Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.6.2009

Baltikum: Auswirkungen der Wirtschaftskrise

Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sind seit fünf Jahren von massiver Auswanderung betroffen. Nun wird befürchtet, dass es im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise zu einer erneuten Auswanderungswelle kommt.

Obwohl nur wenige Länder ihre Arbeitsmärkte nach der EU-Osterweiterung für die Staatsbürger Estlands (Bevölkerung: 1,36 Mio.), Lettlands (2,26 Mio.) und Litauens (3,35 Mio.) geöffnet hatten (vgl. MuB 7/07, 2/06, 3/04), wanderten nach offiziellen Angaben in den Jahren 2004 bis 2007 insgesamt jeweils ungefähr 15.000 Personen aus Estland und Lettland aus. Etwa 57.000 Personen verließen im gleichen Zeitraum Litauen. Offiziellen Angaben zufolge kehrten im Jahr 2007 rund 1.800 Esten, 650 Letten und 6.150 Litauer in ihre Heimat zurück.

Allerdings bilden die offiziellen Statistiken das tatsächliche Ausmaß der Auswanderung nur unzureichend ab. So schätzt das litauische Statistikamt, dass im gleichen Zeitraum zusätzlich ca. 77.000 Personen Litauen verließen, ohne sich behördlich abzumelden. Gleiches lässt sich aus den Aufnahmezahlen der Zielländer schließen. So wanderten z. B. im Jahr 2007 offiziellen Angaben Lettlands zufolge lediglich 393 Letten nach Großbritannien aus. Im selben Jahr ließen sich dort jedoch über 6.200 Letten als Arbeitskräfte registrieren.

Zielländer

Die estnische Auswanderung nach Europa richtet sich aufgrund der räumlichen und kulturellen Nähe der beiden Länder zu 70 bis 80 % nach Finnland. Lettische Emigranten wandern v. a. nach Russland, Großbritannien und Deutschland aus. Auswanderung aus Litauen findet vor allem nach Großbritannien, Irland, in die USA, nach Deutschland und Spanien statt. In Deutschland lebten Ende 2008 ca. 4.000 Esten, 10.000 Letten und 20.300 Litauer. Ungefähr zwei Drittel dieser Einwanderer sind Frauen.

Auswanderung aus dem Baltikum ist hauptsächlich Arbeitsmigration. Beispielsweise verlassen rund 70 % der Emigranten aus Litauen das Land, um im Ausland erwerbstätig zu sein.

Push- und Pull-Faktoren

Das höhere Lohnniveau im Ausland gemessen an den Lebenshaltungskosten war laut einer repräsentativen Umfrage des litauischen Instituts für öffentliche Politik und Management (Viešiosios politikos ir vadybos institutas) unter litauischen Auswanderern der wichtigste Beweggrund für die Emigration. Ein Fünftel der im Winter 2008 befragten Rückkehrer gab an, in Litauen keine Arbeit gefunden zu haben und deshalb ausgewandert zu sein. Die Arbeitslosigkeit lag 2004 in allen drei Staaten bei über 9 %. Junge Menschen unter 24 Jahren waren in allen drei Staaten sogar zu über 18 % arbeitslos. Dies ist einer der Gründe, warum der Anteil der jungen Leute an den Auswanderern besonders hoch ist. So waren 2007 37 % der litauischen und 34 % der estnischen Auswanderer zwischen 15 und 29 Jahre alt. Daneben ist unter jungen Leuten der Wunsch, im Ausland neue Erfahrungen zu sammeln, ein wichtiger Migrationsanreiz.

Die überwiegende Mehrheit der offiziellen baltischen Emigranten hat eine abgeschlossene Berufs- oder Hochschulausbildung. Die Nachfrage nach Baufacharbeitern, Küchenpersonal und qualifizierten Pflegekräften und anderen Facharbeitern war bis zum Ausbruch der Wirtschaftskrise in vielen europäischen Einwanderungsländern wie Großbritannien und Irland groß (vgl. MuB 8/08).

Bisheriger Höhepunkt

Die Emigration aus Lettland und Estland erreichte ihren bisherigen Höhepunkt 2006, aus Litauen bereits 2005. Seitdem sind die Auswanderungszahlen wieder leicht zurückgegangen. Noch ist nicht abzusehen, ob es sich dabei um einen anhaltenden Trend handelt.

Die starke Abwanderung hat zusammen mit einem schnellen Wirtschaftswachstum dazu beigetragen, dass die Arbeitslosenquote seit 2004 stark gesunken ist, in Lettland auf 6 %, in Estland und Litauen sogar auf 4,7 % bzw. 4,3 % im Jahr 2007. Dennoch wird Auswanderung im Baltikum sowohl gesellschaftlich als auch politisch negativ bewertet. Sie trägt zusammen mit einer niedrigen durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau (Estland: 1,63, Lettland: 1,41, Litauen: 1,35) zu einem Schrumpfen der Bevölkerungen bei. Dies wird als Gefahr für den Erhalt der Kulturen und Sprachen der ohnehin kleinen baltischen Staaten angesehen. Außerdem bedrohe es die sozialen Sicherungssysteme, da überwiegend junge und arbeitsfähige Menschen auswanderten. Die Regierungen haben Informations- und Unterstützungskampagnen für Rückkehrwillige gestartet, bisher mit wenig Erfolg.

Schätzungen aus Großbritannien gehen davon aus, dass von den Einwanderern, die seit dem EU-Beitritt eine Arbeitsgenehmigung in Großbritannien beantragt haben, ungefähr die Hälfte das Land inzwischen wieder verlassen hat. Als Hauptgrund für die verstärkte Rückwanderung seit 2006 wurden die sich bis zur Wirtschaftskrise rasant verbessernde ökonomische Situation in den baltischen Staaten, sinkende Arbeitslosigkeit und steigende Löhne angesehen.

Auswirkungen der Wirtschaftskrise

Die Auswirkungen der derzeitigen Wirtschaftskrise auf die Auswanderung und Rückkehr sind bisher noch schwer abzusehen. Einige der Zielländer wie Irland, Großbritannien und Spanien haben bereits mit steigenden Arbeitslosenzahlen zu kämpfen und ergreifen erste Gegenmaßnahmen. So entlassen britische Firmen zuerst die Arbeitskräfte, die sie über Agenturen angeworben haben. Davon sind ausländische Arbeitskräfte besonders stark betroffen. Spanien zahlt Rückkehrern Prämien, wenn sie sich verpflichten, für eine bestimmte Zeit nicht wieder einzuwandern.

Die baltischen Staaten, allen voran Lettland, haben derzeit mit einem sinkenden Bruttoinlandsprodukt und erneut steigenden Arbeitslosenzahlen zu kämpfen. Migrationsexperten in den drei Ländern warnen daher vor einer weiteren Emigrationswelle. Da der große Einkommensunterschied zu anderen EU-Staaten als Hauptgrund für die hohe Abwanderung gilt, hat die Förderung des Wirtschaftswachstums oberste Priorität.

Allerdings würde auch eine große Rückkehrwelle die Länder angesichts hoher Arbeitslosigkeit vor immense Probleme stellen. Migrationsexperten regen daher verbesserte Informationsdienstleistungen für Rückkehrwillige und eine bessere Betreuung und Integration von Rückkehrern an.

Barbara Bils, Osteuropawissenschaftlerin/Volkswirtin, Vilnius