Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.2.2010

In der Diskussion: Ältere Migranten in Deutschland

In den kommenden Jahrzehnten werden ältere Menschen die Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands bilden. Zugleich wird auch der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und einem Alter von über 60 Jahren weiter zunehmen. Weder die deutsche Gesellschaft noch die Migranten selbst sind darauf vorbereitet.

Heute umfasst die Gruppe älterer Migranten (60 Jahre oder älter) rund 1 Mio. Menschen in Deutschland (Stand 2008). Schätzungen gehen davon aus, dass diese Zahl bis 2030 auf ca. 2,8 Mio. ansteigen wird. Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Altersfragen findet sich in Folge der Anwerbepraxis bei den älteren Migranten ein leichter Männerüberschuss: Den 531.074 Männern standen im Jahr 2008 in der Altersgruppe 465.658 Frauen gegenüber. Die größten Gruppen der über 55-Jährigen kamen 2008 aus der Türkei (319.801), dem ehemaligen Jugoslawien (160.751), Italien (123.635) und Griechenland (76.355).

Die Gegenwart von älteren Migranten wurde in den letzten Jahren kaum wahrgenommen, obwohl die Neigung dieser Bevölkerungsgruppe in ihr Herkunftsland zurückzukehren immer weiter abnimmt. Eingeschränkte Freizügigkeitsrechte, aufenthaltsrechtliche Einschränkungen, sinkende Mobilität durch altersbedingte Krankheiten und Altersarmut, die Abhängigkeit vom deutschen Sozialsystem sowie familiäre Bindungen in Deutschland stehen einer Rückkehr entgegen.

Im Gegensatz dazu scheint in der deutschen Öffentlichkeit noch immer die Annahme vorzuherrschen, Migranten würden im Alter in ihr Herkunftsland zurückkehren. Konkret sind daher weder ambulante noch stationäre Einrichtungen der Altenhilfe hierzulande ausreichend auf die kulturellen, sprachlichen und religiösen Bedürfnisse älterer Migranten vorbereitet.

Weder die deutsche Gesellschaft noch die Migranten selbst sind auf ein Altern genügend vorbereitet. Das hängt u. a. damit zusammen, dass die so genannte erste Generation auch nach Jahrzehnten in selbst- und fremdverursachten Subkulturen zwischen Tradition und Moderne, Rückkehr und Integration lebt und als "verlorene Generation" wahrgenommen wird.

Um die besondere Lage dieser Bevölkerungsgruppe besser zu verstehen, bedarf es neuer Ergebnisse der Lebenslagenforschung, in der zentrale Dimensionen des Altseins unter Migrationsbedingungen, wie z. B. Rückkehrorientierung oder ethnische und familiäre Orientierung, näher betrachtet werden. Bisher wurden viele Teilbereiche separat erforscht. Aber erst durch eine umfassende inhaltliche Verknüpfung von Migrations-, Sozial-, Alters-, Familien-, Geschlechter- und Kulturforschung können Forderungen an eine bedarfsgerechte Altenhilfeplanung für Migranten generiert und diskutiert werden.

Der Handlungsauftrag für die deutsche Gesellschaft und ihre Institutionen liegt darin, dass Handlungskonzepte von der entmündigenden, institutionalisierenden Klientelisierung abrücken und vielmehr eine Veränderung der Lebensbedingungen ansteuern müssen, um den komplexen Lebensmilieus gerecht werden zu können.

Die altenzentrierte Sozialpädagogik muss ihre Leistungen klienten- und umweltorientiert gestalten: Kulturspezifisches Alltagswissen und Deutungsmuster müssen viel stärker als bisher in die Praxiskonzeptualisierung integriert werden. Gleichzeitig müssen in integrationspolitischer Hinsicht ältere Menschen dieselben ökonomischen, politischen und sozialen Rechte haben wie Deutsche, wozu insbesondere der weitere Ausbau der Freizügigkeitsrechte für Migranten aus Nicht-EU-Staaten erforderlich wäre.

Dr. Yalcin Yildiz, Diplom-Pädagoge und Migrationsforscher, Johannes Gutenberg- Universität Mainz