Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

1.3.2009

Japan: Regierung will Einwanderer trotz Finanzkrise halten

Tausende brasilianische Einwanderer wollen wegen der Wirtschaftskrise nach Brasilien zurückkehren. Doch die japanische Regierung will, dass sie bleiben, um der demographischen Alterung entgegenzuwirken.

Die internationale Wirtschaftskrise hat in Japan in den letzten Monaten zu Massenentlassungen v. a. in der Automobilindustrie geführt. Hiervon sind ausländische Arbeitnehmer, darunter viele Brasilianer, besonders stark betroffen. Mehrere Tausend von ihnen wurden entlassen oder mussten hohe Lohneinbußen hinnehmen. Als überwiegend unqualifizierte und über Zeitarbeitsverträge angestellte Arbeitskräfte erhalten viele der brasilianischen Einwanderer als Erste ihre Kündigung. Besonders betroffen sind die Kernstädte der japanischen Autoindustrie, die Gebiete um Hamamatsu und Nagoya. Im Januar und Februar demonstrierten dort brasilianische Arbeitnehmer gegen ihre Entlassungen und für soziale Rechte sowie Gleichbehandlung mit ihren japanischen Kollegen. Die Situation ist dramatisch: Viele Einwanderer mussten die Firmenunterkünfte verlassen und können sich die Schulgebühren für ihre Kinder nicht mehr leisten. Eine Rückkehr nach Brasilien scheint für viele die letzte Option. Einige sind schon abgereist.

Die brasilianische Einwanderung nach Japan geht auf ein Gesetz aus dem Jahr 1990 zurück, das Ausländern japanischer Abstammung den Zugang zu Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis erleichtert. In Brasilien leben mehr als 1 Mio. Personen mit japanischen Wurzeln, das ist die größte exiljapanische Gemeinschaft weltweit. Die Auswanderung von Japanern nach Brasilien fällt in den Zeitraum 1908 bis 1973. Sie wurde von der Regierung gefördert, um die Armut in den ländlichen Regionen Japans zu mindern. Umgekehrt leben heute etwa 320.000 Brasilianer in Japan.

Ähnlich den türkischen Gastarbeitern in Deutschland in den 1960er und 70er Jahren kamen zunächst überwiegend männliche Arbeitskräfte, die Geld nach Brasilien schickten und eine Rückkehr in ihr Herkunftsland nach einigen Jahren planten. Etwa seit dem Jahr 2000 holten viele Brasilianer ihre Familien nach. Dennoch hielt die japanische Politik und Gesellschaft am Selbstverständnis einer Nichteinwanderungsgesellschaft fest; eine Integrationspolitik gibt es kaum. Bis heute leben die meisten Brasilianer in isolierten Wohnsiedlungen in der Nähe der Fabriken, in denen sie arbeiten. Sie sprechen kein Japanisch und ihre Kinder besuchen nichtstaatliche portugiesischsprachige Schulen.

Wegen der drohenden Rückreise der Brasilianer und ihrer Kinder kam es in den vergangenen Wochen zu einem überraschenden Politikwechsel. "Unser Ziel ist, sie zum Bleiben zu bewegen", sagte Masahiko Ozeki, Leiter der im Januar geschaffenen Koordinationsstelle der Regierung für den Umgang mit Einwanderern. Die Regierung will nun alles tun, damit die brasilianischen Arbeiter bleiben und schnell wieder eine Arbeit in Japan finden. Sie sollen Sprachkurse besuchen, an Weiterbildungsprogrammen teilnehmen und Anspruch auf eine Jobberatung erhalten. Als Teil eines Konjunkturpakets soll hierfür künftig deutlich mehr Geld ausgegeben werden. "Als Regierung haben wir noch nie etwas Vergleichbares getan", ergänzte Ozeki.

Japan gilt weltweit als das Land mit der ältesten Bevölkerung. Die Lebenserwartung liegt bei durchschnittlich 82,1 Jahren (Deutschland: 79,1 Jahre). Gleichzeitig ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau mit 1,22 Kindern eine der niedrigsten im internationalen Vergleich (Deutschland: 1,41).

Projektionen zufolge könnten im Jahr 2060 zwei Rentner auf drei Erwerbstätige kommen. Renten und Gesundheitssystem könnten zusammenbrechen, warnen Experten und fordern seit Jahren mehr Einwanderung, ohne jedoch auf große Resonanz zu stoßen. Schon jetzt gibt es Engpässe im Gesundheitssektor und im Pflegebereich. Größere Aufmerksamkeit erregte im Sommer 2008 ein Gruppe von 80 Parlamentariern der regierenden liberaldemokratischen Partei. Sie sagten, Japan brauche in den nächsten 50 Jahren 10 Mio. Einwanderer. Die japanische Bevölkerung ist Umfragen zufolge jedoch sehr skeptisch gegenüber Einwanderung eingestellt.

Die jüngsten Vorschläge der Regierung bezeichnet Hidenori Sakanaka, Direktor des Japan Immigration Policy Institute, als "revolutionär". "Japan hat eine lange Geschichte der Ablehnung von Ausländern, die sich im Land niederlassen wollen", sagte er. Die aktuellen Entwicklungen könnten ein Wendepunkt sein, sagte Sakanaka. Man könne aber noch nicht davon sprechen, dass Japan nun ein Einwanderungsland werde.