Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.7.2009

Deutschland: "Erster Integrationsindikatorenbericht"

Zuwanderer stehen bei Bildung, Erwerbsarbeit und Einkommen nach wie vor deutlich schlechter da als der Bevölkerungsdurchschnitt. Allerdings sind erste Erfolge sichtbar, insbesondere bei den in Deutschland geborenen Personen mit Migrationshintergrund. Dies ist eines der Ergebnisse des ersten Integrationsindikatorenberichts, den die Bundesintegrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) Mitte Juni vorgestellt hat. Die verwendeten Indikatoren sind allerdings umstritten.

2008 hatten Bund und Länder im Rahmen des Nationalen Integrationsplans die Beobachtung von Stand und Verlauf der Eingliederung von Zuwanderern anhand von Indikatoren vorgeschlagen (vgl. MuB 4/08, 6/07). Wissenschaftler vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) in Köln und vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) erstellten jetzt im Auftrag der Bundesregierung einen ersten Integrationsindikatorenbericht.

Anhand von über 100 Indikatoren wurden Migranten mit Deutschen verglichen, u. a. in den Bereichen Ausbildung und Arbeitsmarkt, Gesundheit und Mediennutzung. Als Grundlage dienten Daten des Mikrozensus, der Bundesagentur für Arbeit, der Bundesländer und der polizeilichen Kriminalstatistik.

Allerdings sind differenzierte Aussagen "aufgrund von Beschränkungen der Datenlage nicht in allen Bereichen in der gewünschten Detailliertheit" möglich, heißt es im Bericht. Da oft noch keine Daten zu der vergleichsweise neuen Kategorie "Personen mit Migrationshintergrund" vorlagen, konnten für viele Indikatoren nur "Ausländer" mit "Deutschen" verglichen werden.

Bildung und Arbeitsmarkt

Als besonders positiv hebt der Bericht den Rückgang der ausländischen Schulabbrecher hervor. Ihre Zahl sank von 17,5 % im Jahr 2005 auf 16 % im Jahr 2007. Bei den hier geborenen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, also der zweiten Zuwanderergeneration, lag die Abbrecherquote 2007 mit 2,2 % sogar unter dem Durchschnitt in der Gesamtbevölkerung mit 2,3 %.

Daneben zeigt der Bericht jedoch kaum Fortschritte auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt: Zwar nahm die Arbeitslosenquote unter Ausländern wegen der guten Konjunkturentwicklung von 25,2 % im Jahr 2005 auf 20,3 % im Jahr 2007 ab, war aber weiterhin doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung (10,1 %, 2005: 13 %).

Trotz formal gleichwertiger schulischer und beruflicher Qualifikationen waren Personen mit Migrationshintergrund häufiger erwerbslos als Personen ohne Migrationshintergrund. Als mögliche Gründe nannte Ruud Koopmans vom WZB beim Vorstellen des Berichts sprachliche Defizite, mangelnde soziale Kontakte, aber auch Diskriminierung seitens der Unternehmen.

Mit 73,5 % besuchten 2007 außerdem deutlich weniger Kinder mit Migrationshintergrund im Alter von drei bis sechs Jahren den Kindergarten als Kinder in der Gesamtbevölkerung (88,7 %). Frühkindliche Betreuungs- und Förderangebote für Kinder nutzten Zuwandererfamilien insgesamt viel seltener als Deutsche, ebenso die medizinischen Früherkennungsuntersuchungen für Kinder.

Armutsrisiko

Kaum Fortschritte verzeichnet der Bericht im Hinblick auf das Armutsrisiko von Migranten und die Abhängigkeit von staatlichen Hilfsleistungen: Mit 21,1 % war 2007 ein mehr als doppelt so hoher Anteil der Ausländer auf staatliche Mindestsicherungsleistungen angewiesen wie in der Gesamtbevölkerung (9,5 %). Die Armutsrisikoquote war 2007 mit knapp 27 % weiterhin doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung (13,2 %).

