Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.10.2009

Deutschland: Benachteiligung beim Übergang in die berufliche Bildung

Schulabgängern mit Migrationshintergrund gelingt ein direkter Übergang von der allgemeinbildenden Schule in die Berufsausbildung wesentlich seltener als ihren deutschen Altersgenossen. Eine neue Studie erläutert die Gründe dafür und zeigt Ansätze für Verbesserungen auf.

"Übergänge in eine berufliche Ausbildung: Geringere Chancen und schwierige Wege für junge Menschen mit Migrationshintergrund" heißt die Mitte September veröffentlichte Expertise des Gesprächskreises Migration und Integration der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Bundesinstituts für Berufsbildung. Demnach fällt Jugendlichen mit Migrationshintergrund der Übergang von der allgemeinbildenden Schule in die Berufsausbildung wesentlich schwerer als ihren Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Dieser Nachteil kann nur teilweise durch ungünstigere familiäre, soziale, wirtschaftliche und andere Voraussetzungen erklärt werden.

Für die repräsentative Umfrage, auf der die Studie basiert, wurden im Jahr 2006 die Angaben von rund 5.500 Personen mit allgemeinbildender Schulausbildung im Alter von 18 bis 24 Jahren ausgewertet, 23 % hatte einen Migrationshintergrund.

Ergebnisse


Wie zu erwarten, sind die Chancen für Hauptschüler schlechter als für Realschüler. Von den Jugendlichen, die höchstens einen Hauptschulabschluss hatten und eine berufliche oder schulische Ausbildung anstrebten, begannen 62 % derjenigen ohne Migrationshintergrund, aber nur 42 % derjenigen mit Migrationshintergrund innerhalb eines Jahres eine Ausbildung. Auch nach drei Jahren lagen diese Zahlen bei 86 % bzw. 68 %, der Unterschied hatte sich also nur unwesentlich verringert.

Jugendliche mit einem Realschulabschluss hatten deutlich bessere Chancen, eine berufliche oder schulische Ausbildung zu beginnen. Nach einem Jahr hatten 74 % der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund und 55 % derer mit Migrationshintergrund eine Ausbildung begonnen. Drei Jahre nach dem Schulabschluss lag dieser Anteil bei 91 % bzw. 79 %.

Die beruflichen Pläne von Schulabgängern mit und ohne Migrationshintergrund unterschieden sich nur wenig. Auch in ihren Bemühungen um einen Ausbildungsplatz standen die Jugendlichen mit Migrationshintergrund ihren einheimischen Altersgenossen in nichts nach.

Unterschiedliche Schulleistungen sind laut der Studie des Gesprächskreises Migration und Integration wenig geeignet, die Schwierigkeiten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Übergang in die Berufsausbildung zu erklären. Im Durchschnitt unterschieden sich die Noten von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund kaum. Eher gute Schulnoten wirken sich aber laut der Studie bei einheimischen Jugendlichen immer positiv auf den Übergang in die berufliche Bildung aus, bei jungen Migranten ist dies nur bei Realschulabgängern im ersten Jahr der Ausbildungssuche der Fall.

Was den Einfluss anderer Faktoren betrifft, die den Übergang in die Berufsausbildung hinauszögern, zeigt sich: Ein niedriger oder fehlender Schulabschluss, schlechte Noten und fehlende familiäre Unterstützung, die bei jungen Migranten häufiger auftreten als bei einheimischen Jugendlichen, haben wie erwartet einen stark negativen Effekt auf einen zügigen Berufseinstieg. Doch selbst wenn alle Merkmale gleich sind, bleibt ein eigenständiger, signifikant negativer Einfluss des Merkmals "mit Migrationshintergrund". Die Studie macht allerdings keine Aussage darüber, ob dieser negative Einfluss auf Vorurteilen der Ausbildungsbetriebe, fehlenden Netzwerken oder anderen Nachteilen beruht.

Empfehlungen

Die Studie des Gesprächskreises Migration und Integration zeigt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund gezielt mit Nachqualifizierungsmaßnahmen gefördert werden müssen. Es sei nicht sinnvoll, die Ursachen dafür, dass Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein reibungsloser Übergang in die berufliche Ausbildung weniger gut gelingt als ihren einheimischen Altersgenossen, bei den jungen Migranten und ihren Defiziten zu suchen. Vielmehr müssten Personalverantwortliche in Betrieben und Verwaltungen für das Problem sensibilisiert werden und vom Nutzen einer kulturellen Vielfalt unter den Mitarbeitern überzeugt werden.

Die Autoren der Studie schlagen zudem vor, Jugendlichen mit Migrationshintergrund an jeder Schule Mentoren zur Seite zu stellen, die sie beim Übergang in die berufliche Ausbildung beraten und unterstützen. Außerdem sollte die Anerkennung von Qualifikationen aus dem Ausland einheitlicher, einfacher und transparenter gestaltet werden. Barbara Bils, Osteuropawissenschaftlerin und Volkswirtin, Vilnius