Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

27.2.2012

Deutschland: Anstieg der Zuwanderung

Erstmals seit acht Jahren ist die Bevölkerung in Deutschland wieder gewachsen. Der Grund hierfür ist eine verstärkte Zuwanderung. Vor allem aus dem europäischen Ausland wanderten mehr Menschen zu.

Wie das Statistische Bundesamt Mitte Januar mitteilte, ist die Bevölkerung in Deutschland im Jahr 2011 leicht gewachsen. Nach Schätzungen dürften am Jahresende 81,8 Millionen Menschen, und damit 50.000 mehr als im Vorjahr, in Deutschland gelebt haben. Seit 2002 war die Bevölkerungszahl stetig gesunken. Die Zahl der Geburten lag auch 2011 deutlich niedriger als die Zahl der Sterbefälle. Im vergangenen Jahr kamen etwa 660.000 bis 680.000 Kinder zur Welt (2010: rund 677.000). Demgegenüber rechnen die Statistiker mit rund 835.000 bis 850.000 Sterbefällen (2010: rund 859.000). In der Summe ergibt das ein Geburtendefizit von 170.000 bis 185.000 (2010: 181.000, vgl. MuB 6/10, 5/10, 5/08). Dieses Ungleichgewicht wurde in den letzten Jahren nicht durch Migration ausgeglichen. Der Wanderungssaldo schwankte von leicht positiv bis negativ (2010: + 128.000, 2009: - 12.000, 2008: - 55.000).

2011 kamen nach den vorläufigen Zahlen mindestens 240.000 Menschen mehr aus dem Ausland nach Deutschland als wegzogen. Damit stieg die Zuwanderung im Vergleich zum Vorjahr um 20% an. Einen vergleichbar hohen Wanderungsgewinn gab es zuletzt 2001. Detaillierte Zahlen liegen bisher nur für das erste Halbjahr 2011 vor.

Im ersten Halbjahr 2011 sind rund 435.000 Menschen nach Deutschland eingewandert. Das waren 68.000 oder 19% mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die Finanz- und Schuldenkrise ließ vor allem aus besonders betroffenen Staaten wie Griechenland und Spanien deutlich mehr Einwanderer nach Deutschland kommen. Die Arbeitslosenquote in Griechenland beträgt 18%, in Spanien sind es sogar 23%. Viele gut ausgebildete Fachkräfte gehen daher ins Ausland. Deutschland, das Fachkräfte sucht, ist dabei laut Bundesinnenministerium das bevorzugte Ziel. Im ersten Halbjahr 2011 legte die Zuwanderung aus Spanien nach Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge um 49% auf ca. 7.250 Personen zu (1. Halbjahr 2010: ca. 4.850). Aus Griechenland kamen sogar 84% mehr Einwanderer nach Deutschland, das entspricht ca. 8.900 Personen (1. Halbjahr 2010: 4.800).

Hinzu kam im Mai 2011 der Wegfall der letzten Arbeitsmarktbeschränkungen für Bürger der acht Länder, die 2004 der EU beigetreten waren. Dazu gehören beispielsweise Polen, Ungarn und die Slowakei. Die Zahl der Einwanderer aus diesen Staaten stieg mit 30 % überdurchschnittlich an. Aus Polen kamen 77.730 Personen (2010: 60.233), aus Ungarn 17.116 (2010: 13.289) und aus der Slowakei 5.444 (2010: 4.184). Rund 62% der Einwanderer kamen aus einem EU-Staat. Aus Afrika kamen im ersten Halbjahr 2011 rund 12.000 Menschen nach Deutschland (2010: rund 11.500), aus Nord- und Südamerika waren es rund 19.000 (2010: 17.500) und aus Asien kamen rund 47.500 (2010: 43.500), Australien und Ozeanien war die Herkunftsregion von rund 1.800 Menschen (2010: rund 1600). Die Zahl der Deutschen, die ihren Wohnsitz vom Ausland in die Bundesrepublik verlegten, ist mit rund 54.000 dagegen nahezu konstant (2010: ca. 53.000).

Zugleich zogen weniger Menschen aus Deutschland fort als im ersten Halbjahr 2010. Rund 300.000 Deutsche und Ausländer verließen die Bundesrepublik – das waren 6.000 weniger als 2010. Damit wanderten insgesamt 135.000 Menschen mehr zu als weggingen. Das entspricht einem Plus von 122% gegenüber dem ersten Halbjahr 2010. Es ist damit zu rechnen, dass sich der Trend des ersten Halbjahres fortsetzt.

Klaus Bade, Migrationsforscher und Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration in Berlin, führt den verstärkten Zustrom aus Spanien und Griechenland auf die Wirtschaftskrise zurück: "Es gibt eindeutige Belege für eine Konjunktur- und Krisenwanderung. Der entscheidende Push-Faktor ist die miserable Situation in den Ländern." Deutschland sei in Europa ein doppelter Krisengewinner: Einmal, weil die wirtschaftliche Lage hierzulande noch wesentlich besser sei als in anderen EU-Ländern. Zum anderen, weil die meisten Arbeitskräfte, die aus Griechenland und Spanien kommen, relativ gut ausgebildet und für den hiesigen Arbeitsmarkt sehr hilfreich seien. Den Fachkräftemangel in Deutschland könne man allein mit den Einwanderern aus Griechenland und Spanien aber nicht lösen. Dazu seien die absoluten Zahlen zu gering. "Mittel- und langfristig gehen die Bevölkerungszahlen zurück", prognostizierte der Statistiker Reinhold Zahn vom Statistischen Bundesamt. "Das momentane Bild ist keine Trendwende, sondern eine Momentaufnahme." Charakteristisch für die deutsche Situation sei vielmehr die geringe Geburtenrate, die durch Einwanderung nicht ausgeglichen werde. chw

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