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27.2.2012

Deutschland: Bericht zu Integrationsmonitoring

Mitte Januar hat die Bundesintegrationsbeauftragte Maria Böhmer den zweiten Integrationsindikatorenbericht vorgestellt. Dieser bildet anhand zentraler Kennzahlen die Integration der in Deutschland lebenden Migranten ab. Während die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt stagniert, sind insbesondere in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarktintegration Erfolge zu verzeichnen. Besonders positiv ist die Entwicklung bei der Zweiten Generation.

Der zweite Integrationsindikatorenbericht führt das kennzahlenorientierte Integrationsmonitoring fort, das auf der Grundlage des Nationalen Integrationsplans etabliert wurde (vgl. MuB 6/09, 4/08). In dem 260 Seiten umfassenden Bericht untersuchen Wissenschaftler des Kölner Instituts für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik sowie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zentrale Bereiche der Integration von Migranten für den Zeitraum von 2005 bis 2010. Die Analyse stützt sich auf Daten der Bundesagentur für Arbeit sowie des Statistischen Bundesamts. Insgesamt zeichnen die Autoren ein optimistisches Bild: In vielen Bereichen seien Fortschritte zu verzeichnen, vor allem bei der Gruppe der in Deutschland Geborenen mit Migrationshintergrund, der so genannten zweiten Generation. Zu einem ähnlichen Befund war der Sachverständigenrat für Integration und Migration gekommen (vgl. MuB 5/10).

Schulbildung

Im Bereich Bildung ist ein positiver Trend in der Gesamtbevölkerung wie auch bei Schülern mit Migrationshintergrund zu verzeichnen. So ging der Anteil von 18-bis 25-Jährigen ohne Schulabschluss insgesamt von 2,5% (2005) auf 2,3% (2010) zurück. Der Rückgang ist besonders hoch für Personen mit Migrationshintergrund, die allerdings mit 4,4% immer noch einen doppelt so hohen Anteil derjenigen ohne Schulabschluss aufweisen (2005: 5,1%). Für Ausländer betrug der Anteil sogar 7,6% (2005: 8,6%). Für die zweite Generation lag der Anteil 2010 bei 2,8% (2005: 3,0%).

Auch der Anteil der Jugendlichen, die das Schulsystem mit der (Fach-)Hochschulreife verlassen, ist deutlich gestiegen. Dies gilt für Deutsche (2005: 28,3%, 2010: 35,0%) ebenso wie für Ausländer (2005: 11,0%, 2010: 14,1%), wobei deutliche Niveauunterschiede bestehen bleiben. Weitere Analysen zeigen, dass dabei nicht der Migrationshintergrund über die schulische Entwicklung bestimmt, sondern die soziale Herkunft entscheidend ist. Sie wird am Berufsstatus und Bildungsabschluss der Eltern sowie der Ausstattung des Haushaltes mit materiellen und kulturellen Gütern gemessen.

Ausbildung

Von allen 15- bis 25-Jährigen ohne Abschluss der Sekundarstufe II waren im Jahr 2010 insgesamt 16% in einer Ausbildung. Für Personen mit Migrationshintergrund beträgt dieser Wert nur 13,1%. Für beide Gruppen ist über den Berichtszeitraum ein leichter Rückgang festzustellen.

Der Anteil von Personen ohne beruflichen oder akademischen Bildungsabschluss ist für die Gesamtbevölkerung ebenso wie für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund zurückgegangen. Mit 31,6% (2005: 37,1%) ist der Anteil der 25-bis 35-Jährigen ohne Berufsabschluss unter Personen mit Migrationshintergrund 2010 allerdings weiterhin mehr als doppelt so hoch als bei der Gesamtbevölkerung (14,9%, 2005: 17,6%).

Arbeitsmarktintegration

Die Arbeitslosenquote ging im Beobachtungszeitraum insgesamt von 11,7% (2005) auf 7,7% (2010) zurück. Auch in der ausländischen Bevölkerung sank die Arbeitslosenquote deutlich (2005: 25,1%), war aber mit 15,8% ca. doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

Weiterführende Analysen zeigen, dass der vergleichsweise geringere Erfolg der Migranten auf dem Arbeitsmarkt zum großen Teil mit der insgesamt geringeren Qualifizierung dieser Gruppe erklärt werden kann. Auch weisen die Autoren nach, dass Personen mit Migrationshintergrund von einer höheren Qualifikation nicht in demselben Umfang auf dem Arbeitsmarkt profitieren können wie vergleichbar Qualifizierte ohne Migrationshintergrund. Insbesondere Migranten aus Nicht-EU-Staaten werden benachteiligt. Neben der Nichtanerkennung vorhandener ausländischer Abschlüsse (vgl. MuB 1/10 , 8/11) nennen die Autoren als mögliche Gründe hierfür die stärkere Bedeutung von landesspezifischen und sprachlichen Kenntnissen bei anspruchsvolleren Tätigkeiten. Auch mangelnde soziale Vernetzung und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt werden als mögliche Gründe angeführt.

Reaktionen

Die Ergebnisse des Integrationsberichts sind von Politikern der Opposition kritisch kommentiert worden. So warf der integrationspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag Memet Kiliç der Bundesregierung vor, ihr selbstgestecktes Ziel der Halbierung der Schulabbrecherzahlen nicht erreicht zu haben. Er forderte ein modernes und partizipatives Bildungssystem nach skandinavischem Vorbild. Auch die integrationspolitische Sprecherin der Linken Sevim Dağdelen beklagte die schlechten Beteiligungsquoten von Migranten in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt. Sie forderte die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems sowie die Einführung einer gesetzlichen Ausbildungsplatzabgabe. Die Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion Aydan Özoğuz unterstrich, dass der wesentliche Faktor für den Schulerfolg die soziale Herkunft sei und nicht der Migrationshintergrund. Sie stellte daher die Frage, ob eine Fokussierung auf die Herkunft überhaupt Sinn mache. Ebenso kritisierte Özoğuz "dass Jugendliche mit fremdklingenden Namen bei gleicher Qualifikation deutlich seltener zum Vorstellungstermin eingeladen werden". Die Bundesintegrationsbeauftrage Maria Böhmer (CDU) zog ein vorsichtig optimistisches Fazit. Das Ziel gleicher Teilhabe von Migranten sei in vielen gesellschaftlichen Bereichen zwar noch nicht erreicht, die Entwicklung gehe aber klar in die richtige Richtung. Das zeigten vor allem die Ergebnisse für in Deutschland geborene Menschen mit Migrationshintergrund.

Im Dezember hatte die Bundesregierung angekündigt, den Nationalen Integrationsplan als Nationalen Aktionsplan weiterzuentwickeln (vgl. MuB 9/10 ). Dabei sollen die Integrationsbemühungen von Staat und Zivilgesellschaft mit konkreten Maßnahmen verbindlicher und überprüfbarer gestaltet werden. Im Fokus stehen insbesondere die Bereiche Sprache, (Aus-)Bildung und Arbeitsmarkt. fr

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