Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.5.2009

In der Diskussion: Muslimische Migranten und Antisemitismus

Spätestens seit der so genannten zweiten Intifada (2000-2005) und dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 ist das Thema Antisemitismus unter Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund ein Dauerbrenner in den deutschen Medien. Ob diese spezifische Gruppe allerdings in signifikanter Weise anfälliger für antisemitische Einstellungen ist, darüber gibt es bisher wenig wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse.

Jüngstes Beispiel ist eine Welle von Berichten nach einer Podiumsdiskussion in Berlin-Kreuzberg Ende Februar, bei der die Amadeu Antonio Stiftung die Broschüre "Die Juden sind schuld. Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus" (AAS-Broschüre) vorstellte. Diese enthält Aufsätze, die allgemein in den Themenkomplex einführen sowie Beiträge aus der pädagogischen und kommunalpolitischen Praxis. Besondere mediale Aufmerksamkeit erhielt die Veranstaltung, weil sie vom Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen Cem Özdemir moderiert wurde. In der Folge äußerten sich fachkundige Politiker wie der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) über Antisemitismus bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Laschet erklärte, dass "wir" es nicht geschafft hätten, "ihnen [...] die besondere Verantwortung jedes Deutschen gegenüber Israel und Menschen jüdischen Glaubens zu vermitteln". Die Gefahr sei groß, sagte Laschet, "dass mitten in Deutschland eine Generation von Zuwandererkindern heranwächst, bei der Antisemitismus gesellschaftsfähig ist".

Auch Cem Özdemir, der das Vorwort zur Broschüre verfasste, forderte in Zeitungsinterviews Migrantenvereine und -verbände dazu auf, zum Antisemitismus "in den eigenen Reihen" nicht zu schweigen. Özdemir verwies zugleich darauf, dass der Antisemitismus keine islamische Erfindung sei, "sondern ein relativ modernes Phänomen im Islam, das viel zu tun hat mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt und dessen politischer Instrumentalisierung durch radikale Organisationen."

In der Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung werden im Beitrag des Projekts "amira" – einem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Jugend und Frauen sowie dem Berliner Integrationsbeauftragten geförderten Modellprojekt des Vereins für demokratische Kultur in Berlin – die Ergebnisse einer Befragung von Sozialarbeitern und Migranten-Organisationen in Berlin-Kreuzberg dargestellt (Susanna Harms, "Antisemitismus, ein Problem unter vielen") Die Befragung hatte ergeben, dass antisemitische Äußerungen in unterschiedlichem Ausmaß in nahezu allen Kreuzberger Jugendclubs beobachtet werden können. Zentraler Kontext ist dabei der Nahost-Konflikt sowie die Funktion des Wortes "Jude" als Schimpfwort. Obwohl die Autorin Susanna Harms, Mitarbeiterin bei amira, erklärte, dass es sich hier um eine lokale und aus der Perspektive der Befragten gefilterte Wahrnehmung handelte, stellten die berichtenden Medien die Befragung als repräsentative Umfrage dar.

Darüber hinaus berichteten viele Zeitungen, 15,7 % der muslimischen Jugendlichen neigten zum Antisemitismus, während dies nur für ca. 5,4 % ihrer "einheimischen deutschen" Altersgenossen gelte. Diese Zahlen stammen aus der 2007 veröffentlichten Studie "Muslime in Deutschland", die das Bundesministerium des Innern in Auftrag gegeben hatte (vgl. MuB 1/08).

Bemerkenswert ist zunächst, dass von den auf 500 Seiten präsentierten vielschichtigen Ergebnissen der Studie insbesondere diese Passage als einzige immer wieder zitiert wird. Weiterführend könnte es sinnvoll sein, die Interpretation der Daten durch die Forscher genauer in den Blick zu nehmen. So arbeiteten die Autoren der Studie, Katrin Brettfeld und Peter Wetzels, etwa heraus, dass von den 60 % der antidemokratisch orientierten Muslime 60 % zur Gruppe der wirtschaftlich und sozial Ausgeschlossenen gehören – mit niedrigem Bildungsniveau und schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Für eine andere Gruppe von oft gut gebildeten und stark religiösen Muslimen führen die Forscher andere Gründe der Radikalisierung an: Die Wahrnehmung einer kollektiven, weltweiten Benachteiligung der Muslime, die sich etwa in den Kriegen im Irak und Afghanistan oder dem Nahostkonflikt manifestiere. Interessant ist dabei, dass Religiosität bei türkischen und arabischen Einwanderern – im Gegensatz zu Herkunftsdeutschen – mit sinkendem Bildungsniveau steigt. Zu denken gibt auch, dass das autoritäre und demokratiefeindliche Potenzial unter Muslimen mit dem unter der herkunftsdeutschen Bevölkerung weitgehend deckungsgleich ist.

Vor diesem Hintergrund ist Michael Kiefer, einem der Autoren der AAS-Broschüre, zuzustimmen, wenn er erklärt, dass es vollkommen unklar ist, "in welchem Ausmaß antisemitische Vorurteilsbekundungen von muslimischen Jugendlichen vertreten werden". Notwendig sei es herauszufinden, ob diese Einstellungen vorübergehend und ereignisgebunden sind, oder ob es sich dabei um verfestigte Haltungen handelt. Solche Erhebungen könnten beispielsweise der Frage nachgehen, welche Funktion der Antisemitismus als signifikant abweichendes Merkmal unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben könnte, wenn ansonsten alle anderen statistischen Variablen übereinstimmen. Eine mögliche Erklärung etwa wäre, dass der Antisemitismus bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Rolle des Merkmals "Ausländerfeindlichkeit" einnimmt und darüber hinaus der Islamismus diesen Jugendlichen möglicherweise ideologisch das anbietet, was für herkunftsdeutsche Jugendliche der historische deutsche Faschismus ist.

In den meisten Erhebungen korrelieren niedriges Bildungsniveau und demokratiegefährdende Einstellungen. Antisemitismus glaubt man daher eher in einer Hauptschule als auf dem Gymnasium anzutreffen. Wie aber u. a. die Untersuchung von Albert Scherr und Barbara Schäuble zeigt, können auch Jugendliche, die sich selbst als Gegner von Antisemitismus bezeichnen, antisemitische Klischees und Stereotype reproduzieren. Vor diesem Hintergrund sind plakative Fragen nach Judenfeindschaft nicht hilfreich bei der Evaluation von antisemitischen Einstellungsmustern. Mit anderen Worten: Bessere Bildung steht nicht unbedingt für weniger Ressentiments.

Will man herausfinden, ob sich hinter den "richtigen" Kreuzchen auf dem Fragebogen mehr verbirgt als normenkonformes Verhalten, bedarf es neuer Forschungsstrategien. Diskussionen, die darauf abzielen, die prozentuale "Mehrbelastung" migrantischer Jugendlicher zu be- oder widerlegen, bergen immer die Gefahr, zum Spielball ideologischer Grabenkämpfe zu werden. Wichtig ist es daher, immer wieder hervorzuheben, dass Forschung zu diesem Themenbereich dazu beitragen muss, spezifische Ursachen und Kontexte von Antisemitismus bei migrantischen Jugendlichen herauszuarbeiten. Nicht, weil diese schlimmer oder harmloser sind als bei herkunftsdeutschen Jugendlichen, sondern weil es hier ganz offensichtlich besonderer Zugänge bei der Bekämpfung des Antisemitismus bedarf – etwa der Berücksichtigung von politischen Diskursen in den Herkunftsländern oder von Erfahrungen mit Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft.

Serhat Karakayali, Projektleiter von "amira" (Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus, www.amira-berlin.de)