30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.7.2009

OECD: Wirtschaftskrise trifft Migranten besonders hart

Berichte über arbeitslose Migranten und Tausende von Rückkehrern in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise kursieren seit einiger Zeit in der Presse. Mit dem "SOPEMI International Migration Outlook 2009" liegen für die Industriestaaten diesbezüglich erste Daten vor.

Der OECD-Bericht wurde am 30. Juni 2009 in Paris vorgestellt und enthält Daten für den Zeitraum 2007 bis einschließlich Januar 2009. Es lässt sich bereits erkennen, dass in Ländern, die früh in die Rezession gerieten, die Einwanderung abgenommen hat. Gleichzeitig sind Zuwanderer dort mit größeren Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert als Einheimische. In anderen Ländern werden die Folgen der Wirtschaftskrise für Migranten wohl erst im Laufe dieses Jahres zu spüren sein.

Arbeitsmarktsituation

Die Arbeitsmarktsituation von Zuwanderern im Vergleich zu Einheimischen hat sich laut dem "International Migration Outlook 2009" bis Anfang des Jahres 2009 nur in den USA, Großbritannien, Irland und Spanien verschlechtert. Dies sind jene Länder, die früher als andere von der gegenwärtigen Rezession betroffen waren.

Der Bericht führt verschiedene Gründe an, warum die Arbeitslosigkeit unter Einwanderern während einer Rezession schneller steigt als die der Einheimischen. In einigen Industrieländern sind Einwanderer überdurchschnittlich oft in Branchen tätig, die stärker als andere konjunkturabhängig sind. In Deutschland und in der Türkei etwa sind über 30 % der Einwanderer im produzierenden Gewerbe beschäftigt, in Griechenland und Spanien arbeiten über 30 % bzw. 20 % der Einwanderer in der Baubranche.

In den meisten OECD-Ländern sind Einwanderer in befristeten Jobs überrepräsentiert, die in der Regel als erste von Entlassungen betroffen sind. Da Migranten zudem überdurchschnittlich häufig Arbeiten ausüben, die keine oder eine geringe Qualifikation erfordern, ist für sie das Risiko größer, entlassen zu werden. Aber auch als Selbständige können Migranten von der Wirtschaftskrise getroffen werden, insbesondere wenn ihre Firmen klein und stark konjunkturabhängig sind, etwa im Hotelgewerbe, der Gastronomie und dem Großhandel. Dem Bericht zufolge ist außerdem nicht ausgeschlossen, dass Einwanderer aufgrund von fremdenfeindlichen Einstellungen stärker von Entlassungen betroffen sein können.

Migrationsströme

Der Bericht zeigt in den meisten OECD-Ländern noch keine Verminderung der Netto-Migrationsströme. Die OECD erwartet daher, dass in diesen Ländern erst 2009 ein Rückgang zu verzeichnen sein wird. Es dauere einige Zeit, bis sich der Abschwung negativ auf den Arbeitsmarkt, und damit auch auf die Motivation einzuwandern, auswirkt.

Bisher sind keine größeren Rückwanderungswellen aus den Industrieländern zu beobachten. Allerdings geht in vielen Ländern die Einwanderung bereits zurück. So ist in den USA die Zahl der ausgestellten befristeten Arbeitsvisa für die Informationstechnologiebranche (H-1B-Visa) im Jahr 2008 von 154.000 auf 129.000 gesunken (-16 %). In Spanien sank die Zahl der Visa zur Aufnahme einer Beschäftigung von 200.000 im Jahr 2007 auf 137.000 im Jahr 2008 (-31 %).

Auch innerhalb der EU hat die Zuwanderung stark abgenommen, v. a. nach Irland und ins Vereinigte Königreich. Im vierten Quartal 2008 ließen sich 45 % weniger EU-Bürger als Arbeitskräfte im Vereinigten Königreich registrieren als im gleichen Zeitraum des Vorjahres (2007: 53.000, 2008: 29.000). In Irland sank die Zahl der neu angemeldeten sozialversicherungspflichtig beschäftigten EU-Bürger im 2. Halbjahr 2008 um ca. 31 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (2. HJ 2008: 74.000, 2. HJ 2007: 108.000).

Politische Reaktionen

Laut OECD-Bericht versuchen zahlreiche Länder, in der Rezession Einwanderung zu minimieren und arbeitslose Einwanderer dazu zu bewegen, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren, um den Druck auf den Arbeitsmarkt zu vermindern. So haben etwa Spanien, Italien, Korea und das Vereinigte Königreich die Zahl der Arbeitsgenehmigungen für ausländische Arbeitskräfte reduziert (vgl. MuB 8/08) oder die Präferenzlisten für bestimmte Berufe, bei denen Einwanderung gefördert wird, gekürzt. Laut Bericht wird teilweise auch die Verlängerung einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung erschwert. In Ländern wie Spanien, Italien und Korea erhalten Migranten, die ihren Job verloren haben, keine Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung mehr. Traditionelle Einwanderungsländer wie die USA, Australien, Neuseeland und Kanada haben ihre Zuwanderungskontingente bisher jedoch kaum verändert.

Dänemark, Österreich und Deutschland haben angesichts der Rezession beschlossen, Bürgern derjenigen Länder, die 2004 der EU beigetreten sind, 2009 noch keinen freien Zugang zu ihren Arbeitsmärkten zu gewähren. Für Staatsangehörige Rumäniens und Bulgariens (EU-Beitritt 2007) halten elf EU-Staaten einen eingeschränkten Zugang zu ihren Arbeitsmärkten aufrecht.

Aussichten

Die OECD geht davon aus, dass Migrationsflüsse langfristig kleiner und genauer auf die Nachfrage auf den Arbeitsmärkten der Zielländer abgestimmt werden könnten. So werden trotz der Wirtschaftskrise von vielen Ländern spezialisierte und qualifizierte Arbeitskräfte angeworben. Die Zuwanderung von gering qualifizierten Arbeitskräften wird dagegen eingeschränkt – ein Trend, der sich langfristig noch stärker als vor der Rezession fortsetzen könnte.

Der Direktor der Internationalen Organisation für Migration (IOM) William Lacy Swing warnte die Industrieländer bereits im Dezember 2008 anlässlich des internationalen Tags der Migranten, Zuwanderungsmöglichkeiten in der Krise einzuschränken, da diese Länder angesichts der Alterung ihrer Bevölkerung mittel- und langfristig auf Einwanderung angewiesen seien. Außerdem geht er davon aus, dass eine verringerte Einwanderung den Aufschwung eher verzögern als beschleunigen würde, wenn etwa benötigte Arbeitskräfte nicht verfügbar sind.

Barbara Bils, Osteuropawissenschaftlerin/Volkswirtin, Vilnius