Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.2.2010

Deutschland: Aufbau islamischer Theologie

An deutschen Universitäten sollen künftig Imame und islamische Religionslehrer ausgebildet werden. Dies hat der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratungsgremium von Bund und Ländern in der Hochschulpolitik, Ende Januar in einer Stellungnahme "zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen" vorgeschlagen.

An bis zu drei staatlichen Universitäten sollen "größere, autonome Organisationseinheiten für Islamische Studien" entstehen, heißt es in der Stellungnahme des Wissenschaftsrats. Darüber hatte eine Expertengruppe des Wissenschaftsrats in Zusammenarbeit mit den Kirchen und dem Koordinationsrat der Muslime in Deutschland zwei Jahre lang beraten. Neben Lehrkräften für den islamischen Religionsunterricht sollen auch islamische Religionsgelehrte, Fachpersonal für Sozial- und Gemeindearbeit sowie der wissenschaftliche Nachwuchs ausgebildet werden.

Bisher seien theologisch ausgerichtete Islamische Studien im Gegensatz zu den Christlichen und Jüdischen Studien noch nicht an deutschen Hochschulen etabliert. Dieser Umstand werde der Bedeutung der größten nichtchristlichen Glaubensgemeinschaft in Deutschland nicht gerecht, heißt es in einer Stellungnahme des Wissenschaftsrats.

Da das Grundgesetz das Selbstbestimmungs- und Mitwirkungsrecht der Religionsgemeinschaften vorschreibt (Art. 140 GG), schlägt der Wissenschaftsrat zudem vor, an den jeweiligen Universitäten die muslimischen Religionsgemeinschaften in Form von "theologisch kompetenten Beiräten für Islamische Studien" einzubeziehen.

Dieser "Rat für Islamische Studien" soll die gesamte Breite des muslimischen Spektrums repräsentieren und jederzeit offen für Vertreter weiterer Richtungen sein. Er soll an der Gestaltung von theologischen Studiengängen und bei der Einstellung des wissenschaftlichen Personals beteiligt werden. Ausdrücklich wird als Beiratsmitglied der Koordinationsrat der Muslime (KRM) genannt, die 2007 gegründete Interessenvertretung der vier größten muslimischen Dachverbände. Der KRM vertritt allerdings nur rund 15% der deutschen Muslime (vgl. MuB 4/07) und ist daher als Repräsentant der Muslime umstritten. Außerdem gehören dem KRM auch radikale Gemeinschaften an, wie der Islamrat, dessen größte Mitgliedsorganisation "Milli Görüs" vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Kritiker werfen dem KRM zudem vor, an der Universität in Münster, wo seit 2004 Muhammad Sven Kalisch den bundesweit ersten "Lehrstuhl für die Religion des Islam" am Centrum für religiöse Studien (CRS) innehat, die Freiheit der Wissenschaft beschneiden und die Inhalte der Islamlehrerausbildung diktieren zu wollen. Hier hatte sich der KRM 2008 aus dem Beirat des CRS zurückgezogen. Als Grund nannte der KRM "die erhebliche Diskrepanz zwischen den Grundsätzen der islamischen Lehre und den veröffentlichten Positionen des Leiters des CRS in Münster". Die Universität will nun eine zusätzliche Professur für Islam-Pädagogik einrichten – in Absprache mit dem Koordinierungsrat. "Wir haben pragmatisch entschieden, weil unsere Absolventen sonst keine realistische Chance hätten, später einmal als islamische Religionslehrer auch akzeptiert zu werden", sagte Universitätssprecher Norbert Frie. Denn der Staat stelle zwar die Lehrer ein, aber das sei nicht gegen den Widerstand der islamischen Gemeinden und Eltern machbar.

Neben Münster zeigen weitere deutsche Hochschulen Interesse, Standort eines Islam-Instituts zu werden. Darunter sind u. a. die Universitäten in Erlangen, Frankfurt/Main und Osnabrück, wo die Religionslehrerausbildung bereits in Modellversuchen läuft (vgl. MuB 4/08). Der Wissenschaftsrat selbst hielt sich mit Empfehlungen zurück, betonte aber, die Entscheidung für die Standorte der neuen Islam-Zentren sollte möglichst zügig umgesetzt werden.

Die Pläne stoßen auf breite Zustimmung. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) stellte eine finanzielle Beteiligung des Bundes an den Aufbaukosten in Aussicht. Bundesintegrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) lobte den Vorschlag als "richtiges Zeichen für die Integration der etwa 4 Mio. Muslime in Deutschland". Neben mehreren SPD-Bildungspolitikern begrüßte auch Volker Beck, Sprecher für Menschenrechtspolitik bei Bündnis 90/Die Grünen, den Vorschlag: "Es ist nicht gut für die Integration, wenn Imame nur aus dem Ausland kommen. Sie kennen das Land und die Probleme der Muslime in Deutschland nicht und können als Geistliche so ihrer Gemeinde nicht ausreichend Orientierung geben." Die Ausbildung von islamischen Religionslehrern und Imamen an deutschen Universitäten sei eine "notwendige und längst überfällige Maßnahme zur Integration der muslimischen Bevölkerung", sagte Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Nach Angaben der Kultusministerkonferenz im Sommer 2008 erteilten lediglich 350 Lehrkräfte islamischen Religionsunterricht an Schulen. Um den Bedarf an islamischem Religionsunterricht zu decken, würden bis zu 5.000 ausgebildete Fachkräfte gebraucht, sagte Demmer. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats Peter Strohschneider geht von rund 2.000 benötigten Lehrern aus.

Vertreter der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) und der Verbände, die im KRM zusammengeschlossen sind, signalisierten ebenfalls Interesse an einer Mitarbeit bei der Ausgestaltung der Islam-Studien. Der Sprecher des KRM Bekir Alboga unterstrich, die muslimischen Verbände müssten "zumindest für den Anfang" genauso über die Inhalte der Studiengänge und die Berufung von Professoren mitentscheiden können wie die christlichen Kirchen. up


Siehe auch das Interview von Ulrike Pape "Die Imame müssen mittendrin sein" mit Angelika Kaya, Regionalleiterin Deutschland des Goethe-Instituts, in der Online-Ausgabe dieses Newsletters.