Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.2.2010

Länderprofil Irland

Irland zeichnete sich lange durch eine schrumpfende Bevölkerung und hohe Auswanderungsquoten aus, doch in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Situation drastisch gewandelt: Starkes wirtschaftliches Wachstum brachte deutlich mehr Einwanderer ins Land. Infolge der aktuellen Wirtschaftskrise könnte sich dieser Trend erneut umkehren.

Historische Entwicklung

In großen Teilen seiner Geschichte war Irland ein Auswanderungsland. So lebten 1841 auf dem heutigen Gebiet der Republik Irland mehr als 6,5 Mio. Menschen. Bis 1901 ging die Bevölkerung auf 3,25 Mio. zurück, hauptsächlich wegen der Auswanderungen und Todesfälle infolge der großen Hungersnot von 1847. Die Bevölkerung schrumpfte weiter, allerdings nicht mehr so schnell, und 1961 wurde mit rund 2,8 Mio. Menschen der niedrigste Stand der Geschichte erreicht.

Die Mehrheit der Auswanderer, die Irland im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts verließen, ging nach Nordamerika. Mit dem Beginn der Großen Depression in den 1930er-Jahren brachen diese Auswanderungsströme abrupt ab. Seitdem reisten die meisten irischen Auswanderer in das Vereinigte Königreich aus, besonders während des Zweiten Weltkriegs und direkt danach, da viele Iren im Rahmen der britischen Kriegsführung und des folgenden Wiederaufbaus Arbeit fanden.

Während der 1960er-Jahre verlangsamte das Wirtschaftswachstum in Irland das Tempo der Auswanderung, und die Bevölkerungszahl stieg wieder an. Die 1970er-Jahre waren insofern bemerkenswert, da die Zahl der Einwanderer erstmals die der Auswanderer überstieg, jedoch hielt diese Tendenz nicht an.

Neue Phase

Die 1990er-Jahre läuteten eine neue Phase der irischen Migrationsgeschichte ein. Ab- und Zuwanderung waren mehr oder weniger ausgeglichen. Um 1996 nahm die Zuwanderung aber rapide zu, da Irland ein noch nie da gewesenes wirtschaftliches Wachstum erlebte ("Keltischer Tiger"). Dieser Boom erklärt sich durch eine Reihe lang- und kurzfristiger Faktoren, wie dem schrittweisen Abbau der Außenhandelsbarrieren, der Förderung von ausländischen Direktinvestitionen, der Einführung kostenloser sekundärer Schulbildung im Jahr 1967 und dem Beitritt Irlands zur Europäischen Gemeinschaft 1973 und insbesondere dem Beitritt zur Europäischen Währungsgemeinschaft (EWG) in den 1990er-Jahren. Die Beschäftigung nahm zwischen 1996 und 2001 fast um 30% zu, und es kam zu einem weit verbreiteten Mangel an Arbeitskräften, der viele Zuwanderer anzog.

Entwicklung seit den 1990er-Jahren

Ab Mitte der 1990er- bis Anfang der 2000er- Jahre führte wirtschaftliches Wachstum zu steigender Zuwanderung meist irischer Rückkehrer. Nach der Erweiterung der EU im Mai 2004 verwandelte sich ein Großteil der Nicht-EU-Zuwandererströme in EU-Zuwandererströme. Ein neues Rekordhoch bei der Gesamtimmigration wurde durch die neuen EU-Mitgliedsländer erreicht.

Seit 2007/2008 ist die Nettozuwanderung geringer, aber nach wie vor bedeutend. Der Rückgang liegt hauptsächlich an der wirtschaftlichen Rezession und der damit verbundenen niedrigeren Zuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten.

Einwandererbevölkerung

Die verschiedenen Phasen der Zuwanderung nach Irland in den letzten Jahren sind stark mit bestimmten Staatsangehörigkeiten verbunden. Ende der 80er-Jahre waren 65% der Einwanderer, die nach Irland kamen, irische Rückkehrer. Während der 1990er- und 2000er-Jahre fiel der Anteil der Rückkehrer beträchtlich, so dass sie zwischen 2006 und 2008 nur noch 18% der Einwanderungsströme ausmachten. Während der Anteil der irischen Rückkehrer abnahm, begann die Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten zu dominieren: Zwischen 2001 und 2004 machte sie mehr als die Hälfte aller nicht-irischen Einwanderer nach Irland aus.

Nach Daten der Volkszählung aus dem Jahr 2006 sind etwa 420.000 Personen, also rund 10% der Bevölkerung Irlands, Ausländer. Mit 120.500 Personen, bzw. 3% der Gesamtbevölkerung, kam die größte Einwanderergruppe aus den zehn neuen EU- Mitgliedstaaten.

Irland ist nach wie vor ein ethnisch recht homogenes Land: Fast 95% derjenigen, die ihre Staatsangehörigkeit angaben, deklarierten ihre Ethnizität als "weiß". "Schwarz", "asiatisch" oder "andere Ethnizität" kamen jeweils nur auf 1%. Irische Staatsangehörige bezeichneten sich sogar zu 98% als "weiß", während ausländische Staatsangehörige dies zu 71% angaben.

Aktuelle Fragen

Irland erlebt zurzeit einen beträchtlichen wirtschaftlichen Einbruch. Zwischen dem ersten Quartal 2008 und dem ersten Quartal 2009 verdoppelte sich die Zahl der Arbeitslosen. Ausländer waren von diesen Entwicklungen bisher besonders stark betroffen. Im dritten Quartal 2009 lag ihre Arbeitslosenquote bei 17,2% im Vergleich zu 11,9% für irische Staatsbürger. Branchen mit besonders starken Beschäftigungsrückgängen wie zum Beispiel Bau, Einzel- und Großhandel beschäftigen viele Zuwanderer.

Die veränderten Wirtschaftsbedingungen markieren den Beginn einer neuen Phase der irischen Migrationsgeschichte. Es ist wahrscheinlich, dass Einwanderer in ihre Herkunftsländer zurückkehren werden und, sollten sich die internationalen Wirtschaftsbedingungen verbessern, die irische Auswanderung wieder größere Bedeutung gewinnt. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Entwicklung bereits eingesetzt hat: Die Auswanderungsquote ist zwischen 2006 und 2008 um 25% gestiegen; die Nettomigration blieb jedoch positiv.

(gekürzte Fassung)
Emma Quinn, Forschungsmitarbeiterin des Economic and Social Research Institute (ESRI) und Koordinatorin des irischen Nationalen Kontaktpunkts im Europäischen Migrationsnetzwerk (EMN)

Das vollständige 9-seitige Länderprofil Irland ist als 19. Länderprofil bei Focus Migration erschienen. Das Länderprofil ist auch in Englisch verfügbar.