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14.3.2012

Deutschland: Migranten in der Wirtschaft

In einer Umfrage zeichnet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ein positives Bild der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in deutschen Unternehmen. Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie zeigt, dass immer mehr Migranten eigene Unternehmen gründen.

Trotz Verbesserungen ihrer Arbeitsmarktintegration in den vergangenen Jahren sind Migranten immer noch doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen wie Deutsche (vgl. MuB 1/12). Die Teilnahme am Erwerbssystem – ob als Selbständige oder abhängig Beschäftigte – ist für die Integration von Migranten von zentraler Bedeutung. Zu beiden Bereichen sind in den vergangenen Wochen Studien erschienen.

Anfang Februar hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) eine Umfrage vorgestellt, für die im November 2011 1.500 Betriebe zu ihren Erfahrungen mit Mitarbeitern ausländischer Herkunft und zu ihrer Einschätzung wirtschaftspolitischer Integrationsmaßnahmen befragt wurden. Die Anfang Februar vorgestellten Ergebnisse zeigen, dass größere Unternehmen in der Förderung und Integration ihrer Mitarbeiter insgesamt bessere Werte erzielen als kleinere. Im Vergleich der Wirtschaftszweige bewerten vor allem Unternehmen der Baubranche die betriebliche Integration als problemlos, während (größere) Industriebetriebe besonders aktiv die Vielfalt ihrer Belegschaft fördern.

Betriebliche Integration

Die Integration von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund funktioniert laut Unternehmensangaben zum überwiegenden Teil problemlos. Dabei sind Unterschiede nach Qualifikationsgrad der Mitarbeiter festzustellen. Für Mitarbeiter mittlerer und höherer Qualifikation geben 86% der Unternehmen an, dass deren Integration "in aller Regel problemlos“ funktioniert. Mit "teils, teils“ bewerten lediglich 11%, und als problematisch schätzen nur 3% der Unternehmen die Integration ihrer Mitarbeiter mit Migrationshintergrund ein.

Bei Mitarbeitern geringer Qualifikation bezeichnen 63% der Unternehmen ihre Integration als "in aller Regel problemlos“. Mit "teils, teils“ wird in 26% der Unternehmen die Integration von migrantischen Mitarbeitern geringer Qualifikation bewertet. Als problematisch bezeichnen 11% der Unternehmen deren Integration.

Förderung von Vielfalt und Integration

Über ein Drittel der befragten Unternehmen (39%) gab an, die Vielfalt der Belegschaft zu fördern, indem sie beispielsweise gezielt Menschen mit Migrationshintergrund einstellen. 23% der Unternehmen nutzen die Kenntnisse ihrer Mitarbeiter über deren Herkunftsländer. Einige bieten Maßnahmen betrieblicher Weiterbildung (23%) oder berufsbezogener Sprachförderung (15%) an. 16% setzen spezielle Ansprechpartner und 11% interkulturelle Teams zur Förderung ihrer Mitarbeiter mit Migrationshintergrund ein.

Wirtschaftspolitische Integrationsmaßnahmen

Die aktuell in der Politik diskutierten Maßnahmen zur erleichterten Integration von Migranten werden von den Unternehmen insgesamt mit "gut“ bewertet. Insbesondere die Erleichterung von bedarfs- und qualifikationsorientierter Zuwanderung bewerten die Unternehmen positiv, wie die kürzlich vom Bundeskabinett beschlossene Herabsetzung der Gehaltsgrenze für eine Niederlassungs­erlaubnis (vgl. MuB 9/11). Diesen Maßnahmen gaben die Unternehmen auf einer Skala von 1 = sehr sinnvoll bis 5 = gar nicht sinnvoll die Note 1,7. Den zweitbesten Wert von 2,1 erhält der Vorschlag, ausländische Bildungsabschlüsse leichter anzuerkennen (vgl. MuB 8/11, 1/10). Mit der Note 2,5 beurteilen die Firmen die Vereinbarung eines Integrationsplans von Bund, Ländern und Kommunen auch überwiegend positiv (vgl. MuB 9/10). Des Weiteren wünschen sich insbesondere mittelständische Unternehmen Unterstützung bei der Fachkräfterekrutierung im Ausland sowie den Aufbau einer offenen Kultur gegenüber ausländischen Fachkräften und mehr Kundenorientierung in deutschen Behörden (je 2,2).

Existenzgründungen von Migranten

Die Beratungsfirma Evers & Jung hat ihre Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie bereits im Dezember 2011 veröffentlicht. Sie kommt darin zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2009 Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft mit rund 130.000 Existenzgründungen etwa 30% aller Gründungen in Deutschland vornahmen. Die Gruppe der Selbständigen mit Migrationshintergrund ist im Zeitraum von 2005 bis 2009 nicht nur größer (um 96.000 auf 678.000 Selbständige), sondern auch heterogener geworden. Die größten Zuwächse fanden sich bei Migranten aus Polen (+118%), gefolgt von Personen mit russischem (+50%) und türkischem (+24%) Migrationshintergrund. 86% der selbständigen Migranten gehören der ersten Generation an, sind also selbst zugewandert. Trotz der hohen Zahl an Unternehmensgründungen liegt die Selbständigkeitsquote unter Migranten mit rund 10% noch immer leicht unter der von Nicht-Migranten. Dies lässt auf eine mangelnde Nachhaltigkeit der von Migranten gegründeten Unternehmen schließen, heißt es in der Studie. Die Autoren empfehlen daher eine bessere Begleitung der Unternehmensgründer durch interkulturell kompetente fachliche Beratungsangebote vor der Existenzgründung. fr

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