Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.10.2009

UN-Weltentwicklungsbericht

Die Vereinten Nationen fordern, Migration als Chance aufzufassen und bessere Rahmenbedingungen für Migranten zu schaffen. Das geht aus dem Jahresbericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) hervor.

Der diesjährige Bericht des UN-Entwicklungsprogramms "Human Development Report" wurde am 5. Oktober vorgestellt. Er listet Norwegen als Land mit den besten Entwicklungsstandards, gefolgt von Australien und Island. Schlusslichter sind Sierra Leone, Afghanistan und Niger. Deutschland steht unverändert auf Platz 22 von 182 gelisteten Ländern.

UNDP schlägt in dem Bericht außerdem konkrete Maßnahmen zum Abbau von Migrationshürden vor. Migration zuzulassen, statt sie zu bekämpfen, trage zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Millionen von Menschen bei.

Migrationsströme

UNDP plädiert für eine Ausweitung bestehender Migrationsströme. Länder, die aufgrund demographischer Entwicklungen mehr "Einwanderungsbedarf" hätten, sollten folglich mehr Migranten aufnehmen, selbst wenn diese geringere Qualifikationen aufwiesen.

Laut UNDP sind aktuell rund 1 Mrd. Menschen auf der Welt Migranten. Davon sind 740 Mio. Binnenmigranten und 240 Mio. internationale Migranten. Nur rund 70 Mio. Migranten würden aus Entwicklungsländern in besser entwickelte Länder wandern. Entgegen weit verbreiteter Meinungen seien gerade die ärmsten Menschen auf der Welt am wenigsten mobil. So leben nur 3 % aller Afrikaner in einem anderen Land als in ihrem Geburtsland, zumeist innerhalb des afrikanischen Kontinents.

Am häufigsten wandern gut ausgebildete Frauen aus kleineren Ortschaften in Länder mit mittlerem Einkommen aus. Sie verlassen ihr Land, um sozialem Druck zu entkommen, beispielsweise in Afghanistan, Kroatien oder Ghana. Die ärmsten Länder sind auch bei der Migration marginalisiert. Für die ärmsten Migranten seien viele Grenzen unüberwindbar, obwohl ihnen das Auswandern am meisten nützen würde, heißt es in dem Bericht.

Rechte für Migranten

Sichergestellt werden müssen laut dem Bericht grundlegende Rechte für Migranten, etwa das Recht auf Bildung, eine ausreichende Gesundheitsversorgung und das Wahlrecht bei langfristiger Niederlassung im Zielland. Zudem seien Maßnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit zu treffen. Eine wichtige Rolle könnten hierbei auch die Gewerkschaften haben, indem sie ihre Mitglieder zu großen Aktionen mobilisieren. Auch müssten Zuwanderungsbestimmungen gelockert und die Kosten für amtliche Dokumente oder Beglaubigungen gesenkt werden, z. B. bei Geburts- und Heiratsurkunden. Verlangt wird auch, die Binnenmigration überall auf der Welt zu erleichtern, etwa durch sozialen Wohnungsbau in Metropolen, in die es viele Migranten zieht, und die Verbesserung von Bildungschancen für die Landbevölkerung in den Entwicklungsländern.

Zusammenarbeit

Die Vereinten Nationen legen gemeinsame Lösungen in Migrationsfragen zwischen Herkunfts- und Zielländern nahe. Migranten sollten von Letzteren als "Innovationspotenzial" verstanden werden und trügen durch Konsum zur Entstehung von Jobs bei. Zur Entwicklung der Herkunftsländer könne beitragen, dass Migranten Wissen und Fähigkeiten in ihrem neuen Umfeld erlernen. Bei einer eventuellen Rückkehr können sie diese in ihrem Land einbringen oder das jeweilige Land durch Rücküberweisungen unterstützen.

Rücküberweisungen

Die Rücküberweisungen von Migranten in ihre Herkunftsländer summierten sich im Jahr 2007 auf weltweit 370 Mrd. US-Dollar. Die Vereinten Nationen fordern ferner Lösungen, um Rücküberweisungen günstiger zu machen. Bisher fallen hohe Transaktionskosten an.

Laut dem Bericht ist Auswanderung ein "sehr wirksamer" Weg für Bewohner von Entwicklungsländern, um ihre Lebenssituation zu verbessern. Menschen aus den ärmsten Ländern, die in entwickelte Länder ziehen, können laut Bericht ihr Einkommen um das 15-Fache steigern.

Von diesen Verbesserungen profitieren auch die Herkunftsländer. Die Rangliste der Länder, die am meisten Geld von ihren Auswanderern bekommen, wird 2007 von Indien angeführt, mit 35,3 Mrd. Dollar, es folgen China (32,8 Mrd.), Mexiko (27,1 Mrd.) und die Philippinen (16,3 Mrd.). Nach Europa fließen fast viermal so viele Migrantenüberweisungen wie nach Afrika und fast doppelt so viele wie nach Lateinamerika.

Im Vergleich zum Bruttosozialprodukt sind die Rücküberweisungen nach Tadschikistan (45,5 %) und Moldawien (38,3 %) am höchsten. Das einzige afrikanische Land mit einem Anteil von über 10 % ist Lesotho, dessen Bevölkerung zu großen Teilen in Südafrikas Bergbau arbeitet. Die ärmsten Entwicklungsländer profitieren folglich weniger von Rücküberweisungen als allgemein angenommen. Auch führt Migration durch eine bessere medizinische Versorgung bei der Geburt und bessere Ernährung zu einer 16-fachen Verringerung der Kindersterblichkeit. Hinzu kommt eine Verdopplung der Einschulungsquote bei den Kindern von Migranten durch bessere Bildungschancen und kostenfreie Schulen in vielen Zielländern.

Migration in der Wirtschaftskrise

Der UN-Bericht warnt, dass die derzeitige Weltwirtschaftskrise Migranten besonders stark betrifft. Arbeitsplätze gingen verloren, Ausländer würden in manchen Ländern zur Rückkehr gedrängt. Die Rücküberweisungen von Migranten in ihre Heimat werden in diesen Zeiten sinken, so der Bericht. Wenn aber die Weltwirtschaft sich wieder erholt, nehmen auch die Migrationsströme wieder zu. Dies sei eine Chance für eine neue Politik, hofft das UNDP. "Migration ist auch heute noch ein umstrittenes, reformbedürftiges und zu überprüfendes Problem weltweit", sagte UNDP-Hauptautorin Jeni Klugman bei der Vorstellung des Berichtes.