Was die Einstellung zu gesellschaftlichen Fragen angeht (etwa zur Rolle der Frau und der Arbeitsteilung in der Familie) gibt es dem Bericht zufolge eine Annäherung der zweiten Generation der hier geborenen Migranten an die Mehrheitsgesellschaft. Auch beim gesellschaftlichen Engagement verzeichnet der Bericht ein steigendes Interesse bei Menschen mit Migrationshintergrund. So sind in Deutschland geborene Migranten fast genauso häufig ehrenamtlich tätig wie Menschen ohne Migrationshintergrund.

Reaktionen

Maria Böhmer wertete den Bericht als Bestätigung für den Kurs der Regierung in der Integrationspolitik: "Die Maßnahmen des Nationalen Integrationsplans zeigen erste Erfolge." In vielen Bereichen müssten die Anstrengungen zur Integration jedoch noch intensiviert werden. Die Situation der in Deutschland geborenen Migranten habe sich in vielen Bereichen verbessert und unterscheide sich damit von den Migranten der ersten Generation, die teilweise noch erhebliche Integrationsprobleme hätten. Insbesondere bei der frühkindlichen Bildung in Zuwandererfamilien sieht Böhmer deutlichen Handlungsbedarf, etwa durch kostenfreie Kindergartenplätze.

2010 will Böhmer einen zweiten Indikatorenbericht in Auftrag geben. Die beteiligten Wissenschaftler empfahlen, die Anzahl der Indikatoren auf 53 zu reduzieren. So hätten sich nicht alle ursprünglich vorgesehenen Indikatoren als geeignet erwiesen, Integrationsfortschritte abzubilden.

Außerdem empfahlen die Wissenschaftler, die amtlichen Statistiken in Richtung auf eine differenzierte Erfassung des Migrationshintergrunds weiterzuentwickeln.

Auch Klaus Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, wertete das Indikatorenset und seine Felderprobung als einen "großen Schritt voran". Er empfahl jedoch, die Zahl der Indikatoren zu reduzieren und sie um schicht- und milieuspezifische sowie "weiche Faktoren" zu ergänzen, also z. B. um persönliche Einschätzungen des alltäglichen Integrationsgeschehens. Das Kernproblem dieser Untersuchung sei jedoch, dass "nur das Anpassungsverhalten der Zuwandererbevölkerung gemessen" werde. Es müssten aber genauso Indikatoren zum Messen der Integrationsbereitschaft der Mehrheitsbevölkerung entwickelt werden, so Bade.

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Info

EU: Einheitliches Integrationsmonitoring

Vertreter aus Tschechien, Frankreich, Schweden, Spanien und Deutschland haben am 15. Juni in Berlin ein Eckpunktepapier für die Entwicklung spezieller Indikatoren zur Bewertung der Integrationspolitik in der Europäischen Union unterzeichnet. Die Länder wollen damit den Austausch von Erfahrungen verbessern. Bisher existieren erst in acht EU-Ländern Monitoring-Systeme, in fünf weiteren werden sie entwickelt. Inhaltliche Schwerpunkte sind u. a. die Themenfelder Bildung, Ausbildung, Arbeitsmarkt, Sprache, Wohnen und Einkommen. Das Treffen geht auf eine Vereinbarung der EU-Integrationsminister im französischen Vichy im November 2008 zurück, sich künftig regelmäßig über die Bewertung des Erfolgs von Integrationspolitik in der EU auszutauschen (vgl. MuB 10/08, 9/08).
www.bundesregierung.de

Ende Juni einigten sich auch die Integrationsminister der Bundesländer bei einer Konferenz in Hannover auf ein einheitliches Indikatorenmodell in den Bundesländern mit 28 Kriterien. Übereinstimmung zwischen Bund und Ländern gibt es allerdings erst bei 16 der 28 Kriterien.