche Zusammenwachsen der Einwanderungsgesellschaft allerdings wenig Richtungsweisendes beigetragen, ergänzte er, so dass der Eindruck entstehe, dass die Menschen in ihrem Alltag scheinbar schon viel weiter seien als die Politiker.