Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.2.2010

BAMF-Studie: Hohes Migrationspotenzial in Afrika

Der Wanderungsdruck aus Afrika nach Europa wird weiterhin zunehmen. Zu diesem Ergebnis kommt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in einer aktuellen Studie. Deutschland wird allerdings kaum betroffen sein.

Mehr Migranten aus Afrika werden zukünftig nach Europa kommen. Davon geht eine Ende Januar vorgestellte Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aus, die das Bundesinnenministerium (BMI) in Auftrag gegeben hatte. Die Untersuchung "Vor den Toren Afrikas" basiert auf der Annahme, dass Migrationsdruck aufgrund bestehender Entwicklungs- und Wohlstandsunterschiede entsteht. Sie bietet Anhaltspunkte und Kriterien, um die Wanderungsbewegungen afrikanischer Migranten nach Europa bis zum Jahr 2050 einschätzen zu können. Schlussfolgerungen im Hinblick auf die tatsächlichen Größenordnungen der Zu- und Abwanderungen können aus dem Migrationspotenzial jedoch nicht gezogen werden. Daher nennt die Studie auch keine konkreten Zahlen.

Im Mittelpunkt des Berichtes steht die Untersuchung der Entwicklungsdifferenzen zwischen Afrika und Europa in den Bereichen Bevölkerung, Wirtschaft, Politik und Umwelt. Auch die Effekte bereits bestehender Migranten-Netzwerke werden in der Studie berücksichtigt. Aus den Wirkungszusammenhängen dieser Push- und Pull-Faktoren haben die Autoren der Studie die Prognose für das Migrationspotenzial aus Afrika nach Europa abgeleitet.

Demografische Faktoren

Die Bevölkerungsprojektionen der Vereinten Nationen (UN) gehen für Afrika von einem starken Bevölkerungswachstum aus. Für die europäische Bevölkerung wird hingegen ein Schrumpfungsprozess angenommen (vgl. MuB 3/07, 3/05). Aufgrund der unterschiedlichen demografischen Entwicklung und den Wechselwirkungen von Bevölkerungsentwicklung und wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Rahmenbedingungen werde das Migrationspotenzial aus Afrika bis 2050 weiter steigen.

Wirtschaftliche Faktoren

Die fehlenden Ausbildungs- und Arbeitsmarktsperspektiven in Afrika wirken sich bei einer stetig wachsenden Erwerbsbevölkerung negativ aus und vergrößern die Armut. Bereits jetzt leben schätzungsweise 55% der erwerbstätigen Afrikaner unterhalb der Armutsgrenze von 1 US-Dollar pro Tag, 80% müssen mit weniger als 2 US-Dollar am Tag auskommen. Der Wohlstand der europäischen Staaten wirkt angesichts dieser ökonomischen Verhältnisse als enormer Anziehungsfaktor. Das Erreichen einer so genannten Migrationsschwelle, d. h. eine Wohlstandshöhe, ab der Migration aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr lukrativ erscheint, gilt angesichts dieser sozioökonomischen Verhältnisse als unwahrscheinlich.

Politische Faktoren

Zahlreiche Staaten in Afrika sind von Instabilität, politischer Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen gezeichnet, während Europa vorwiegend von Kontinuität und Stabilität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geprägt ist. Auch dieser Unterschied zwischen den beiden Regionen erhöht das Migrationspotenzial, v. a. weil eine Stabilisierung der politischen Verhältnisse in Afrika in naher Zukunft kaum absehbar sei, heißt es in dem Bericht. Eine große Zahl der afrikanischen Staaten befinde sich im Zustand einer so genannten defekten Demokratie oder sogar im Staatsverfall. Innerstaatliche und internationale Konflikte würden die politisch prekären Zustände verschlimmern sowie ausländische Investitionen verhindern und sich damit zusätzlich negativ auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auswirken. In dem Bericht wird lediglich Botswana, Ghana, Mauritius, Namibia und Südafrika ein funktionierendes demokratisches System attestiert.

Ökologische Faktoren

Die Autoren gehen davon aus, dass aufgrund des voranschreitenden Klimawandels das Migrationspotenzial aus Afrika nach Europa zusätzlich steigen wird. Demzufolge werden extreme Wetterphänomene den Wassermangel und die Erosion der Böden weiter befördern. Damit schwinden die Lebensgrundlagen der afrikanischen Bevölkerung und die Betroffenen werden zunehmend zum Verlassen ihrer Heimatregionen gezwungen sein.

