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1.7.2009

Deutschland: Abwanderung von Arbeitskräften

Aus Deutschland wandern mehr Hochqualifizierte ab als zu. Zu diesem Ergebnis kommt der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in einem Informationspapier, das er Ende Mai unter dem Titel "Qualifikation und Migration: Potenziale und Personalpolitik in der 'Firma' Deutschland" veröffentlichte.

Wanderungssaldo

Der Wanderungssaldo der deutschen Staatsangehörigen ist seit mehreren Jahren negativ. Seit 2005 verließen mehr Deutsche das Land als zurückkehrten (2007: -55.091; 2006: -51.902; 2005: -16.764). Bis zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 war die Zahl stark angestiegen und hat sich nun auf hohem Niveau verfestigt. Über das Wanderungsverhalten und die Wanderungsbilanz der Deutschen in der Wirtschaftskrise liegen noch keine amtlichen Gesamtdaten vor. Vermutlich wird die Zahl der Abwanderer in den verfügbaren Meldestatistiken sogar deutlich unterschätzt, da sich viele bei den Behörden nicht abmelden, Rückwanderer sich aber meist anmelden. Daher ist von einer "Abwanderungsdunkelziffer" auszugehen, so der Sachverständigenrat.

Als Abwanderer gilt, wer Deutschland mit dem Ziel verlässt, in einem anderen Land auf unbestimmte Zeit zu leben und zu arbeiten. Die Verweildauer ist je nach Berufsgruppe unterschiedlich. Von den abgewanderten Ärzten etwa kehrt nur ein Drittel nach Deutschland zurück.

Der Ausgleich des Wanderungssaldos erfolgte in Deutschland seit 2005 nur über die Zuwanderung ausländischer Staatsangehöriger: Die Wanderungsstatistik des Jahres 2007 weist einen positiven Gesamtwanderungssaldo von 43.912 (2006: 22.791) aus, der nur durch eine leicht gestiegene Nettozuwanderung ausländischer Staatsangehöriger in Höhe von 99.003 (2006: 74.693) erreicht werden konnte. Allerdings sind unter den Zuwanderern vermutlich nur wenige hoch qualifizierte Fachkräfte, die als solche auch nicht gesondert statistisch erfasst werden, so die Forscher.

Zielländer

Besonders deutlich ist die Entwicklung der Abwanderung aus Deutschland in die Schweiz, wo heute rund 260.000 Deutsche leben. In den letzten zehn Jahren hat sich die Netto-Zuwanderung in die Schweiz fast verzehnfacht. 2008 wanderten 18.600 Deutsche in die Schweiz ein, lediglich 2.000 kehrten zurück. Weitere wichtige Zielländer sind Österreich, Australien, Kanada, die USA und Neuseeland.

Altersstruktur

Seit 2003 sind laut der Studie fast 180.000 Fachkräfte – nach Abzug der Rückkehrer – in andere Industriestaaten ausgewandert. Die aus der Wanderungsstatistik gewonnenen Ergebnisse zeigen: Mehr als 75 % der deutschen Abwanderer sind 18 bis 65 Jahre alt und damit im erwerbsfähigen Alter. Als Ursachen für ihre Arbeitsmigration nennen Hochqualifizierte vor allem bessere Verdienstmöglichkeiten und leichtere Arbeitsbedingungen in den Zielländern, etwa eine kürzere Wochenarbeitszeit. Vor allem Ärzte, Ingenieure und Wissenschaftler wandern in andere Industrienationen ab.

Steuereinbußen

Nach vorsichtiger Schätzung kehrt rund ein Drittel der 2008 ins Ausland abgewanderten Mediziner nicht nach Deutschland zurück. Demnach sind Deutschland allein durch abwandernde Ärzte im Jahr 2008 fiskalische Verluste in Höhe von über 1 Mrd. Euro entstanden. Auch dauerhaft abwandernde Nicht-Akademiker wie etwa gut ausgebildete Handwerker bedeuten für Deutschland erhebliche Steuerverluste.

Fazit

Klaus J. Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrats, schlussfolgerte: "Wenn es jetzt in der Wirtschaftskrise nicht gelingt, die negative Wanderungsbilanz zu verbessern, wird der ohnehin harte Weg aus der Krise weiter erschwert." Die beschriebene "migratorische Verlustrechnung" in Deutschland solle aber nicht "als Schicksal beklagt", sondern als Aufgabe für die Einwanderungsgesellschaft verstanden werden. Die globale Krise werde auch das Wanderungsverhalten verändern. Sie könnte z. B. zu einer verstärkten Rückwanderung von Deutschen mit im Ausland noch nicht zureichend verfestigtem Aufenthaltsstatus führen.

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Info

Empfehlungen (Auswahl)

1. Deutschland braucht ein flexibles und transparentes Steuerungssystem für qualifizierte Zuwanderung. Es muss in der Lage sein, langfristig entsprechende Zuwanderer für Deutschland zu gewinnen und zugleich kurz- bis mittelfristig auf Arbeitskräfteengpässe zu reagieren. Am besten wäre dies mit einem Punktesystem möglich, wie es die Unabhängige Kommission Zuwanderung bereits 2001 vorgeschlagen hatte (vgl. MuB 4/01).
2. Die Regeln zur Anwerbung hoch qualifizierter Fachkräfte sollten so geändert werden, dass sie einfacher verständlich sind und weniger bürokratischen Aufwand erfordern.
3. Über die zögerliche Öffnung für Zuwanderung im Inland hinaus ist eine aktive Werbung um Hochqualifizierte im Ausland nötig. Dabei könnten auch im Auftrag des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge handelnde Agenturen und deutsche Konsulate einbezogen werden.
4. Empfohlen wird, das Humankapital ausländischer Hochqualifizierter zu nutzen, in dem sie nach ihrem Abschluss an einer deutschen Universität auf unkompliziertem Wege ein Aufenthalts- und Arbeitsrecht erhalten. Momentan haben Absolventen bis zu einem Jahr nach dem Abschluss Zeit, sich in Deutschland einen Arbeitsplatz zu suchen (HSchulAbsZugV). Andernfalls müssen sie das Land wieder verlassen.