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Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.7.2009

Deutsche Islam-Konferenz zieht Bilanz

Auf der vierten und vorerst letzten Sitzung der Deutschen Islam-Konferenz (DIK) Ende Juni in Berlin ist der Erfolg der Konferenz kontrovers diskutiert worden. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse einer Studie zum muslimischen Leben in Deutschland vorgestellt. Demnach leben in Deutschland mehr Muslime als bisher angenommen.

Im September 2006 hatten sich erstmals Vertreter von 15 muslimischen Verbänden bzw. Einzelpersonen mit Repräsentanten von Bund, Ländern und Gemeinden mit dem Ziel getroffen, das Verhältnis von Staat und Islam zu klären und die Integration der Muslime zu verbessern (vgl. MuB 8/06). Danach traf sich das Plenum erneut im Mai 2007 und im März 2008 (vgl. MuB 3/08).

Die nun vorliegende gemeinsame Abschlusserklärung billigten drei der vier muslimischen Verbände in der DIK und plädierten für die Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit. Sie erklärten, die in dem Abschlussdokument versammelten Empfehlungen mitzutragen, angefangen bei der Förderung des Wertekonsenses im Alltag bis hin zur Lösung religiös begründeter praktischer Fragen im Schulalltag und der Einrichtung islamisch-theologischer Hochschulstrukturen in Deutschland.

So empfehlen die Beteiligten die gezielte Unterstützung von Brennpunktschulen mit Sozialarbeitern und Lehrkräften und die Einrichtung muslimischer Wohlfahrts- und Familienverbände. Auch umstrittene Positionen wie die Einrichtung von nach Geschlechtern getrenntem Sport- und Schwimmunterricht werden in der Abschlusserklärung empfohlen.

Allerdings stimmte der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IR), der vierte muslimische Verband in der DIK, gegen die Empfehlungen in den Bereichen "Deutsche Gesellschaftsordnung und Wertekonsens" sowie "Sicherheit und Islamismus". Der Verband kritisierte den Text der Erklärung, weil er den muslimischen Glauben entweder als "integrationshemmend" ansehe oder Muslime "ohne konkreten Anlass als potenziell gefährlich" einstufe. Der IR vereinigt mehr als 30 Organisationen unter seinem Dach, darunter auch die vom Verfassungsschutz beobachtete Islamische Gemeinschaft Milli Görüs.

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Info

Muslimisches Leben in Deutschland

Auf der Sitzung der Deutschen Islam-Konferenz (DIK) Ende Juni wurden auch die Ergebnisse der Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vorgestellt. Für die repräsentative Studie wurden mehr als 6.000 in Deutschland lebende Personen aus 49 muslimisch geprägten Ländern ab 16 Jahren telefonisch zu ihrer Religiosität und ihren Lebensgewohnheiten befragt. Dabei gab rund die Hälfte dieser Personen an, muslimischen Glaubens zu sein (52 %). Die Ergebnisse zeigen, dass in der Bundesrepublik mehr Muslime leben als bisher angenommen. Zwischen 3,8 und 4,3 Mio. Muslime wohnen in Deutschland, fast alle in den alten Bundesländern einschließlich Berlin (98 %). Bisherige Schätzungen gingen von rund 3,1 bis 3,4 Mio. Muslimen in Deutschland aus. 45 % der Muslime besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, 55 % sind ausländischer Nationalität. Die Mehrheit der Muslime in Deutschland stammt aus der Türkei (63,2 %), gefolgt von Südosteuropa (13,6 %) und dem Nahen Osten (8,1 %). Von den gläubigen Muslimen schätzen sich 36 % als "sehr stark gläubig" und 50,4 % als "eher gläubig" ein. Zu ähnlichen Zahlen gelangte im vergangenen Jahr die Bertelsmann-Stiftung (vgl. MuB 8/08). Zugleich sind jedoch lediglich rund 20 % der Muslime in religiösen Vereinigungen und Gemeinden organisiert. Bei der religiösen Alltagspraxis bestehen große Unterschiede je nach Herkunftsregion und Konfession.
www.bamf.bund.de
Download der Studie, Zusammenfassungen auch in Englisch und Türkisch
Die Oppositionsparteien kritisierten die DIK-Bilanz. Die migrationspolitische Sprecherin der Linken Sevim Dagdelen sagte, die DIK sei "keine gelungene Veranstaltung". Statt sich für gleiche Rechte einzusetzen, würde die Regierung lieber einen "Dialog der Religionen" führen, meinte Dagdelen. Auch der migrationspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen Josef Winkler kritisierte die Zusammensetzung und die unzureichenden Resultate der DIK.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands Kenan Kolat wertete die Konferenz hingegen als Erfolg "im Sinne eines Dialogbeginns", räumte aber zugleich ein, dass die DIK es noch nicht geschafft habe, die Debatte in die Gesellschaft zu tragen. Der Vorsitende des Zentralrats der Muslime in Deutschland Ayyub Axel Köhler sagte, dass die Bilanz der DIK positiv ausfalle und der Dialog fortgesetzt werden müsse. Die SPD-Bundestagsfraktion erklärte, dass die DIK einen "wichtigen Anstoß zum Dialog der Religionen und Kulturen" geleistet habe, das Parlament aber zukünftig beteiligt werden müsse. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) kündigte eine Fortsetzung der DIK an, allerdings sollten dann die Länder und Kommunen stärker eingebunden werden.