Zielregionen

UN-Berechnungen zufolge könnten bis 2050 rund 18,4 Mio. Afrikaner ihr Herkunftsland verlassen. Der größte Teil der künftigen Wanderungsbewegungen werde jedoch innerhalb des afrikanischen Kontinents stattfinden, heißt es in dem Bericht. Auch bisher seien nahe gelegene afrikanische Regionen bevorzugte Wanderungsziele gewesen, insbesondere bei Krisen- und Klimamigration.

Von den EU-Staaten werden weiterhin die Mittelmeeranrainerstaaten Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland wichtige Zielregionen darstellen. Aufgrund der zunehmenden Grenzsicherungsmaßnahmen und schärferen Einwanderungsregeln sei davon auszugehen, dass die irreguläre Migration zunehmen und es zu einer Verlagerung der Migrationsrouten auf längere und gefährlichere Strecken kommen werde (siehe Infokasten). Deutschland werde somit kaum von der Zuwanderung aus Afrika betroffen sein. Die Autoren schätzen das Migrationspotenzial auf max. 20.000 bis 35.000 Personen/Jahr, die mit sinkender Tendenz hauptsächlich zur Familienzusammenführung und der temporären Bildungsmigration einreisen.

Irreguläre Migrationsrouten von Afrika in die EU

In der Studie werden vier Hauptrouten der irregulären Migration von Afrika nach Europa identifiziert.
  1. Die westliche Mittelmeerroute nimmt ihren Ausgang in den subsaharischen Staaten Westafrikas, führt über Niger nach Algerien und weiter nach Marokko. In Marokko versuchen die Migranten die Grenze zu den europäischen Exklaven Ceuta und Melilla zu überwinden oder setzen per Boot nach Südspanien oder auf die Kanarischen Inseln über.
  2. Die westafrikanische Route beginnt in Staaten wie Mali, Ghana, Nigeria, Kamerun oder Niger in West- und Zentralafrika. Aufgrund der verstärkten Grenzkontrollen versuchen immer mehr Migranten von Staaten wie Westsahara, Mauretanien, Senegal oder Gambia die Kanaren per Boot zu erreichen. Seit 2002 erreichen mehr afrikanische Migranten die Kanaren als das spanische Festland.
  3. Die zentrale Mittelmeerroute führt über Libyen nach Malta, auf die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa oder das italienische Festland. Laut Regierungsangaben erhöhten sich dort die Zahlen der irregulären Zuwanderung. Medienberichten zufolge könnten jedoch die strengeren Einwanderungskontrollen auf Lampedusa im vergangenen Jahr zu einem signifikanten Rückgang der irregulären Zuwanderung auf die Insel geführt haben. Offizielle Zahlen, die dies bestätigen, liegen noch nicht vor.
  4. Die östliche Mittelmeerroute führt aus den ostafrikanischen Ländern über Ägypten, Jordanien, Libanon und Syrien in die Türkei. Von dort versuchen die Migranten eine der ca. 3.000 griechischen Inseln bzw. griechisches Festland per Boot zu erreichen oder die türkisch-griechische Landesgrenze zu passieren. Die östliche Mittelmeerroute gewinnt angesichts des verstärkten Grenzschutzes in Spanien, Italien und Malta an Bedeutung. th
Die Autoren schlagen insbesondere entwicklungspolitische Maßnahmen vor, um das Migrationspotenzial in Afrika zu reduzieren: Demokratieförderung, nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum, Verbesserungen im Gesundheits- und Bildungsbereich sowie ein sinnvolles Management der natürlichen Ressourcen könnten positiv zu einer Verringerung des Migrationsdrucks beitragen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte anlässlich der Vorstellung der Studie, dass das Wohlstandsgefälle zwischen ärmeren und reicheren Staaten nicht immer größer werden dürfe: "Wir sollten die betroffenen Staaten noch stärker bei der Beseitigung von Migrationsursachen unterstützen." Migrations- und Entwicklungspolitik müssten stärker verknüpft und die operative Zusammenarbeit zwischen den Herkunfts-, Transit- und Zielstaaten in den Bereichen Asyl, Grenzschutz und Immigration verbessert werden, sagte de Maizière. th