Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.2.2010

Deutschland: Interview "Die Imame müssen mittendrin sein"

Ein Gespräch mit Angela Kaya, Regionalleiterin Deutschland des Goethe-Instituts.

Statt an privaten Einrichtungen oder im Ausland sollen Imame künftig an staatlichen Hochschulen in Deutschland ausgebildet werden. Das bundesweit einmalige Programm "Imame für Integration" bietet bereits seit Ende 2009 Fortbildungen für Imame in Deutschland an.

Bei dem Gemeinschaftsprojekt des Goethe-Instituts, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e. V. (Ditib) und des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geht es jedoch weniger um islamische Theologie als um Alltag und Kommunikation in Deutschland. Insgesamt an neun Standorten, bisher in Nürnberg und Köln, sollen in den nächsten fünf Jahren rund 130 Imame mit der deutschen Lebensart vertraut gemacht werden. Kann ein zehnmonatiger Landeskunde- und Sprachkurs helfen, Ängste und Vorurteile abzubauen?

Migration und Bevölkerung: Was soll mit dem Projekt "Imame für Integration" erreicht werden?

Angela Kaya: Es geht darum, durch einen Sprachkurs und Landeskundeunterricht die Kommunikation der Imame zu verbessern und Hemmschwellen abzubauen. Gerade die Landeskunde ist praktisch ausgerichtet, die verstehen wir nicht nur als Information. Hier kommt es darauf an, wirklich raus zugehen und Kontakt aufzunehmen mit den städtischen und kirchlichen Institutionen. Das erwarten wir von den Imamen. Sie müssen als Multiplikatoren mittendrin sein, damit sie verstehen, wie die Behörden hier funktionieren und sehen, wie man sich einbringen kann, um dies an die Gemeindemitglieder weiterzugeben.

Migration und Bevölkerung: Was genau werden sich die Imame anschauen?

Angela Kaya: Das hängt von den Gemeinden ab. Die Nürnberger Gruppe hat vorgeschlagen, den Vatikan zu besuchen. Meine Idee war dann, den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz zu treffen. Wir helfen den Imamen dabei, Kontakt aufzunehmen und an ihrem Ort Termine etwa mit dem städtischen Bürgermeister oder einem Vertreter der Kirche zu arrangieren, zum Beispiel einen Roundtable zum interreligiösen Dialog.

Migration und Bevölkerung: Seit Dezember laufen die Kurse in Nürnberg und Köln. Wie sind Ihre Erfahrungen bisher?

Angela Kaya: Wir sind erstaunt, wie motiviert die Imame sind. Nachmittags müssen sie alle wieder in der Gemeinde arbeiten. Ein straffes Programm, das über zehn Monate geht.

Migration und Bevölkerung: Warum sind die Anforderungen an einen Imam in Deutschland anders als in der Türkei?

Angela Kaya: Hier sind sie nicht nur Vorbeter, sie sind auch Sozialarbeiter in der Gemeinde. Daher ist es so wichtig, dass sie sich mit sozialen Fragen befassen und wissen, wie das Schulsystem funktioniert oder wie man einen Ausbildungsplatz findet.

Migration und Bevölkerung: Richtet sich das Projekt nur an türkische Imame?

Angela Kaya: Zunächst ja. Wir würden begrüßen, auch andere Imame zu unterrichten. Das Bundesamt bestimmt aber, wer die Zielgruppe ist. Ziel ist auf jeden Fall, alle Muslime zu motivieren, einen Öffnungsprozess zu erreichen. Das Programm soll eine Sogwirkung haben, Deutsch zu lernen und in Kontakt mit den Deutschen zu treten.

Migration und Bevölkerung: Dürfte an dem Kurs auch der Leipziger Imam Hassan Dabbagh, der als "Hassprediger" bezeichnet wurde und dem eine Anklage wegen Volksverhetzung droht, teilnehmen?

Angela Kaya: Wenn ich allein entscheiden müsste, hätte ich ein Problem, weil ich nicht weiß, wie sich das auf die Gruppe auswirkt. Wenn mir meine Partner, also das Bundesamt und die Ditib sagen, "machen Sie das", dann schultern wir das. Es kann aber nicht Ziel des Programms sein, dass wir Richtungen unterstützen, die wir für nicht gut halten. Es geht darum, gerade weg von den Hinterhöfen, hinein in die Öffentlichkeit zu kommen.

Migration und Bevölkerung: Wie ist die Zusammenarbeit mit der Ditib entstanden?

Angela Kaya: Das geht auf die Deutsche Islam-Konferenz zurück, bei der die Ditib ein besonders aktiver Partner ist. Sie ringt um zentrale Fragen wie wir. Das haben wir bei der Festlegung des Kursinhalts bemerkt. Da war die Ditib sehr kooperativ, auch bei kritischen Themen wie zum Beispiel Frauenrechten. Konkret informieren wir die Imame in den Kursen über Notrufnummern und Adressen für Fragen der häuslichen Gewalt, damit sie die weiterleiten.

Migration und Bevölkerung: Sehen Sie in dem Programm Verbesserungsbedarf?

Angela Kaya: Wir sollten versuchen, auch andere Städte zu erfassen. Zudem halten wir einen längeren Aufenthalt der Imame für besser, aber das entscheidet das türkische Amt für religiöse Angelegenheiten. Im Schnitt sind sie drei bis vier Jahre in Deutschland. Wir, aber auch die Imame selber, bedauern, dass wir keine Ehefrauen von Imamen zulassen dürfen, obwohl die ebenfalls eine wichtige Stellung in der Gemeinde haben. Das liegt aber daran, dass die Mittel des Bundesamts zweckgebunden sind und die Zielgruppe nur die Imame selbst umfasst.

Migration und Bevölkerung: Gab es auch kritische Stimmen?

Angela Kaya: Es gibt einige, die sagen, wir als Goethe-Institut sollten dieses Projekt nicht durchführen, weil wir damit islamistischen Terror unterstützen. Wir haben gespürt: Deutschland muss noch mehr leisten. Muslime sind zwar eingebürgert oder hier geboren, im Grunde ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft, aber dann eben doch noch nicht. Die Erkenntnis ist zwar da, dass etwas getan werden muss, in den Köpfen. Das ist der erste Schritt, der nächste Schritt geht aber nur durch Taten, durch persönliches Erleben, durch Überzeugungen. Dann gehen die Ängste weg. Wichtig ist, dass man sich kennt und sich begegnet.

Das Interview führte Ulrike Pape.