Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

In der Diskussion: Klimawandel und Migration

1.2.2009
Die Folgen des Klimawandels verursachen immer mehr Migrationsbewegungen. Überflutungen und die Ausbreitung von Wüsten werden die Lebensräume für eine wachsende Weltbevölkerung verringern. Experten erwarten, dass bis 2050 rund 200 Mio. Menschen die Risikogebiete in Afrika und Asien in Richtung Europa und Amerika verlassen könnten.

Nach Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) waren im Jahr 2007 mehr als 200 Mio. Menschen Migranten, das entspricht knapp 3 % der Weltbevölkerung. Diese Zahlen werden steigen, denn der Weltklimarat (IPCC) sieht in den Klimawandelfolgen ein deutliches Migrationspotential. Der steigende Meeresspiegel wird zu Überschwemmungen von Küstengebieten führen, und die Ausbreitung von Wüsten wird Lebensräume verschwinden lassen. Eine wachsende Zahl von Menschen wird daher ihre angestammten Siedlungsgebiete verlassen müssen, prognostiziert der Direktor des Bonner Instituts für Umwelt und menschliche Sicherheit der UN-Universität (UNU-EHC) Janos Bogardi. Die meisten Klimaflüchtlinge werden nach Angaben des Weltklimarats aus den bevölkerungsreichen Küsten- und Flussgebieten Asiens, von kleinen Inselstaaten sowie aus dem sub-saharischen Afrika kommen.

Definition



Noch gibt es keine allgemein anerkannte Definition für das Phänomen klimabedingter Migration. Einzig die IOM legte im November 2007 einen Entwurf vor, der Klimaflüchtlinge als "Personen oder Personengruppen, die, aufgrund plötzlicher oder fortschreitender deutlicher Veränderungen der ihr Leben beeinflussenden Umwelt- und Lebensbedingungen, gezwungen sind oder sich veranlasst sehen, ihre Heimat zu verlassen, sei es zeitweise oder permanent, und die sich innerhalb ihres Heimatlandes oder über dessen Grenzen hinaus bewegen" bezeichnete.

Auf einer Konferenz der Universität der Vereinten Nationen (UNU) und des Zentrums für Ethnologie- und Migrationsstudien (CEDEM) im Juli 2008 in Brüssel wurden schließlich drei wesentliche Kategorien der klimabedingten Migration festgehalten: (1) Klimabedingte Notfallmigration in Folge von Umweltkatastrophen wie Überschwemmungen oder Orkanen; (2) Klimabedingte Zwangsmigration aufgrund von graduellen Klimawandelprozessen, wie der Ausbreitung von Dürrezonen oder dem steigenden Meeresspiegel; (3) Organisierte bzw. beabsichtigte Migration durch entwicklungspolitisch ausgelöste Umweltveränderungen. Dabei könne klimabedingte Migration sowohl innerstaatlich als auch grenzüberschreitend stattfinden.

Flüchtlingseigenschaft



Ungeklärt ist der rechtliche Status von Klimaflüchtlingen. Gegenwärtig fallen sie nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) von 1951 (vgl. MuB »5/01«). Die meisten Klimaflüchtlinge verlassen ihr Heimatland nicht. Dies ist jedoch eine zentrale Bedingung für die Anwendung der GFK. Ferner setzt die Konvention den Tatbestand der individuellen Verfolgung voraus. Verfolgung als Auslöser der Massenwanderung liegt bei der klimabedingten Migration jedoch nicht vor. Lediglich der erweiterte Flüchtlingsbegriff einiger international anerkannter regionaler Flüchtlingskonventionen ließe bisher eine Anerkennung der klimabedingten Migranten als Flüchtlinge zu (z. B. Übereinkommen der Organisation der afrikanischen Einheit (OAU) zur Regelung der spezifischen Aspekte der Flüchtlingsprobleme in Afrika von 1969 oder die Erklärung einiger lateinamerikanischer Staaten in Cartagena von 1984).

