Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.3.2009

Deutschland: Studie löst Kontroverse über die Integration Türkischstämmiger aus

Unter dem Titel "Ungenutzte Potentiale" hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am 26. Januar Ergebnisse zum Stand der Integration in Deutschland präsentiert. Dabei verglich das Institut zum ersten Mal die Integration von Zuwanderern aus einzelnen Herkunftsregionen miteinander.

Das Jahr 2009 hat mit einer heftigen Debatte über die Integration von Zuwanderern begonnen. Anlass ist die aktuelle Studie "Ungenutzte Potentiale" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Da die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Zukunft weiter wachsen wird, ist Deutschland auf gut integrierte Migranten angewiesen, heißt es in der Studie. Um politische Maßnahmen gezielt einsetzen zu können, haben Forscher des Berlin-Instituts einen "Index zur Messung von Integration" entwickelt, um den Ist-Zustand zu ermitteln. 15 Indikatoren wurden dabei auf die Daten des Mikrozensus angewendet, bei dem im Jahr 2005 erstmals die nationale Herkunft der Befragten festgehalten wurde (vgl. MuB 10/08, 5/07, 5/05). Die einzelnen Indikatoren beschreiben die "Assimilation" mit so genannten Einheimischen (z. B. durch Heirat mit Deutschen oder Einbürgerung), die Bildungssituation der Zuwanderergruppen, ihre Beteiligung am Erwerbsleben und ihre finanzielle Absicherung.

Einige Indikatoren wurden zudem nur mit Blick auf Jugendliche ausgewertet, um die Entwicklung der zweiten Generation innerhalb der Zuwanderergruppe zu analysieren. Die Herkunft wurde unterteilt in "Aussiedler", "Türkei", "Südeuropa", "weitere Länder der EU-25", "ehemaliges Jugoslawien", "Ferner Osten", "Naher Osten" und "Afrika".

Ergebnisse der Studie

Am besten integriert ist die Wanderungselite der so genannten "weiteren EU-Länder", zu denen u. a. Skandinavier, Briten und Franzosen zählen, nicht aber Südeuropäer wie Portugiesen, Spanier, Italiener und Griechen. Erstere sind demnach gut gebildet und finden leicht eine Beschäftigung in Deutschland. Als "sehr integrationsfreudige Gruppe" werden außerdem Aussiedler genannt – mit rund 4 Mio. die größte Migrantengruppe in Deutschland. Bei ihnen habe sich die Zahl der Arbeitslosen von der ersten auf die zweite Generation fast halbiert, der Anteil der Abiturienten sei stark gestiegen.

Mit Abstand am schlechtesten integriert sind laut der Studie Zuwanderer mit türkischem Hintergrund. Obwohl knapp die Hälfte von ihnen bereits hier geboren ist, haben nur 32 % einen deutschen Pass, nur 5 % gehen eine Ehe mit Einheimischen ein. Jeder Dritte hat keinen Schulabschluss und nur 14 % machen Abitur.

Auch wenn die Jugendlichen im Vergleich zu ihrer Elterngeneration Fortschritte gemacht haben, liegt ihr Anteil unter den höher Gebildeten weit unter dem Durchschnitt.

Auf dem Arbeitsmarkt wirken sich die Bildungsdefizite der Türkischstämmigen folglich negativ aus. Kaum einer schafft es in den öffentlichen Dienst oder in so genannte Vertrauensberufe wie Arzt oder Lehrer. Die Hausfrauenquote liegt mit über 50 % sehr hoch. Laut den Autoren ist ein Grund für die dürftigen Fortschritte der Zuwanderer aus der Türkei ihre Herkunft aus wenig entwickelten Gebieten in Ostanatolien, viele kamen als Gastarbeiter ohne Schul- und Berufsabschluss. Als weiteren Grund führen sie die mangelhaften Integrationsangebote der deutschen Politik bis in die 1990er Jahre an.

Die Studie weist auf regionale Unterschiede bei den Integrationserfolgen hin. Relativ gute Werte weisen demnach Hessen und Hamburg auf, das Saarland dagegen erreicht besonders schlechte Werte. Insgesamt verläuft die Integration nirgendwo in Deutschland wirklich zufriedenstellend, so das Fazit. Selbst in den Bundesländern mit den besten Ergebnissen sind Migranten mehr als doppelt so oft erwerbslos wie Einheimische oder hängen von öffentlichen Leistungen ab. Die Autoren warnen vor brisanten gesellschaftlichen Problemen, die eine unzureichende Integration mit sich bringt. Sie empfehlen, Schulen zu ganztägigen Integrationszentren auszubauen und ein verpflichtendes Vorschuljahr einzuführen. Die Mehrheitsgesellschaft sei gefordert, die Potentiale der Zuwanderer zu nutzen.

Ausbildungspakt

Wie dringend notwendig eine bessere Integration ist, bestätigte am 2. Februar auch ein Treffen zwischen Vertretern der Bundesregierung, der Wirtschaft und der Bundesagentur für Arbeit, die einen Ausbildungspakt geschlossen haben. Vor allem beim Handwerk, so hieß es, sei schon jetzt ein Bewerbermangel zu spüren. Ohne die Kinder von Zuwanderern könnten Lehrstellen in Zukunft nicht mehr besetzt werden. Doch bei der Ausbildungsfähigkeit Jugendlicher aus Zuwandererfamilien gibt es schwere Defizite: 16 % der ausländischen Jugendlichen haben keinen Schulabschluss und rund 40 % der 25- bis 34-Jährigen keine abgeschlossene Berufsausbildung.

Diskussion

Die Ergebnisse zum Stand der Integration führten in der medialen Öffentlichkeit zu unterschiedlichen Reaktionen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) verlangte mehr Sprachförderung und eine konsequente Diskussion über Integration. Die migrationspolitische Sprecherin der SPD, Lale Akgün, hält die Studie für "eine völlig zutreffende Momentaufnahme der Situation vieler türkischer Einwanderer in Deutschland".

"Es wurde zu wenig getan für die Integration von Türken", sagte die Grünen-Politikerin Bilkay Öney. Der Landesverband der Linken in Berlin warnte davor, Integrationsdefizite zu ethnisieren. Das sei "falsch und politisch inakzeptabel".

Der Islamwissenschaftler Bekir Alboga forderte, dass derartige Behauptungen über Türken erst an wissenschaftlichen Standards verifiziert werden müssten. Auch andere Wissenschaftler wie Hans-Peter Frühauf vom Institut für sozialpädagogische Forschung in Mainz kritisierten die Studie. Frühauf sprach von "quasi-objektiven Messinstrumenten", die "methodisch völlig unzulässig" seien. Der Begriff der Integration werde auf den Angleichungsprozess zwischen Einheimischen und Zuwanderern konzentriert.

Auch der Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Klaus Bade, warnte davor, die Ergebnisse der Studie zu überschätzen: "Wir müssen diese Daten differenzieren: Der Index verführt zu einer Vermischung von Herkunftsorientierung und schichtspezifischen Merkmalen." Bade selbst hätte die schichtspezifischen Merkmale in den Vordergrund gestellt und nicht die Herkunft.

Ferda Ataman, Journalistin (Tagesspiegel), Berlin