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1.6.2009

Deutschland: Illegalität in der häuslichen Altenpflege

Etwa 100.000 Haushaltshilfen aus Mittel- und Osteuropa unterstützen deutsche Privathaushalte bei der Betreuung pflegebedürftiger Menschen. Nur 2.000 davon sind sozialversicherungsrechtlich angestellt. Experten sehen derzeit keine Alternative zu diesen Arbeitskräften und fordern Lösungen für eine reguläre Beschäftigung.

Ende April stellte das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (dip) seine Studie "Situation und Bedarfe von Familien mit mittel- und osteuropäischen Haushaltshilfen" vor, die es im Auftrag des Deutschen Caritasverbandes (DCV) erstellt hatte. Es ist die erste umfassende Studie, die sowohl die Situation der Familien als auch die Einschätzung der ambulanten Pflegedienste berücksichtigt. Die nicht-repräsentative Untersuchung stützt sich auf die Befragung von 154 Familien und 261 ambulanten Pflegediensten bundesweit. Sie wurde mithilfe von standardisierten Fragebögen sowie Expertengesprächen mit Mitarbeitern von Vermittlungsagenturen für Pflegekräfte erstellt. In dem mehr als 100-seitigen Bericht kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Unterstützung und Betreuung pflegebedürftiger Menschen im häuslichen Umfeld momentan zu einem Großteil durch die illegale Beschäftigung ausländischer Haushaltshilfen sichergestellt wird.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind aktuell in Deutschland mehr als 2,2 Mio. Menschen auf Pflege und Unterstützung angewiesen. Knapp 1 Mio. wird von ihren Familienangehörigen zuhause gepflegt. Um Familien in dieser Situation zu unterstützen, seien Haushaltshilfen unerlässlich, so der Präsident des Deutschen Caritasverbandes Peter Neher. Angehörige bräuchten Hilfen, die sich an ihren individuellen Lebenssituationen und finanziellen Möglichkeiten orientieren. Die aktuellen Leistungen der Pflegeversicherungen und Krankenkassen reichten dafür nicht aus, sagte Neher bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse.

Laut dip-Studie leisten derzeit etwa 100.000 mittel- und osteuropäische Beschäftigte in deutschen Haushalten Pflege- und Betreuungsarbeit, davon lediglich 2 % im Rahmen eines regulären Beschäftigungsverhältnisses. Anders könnten sich viele Familien eine Betreuung rund um die Uhr nicht leisten, heißt es in der Studie. Während eine illegal beschäftigte osteuropäische Haushaltshilfe zwischen 1.400 und 2.000 Euro plus Verpflegung und Unterbringung kostet, müsse man für eine regulär sozialversicherungspflichtig angestellte Pflegekraft für vergleichbare Leistungen rund 5.000 Euro zahlen. Insgesamt hätten rund 145.000 Haushalte Bedarf und die finanziellen Möglichkeiten für eine illegale Beschäftigung einer Haushaltshilfe aus den neuen EU-Beitrittsländern.

Die Helfer sind der Studie zufolge vorwiegend weiblich und betreuen hauptsächlich Personen über 80 Jahre. Die Beschäftigungsdauer liegt in knapp zwei Dritteln aller Fälle bei über einem Jahr. Dies trägt dazu bei, dass die Haushaltshilfen familiär stark in die "Nutzerhaushalte" integriert sind. Mehr als zwei Drittel der befragten Haushalte betrachten die Hilfen als "Teil der Familie". Knapp zwei Drittel unterstützen den Kontakt der Haushaltshilfen zu ihrer Familie im Herkunftsland. Sprachliche Verständigungsprobleme gaben weniger als 10 % der befragten "Nutzerhaushalte" an.

Als entscheidend für die Anstellung einer Haushaltshilfe erscheint zum einen das grundsätzliche Gefühl der Überforderung auf Seiten der Familien in der Pflege- und Betreuungssituation. Zum anderen spielt die fehlende Abdeckung einer Vielzahl von Tätigkeiten durch die Pflegeversicherung eine wichtige Rolle, z. B. reine Betreuungs- und Beobachtungsleistungen, Angebote zur Alltagsbegleitung und Tagesgestaltung, hauswirtschaftliche Versorgung und haushaltsnahe Dienstleistungen. Die betroffenen Haushalte empfinden diese Tätigkeiten mehrheitlich als im engeren Sinne "pflegerisch". Der geltende Rechtsbegriff der Pflegebedürftigkeit (SGB XI § 14), der die Grundlage der Pflegestufenberechnung darstellt, schließt diese Arbeiten jedoch nicht mit in den pflegerischen Aufgabenbereich ein.

Hinweise auf ein direktes Konkurrenzverhältnis oder die Verdrängung der ambulanten Dienste durch die illegal beschäftigten Haushaltshilfen erkennen die Autoren der dip-Studie nicht. Lediglich jeder siebte befragte Haushalt erwägt, die ambulanten Pflegedienste künftig komplett durch eine Haushaltshilfe zu ersetzen. 60 % der befragten Haushalte nutzen einen ambulanten Pflegedienst, teilweise neben einer Haushaltshilfe, und etwa zwei Drittel sehen in der Versorgung durch Pflegedienst und Haushaltshilfe eine ideale Ergänzung. Die befragten ambulanten Pflegedienste räumten gegenüber den Autoren zwar Kundenverluste durch Haushaltshilfen ein, waren jedoch mehrheitlich der Ansicht, dass die von den Haushaltshilfen erbrachten Leistungen zur Stabilisierung der Gesamtsituation im Pflegebereich beitrügen.

Vermittlungsagenturen spielen bei der Bereitstellung von Haushaltshilfen eine wichtige Rolle, wie die Studie zeigt. In Deutschland sind etwa 70 von ihnen tätig. Die Stiftung Warentest präsentierte im Mai eine Untersuchung von 17 Vermittlungsagenturen. Die Stiftung wies bei einigen Agenturen auf Verstöße gegen das Entsenderecht hin, auf dessen Basis osteuropäische Pflegekräfte legal eingestellt werden können.

Abschließend forderte die dip-Studie politische Lösungen für den Pflegebereich. Da die gleichzeitige Beschäftigung eines ambulanten Pflegedienstes und einer Haushaltshilfe eine weit verbreitete Versorgungsrealität darstelle, müssten sich gegenseitig ergänzende Kooperationsmodelle erarbeitet werden. So könnten Haushaltshilfen bestimmte medizinisch-pflegerische Aufgaben zugunsten der ambulanten Dienste auslassen, während diese ihre Kunden auch während ihrer Abwesenheit versorgt wüssten. Außerdem müssten aufgrund der uneingeschränkten Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den neuen EU-Beitrittsländern ab 2011 klare rechtliche Rahmenbedingungen für den Einsatz von Haushaltshilfen geschaffen werden. Ein grundsätzlicher Austausch der mittel- und osteuropäischen Haushaltshilfen durch einheimische Arbeitslose sei aus qualitativen und individuellen Gründen keine Lösung.

Der Pflegeexperte Claus Fussek von der Münchener Vereinigung Integrationsförderung (ViF) sieht keine "bezahlbare Alternative" zu diesen Kräften, man könne nicht auf sie verzichten.