So haben die Regierenden der pazifischen Inselstaaten Kiribati und Tuvalu im vergangenen Sommer für ihre etwa 110.000 Bewohner Asyl in Australien und Neuseeland beantragt, da beide Inselgruppen akut vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind. Dies wurde von beiden Staaten abgelehnt, Neuseeland erklärte sich lediglich bereit, jährlich ein kleines Kontingent aufzunehmen. Konservativen Schätzungen zufolge könnten die Inseln bis spätestens 2100 überflutet sein, andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass bereits 2050 ein Leben dort unmöglich sein wird.

Anthony Simms, der Vorsitzende des Klimawandelprogramms des unabhängigen britischen Forschungsinstituts New Economics Foundation (NEF), forderte eine Anerkennung der vom Klimawandel betroffenen Migranten als Klimaflüchtlinge, da sie von den sich verschlechternden Umweltbedingungen "vertrieben" würden. Der Experte für Klimawandel des UNHCR Yoichiro Tsuchida spricht sich jedoch gegen eine Ausweitung der GFK in diesem Sinne aus. Die umweltbedingte Migration sei dafür "zu komplex und verschieden". Der Greenpeace-Experte Andree Böhling schlägt alternativ ein Zusatzabkommen vor, dass den Betroffenen die Rechte von Staatenlosen zusichern würde. Auch die Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International (AI) Barbara Lochbihler fordert ein Konzept, "das auch Klimaflüchtlingen Schutz bietet".

Kontroverse



Ein weiterer Streitpunkt ist, ob die Migration unmittelbar auf die Klimawandelfolgen zurückgeführt werden muss, um von klimabedingter Migration zu sprechen. Oder handelt es sich auch dann noch um klimabedingte Migration, wenn erst ein Konflikt um knapper werdende Ressourcen oder die schleichende Verschlechterung der allgemeinen Lebensbedingungen durch den Klimawandel Massenwanderung hervorruft?

Der Soziologe Harald Welzer vom kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Essen sieht in der umweltbedingten Migration eine "zentrale Folge des Klimawandels", da dieser eine Zunahme gewaltsamer Auseinandersetzungen und folglich neue Flüchtlingsströme nach sich ziehe. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) räumt in seinem Gutachten "Sicherheitsrisiko Klimawandel" ein, dass klimabedingte Migration immer mit "sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren" einhergehen kann.

Auch die UNU und die IOM sehen die Wanderungsbewegungen nach Klima- bzw. Umweltkonflikten zumindest als teilweise klimabedingte Migration an. Aber Vertreter beider Einrichtungen äußern sich skeptisch, wenn es um die Zuordnung von Wanderungsbewegungen zur klimabedingten Migration geht, deren Auslöser nicht unmittelbar auf Klimawandelfolgen zurückgeführt werden können.

Zahlen



Die anhaltenden Unstimmigkeiten über die Notwendigkeit eines unmittelbaren Zusammenhangs zwischen Klimawandelfolgen und Migration führen dazu, dass zur klimabedingten Migration keine einheitlichen Zahlen vorliegen. Der WBGU geht gegenwärtig von 25-60 Mio. Klimaflüchtlingen aus. Das UN-Klimabüro (UNFCCC) in Bonn rechnet bis 2010 mit mindestens 50 Mio. Der Weltklimarat rechnet bis 2050 mit insgesamt bis zu 150 Mio. Migranten infolge des Klimawandels, die britische Hilfsorganisation Christian Aid sogar mit bis zu 1 Mrd. Die größte Akzeptanz finden die Zahlen von Norman Myers, Professor für Umwelt und Soziologie in Oxford, der bis 2050 mit bis zu 200 Mio. vom Klimawandel vertriebenen Personen rechnet.

Im Rahmen der zunehmenden Beachtung der klimabedingten Migration sind verschiedene Forschungsprojekte entstanden, die genauere Daten zu dem Phänomen sammeln sollen (z. B. das europäische Projekt EACH-FOR "Environmental Change and Forced Migration Scenarios").