Russlanddeutsche Auswanderung

21.9.2018 | Von:
Hans-Christian Petersen

"Als ob sie kein Leben gehabt hätten"

Russlanddeutsche Alltagsgeschichte zwischen Stalinismus und Perestroika

Die Alltagsgeschichte und die Lebenswelten der Russlanddeutschen sind kaum erforscht. Die Erforschung russlanddeutscher Biographien könnte diese scheinbar "nicht gelebten Leben" sichtbar machen. Leben, die sich zwischen den Polen einer fortdauernden staatlichen Diskriminierung und dem Versuch der "Normalisierung" des eigenen Lebens in der Sowjetunion bewegten.

Straßenszene mit einem Russlanddeutschen Mädchen in einem Dorf in Kasachstan.Straßenszene mit einem Russlanddeutschen Mädchen in einem Dorf in Kasachstan. (© picture-alliance)

Die Russlanddeutschen erfahren in der deutschen Öffentlichkeit seit drei Jahren eine Aufmerksamkeit wie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr – und dies oft aus wenig erfreulichen Anlässen. Im Januar 2016 führte der "Fall Lisa" dazu, dass erstmals Menschen, die seit den 1990er-Jahren aus dem postsowjetischen Raum in die Bundesrepublik emigriert waren, öffentlich in Erscheinung traten und, als eine der größten Migrationsgruppen Deutschlands, gegen heutige Migrant*innen demonstrierten. Inzwischen sind es die Wahlerfolge der AfD, die dafür sorgen, dass das russlanddeutsche Thema bis auf weiteres auf der politischen und öffentlichen Agenda bleiben wird – auch wenn erste Studien zeigen, dass die Russlanddeutschen gar nicht in so großem Umfang für die AfD gestimmt haben, wie dies in Teilen der Presseberichterstattung vor der Bundestagswahl 2017 prophezeit wurde.

Beide Entwicklungen führten jedoch nicht nur dazu, dass die bundesdeutsche Mehrheitsbevölkerung der Existenz der rund 2,3 Mio. russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler*innen gewahr wurde, sondern dass auch ihre bis dahin zumeist als mustergültig geltende Integration in die bundesrepublikanische Gesellschaft kritisch hinterfragt wurde. Es wurde die Frage gestellt, wie stark vor allem die älteren Generationen der Zuwanderer noch von ihrer Sozialisation in der Sowjetunion geprägt seien, und ob aus dieser Diktaturerfahrung eine Affinität zu autoritären Politikangeboten in der Gegenwart resultiere – sei es in Gestalt des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sei es in Form der AfD.

Eine solche Annahme ist aus zweierlei Gründen problematisch. Zum einen wird sie der Heterogenität der Gruppe nicht gerecht, deren Mitglieder mit höchst unterschiedlichen Lebenswegen nach Deutschland gekommen sind und seit vielen Jahren bzw. Jahrzehnten in der Bundesrepublik leben. Und zum anderen wäre sie der zweite Schritt vor dem ersten – denn Voraussetzung für eine solche Annahme wäre ja, dass wir die Erfahrungen der Russlanddeutschen in der Sowjetunion kennen würden. Dies ist jedoch nicht der Fall: Bis heute wissen wir über die Biographien der über zwei Millionen Sowjetbürger*innen deutscher Nationalität, die bei der letzten sowjetischen Volkszählung 1989 noch in der UdSSR lebten, jenseits des persönlichen Gesprächs kaum etwas. Es scheint, als ob diese Menschen "kein Leben gehabt hätten", wie es eine Oldenburger Studentin und Tochter einer aus Usbekistan in die Bundesrepublik emigrierten Familie formulierte. Im Folgenden sollen Gründe für die "vergessenen Jahrzehnte"[1] russlanddeutscher Geschichte skizziert und Perspektiven aufgezeigt werden, wie diese scheinbar "nicht gelebten Leben" sichtbar gemacht werden könnten.

Zunächst zu den Gründen für das bis heute sehr partielle Wissen über das Sowjetische in russlanddeutschen Biographien: Ausgehend von den traumatischen Erfahrungen der stalinistischen Zwangsumsiedlungen und der anschließenden Zwangsarbeit in der "Arbeitsarmee" (Trudarmija) ist die dominierende Erzählung russlanddeutscher Geschichte bis heute die eines "Volks auf dem Weg", eine Erzählung von Leistungsträgern, die vermeintlich "leere" und "wüste" Steppen in "blühende Landschaften" verwandelt haben und dann ab Ende des 19. Jahrhunderts und insbesondere ab 1917 zu Opfern wurden. Eine solche Deutung hat zweifellos ihre Berechtigung, nicht nur mit Blick auf die sowjetische Politik während des Zweiten Weltkriegs.

Zugleich werden jedoch durch den in hohem Maße emotional besetzten Absolutheitsanspruch, mit dem eine solche Interpretation der "eigenen" Geschichte vertreten wird, all jene Facetten der russlanddeutschen Erfahrungen verdeckt, die nicht dieser Interpretation entsprechen. Dabei liegen inzwischen genügend Untersuchungen vor, in denen gezeigt wird, dass das Opfernarrativ eines "Volks auf dem Weg", das sich trotz aller Repressionen wie in einem Identitätscontainer über mehr als zwei Jahrhunderte und mehrere Kontinente hinweg eine unveränderte "deutsche Identität" bewahrt habe und dessen "Weg" nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit der Ankunft in der deutschen "Urheimat" ein erfolgreiches Ende gefunden habe, weder den vergangenen noch den gegenwärtigen Realitäten russlanddeutscher Lebenswelten gerecht wird.

Medaille und Zertifikat „Für die Urbarmachung des Neulandes“ für Maria Martin. Beresovka/Gebiet Omsk. Maria Martens, Cloppenburg. Foto: Maria Schmieder.Medaille und Zertifikat „Für die Urbarmachung des Neulandes“ für Maria Martin. Beresovka/Gebiet Omsk. Ausgestellt am 04.05.1957. Maria Martens, Cloppenburg. Foto: Maria Schmieder.

Eine Konsequenz dieses teleologischen Geschichtsbildes ist das Unwissen über das Leben der russlanddeutschen Bevölkerung in der Sowjetunion nach dem Stalinismus. So traumatisch die Erfahrung von Deportation und Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs zweifellos war – auch nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 befanden sich über 1,5 Millionen Menschen deutscher Nationalität in der UdSSR. Das heißt, der mit Abstand größte Teil der globalen russlanddeutschen Community lebte nach wie vor jenseits des so genannten Eisernen Vorhangs, während sich die Zahl der Aussiedler in der Bundesrepublik auf rund 70.000 belief. Da die meisten Menschen die Sowjetunion infolge der restriktiven Informations- und Ausreisepolitik nicht verlassen konnten (und sie häufig noch nicht einmal von einer möglichen Option einer Ausreise wussten), blieben sie dort, bis die staatliche Ordnung ab Mitte der 1980er-Jahre ins Wanken geriet und die große Emigration in den Westen begann.

Die gut drei Jahrzehnte zwischen dem Ende des Stalinismus und dem Beginn von Perestrojka und Glasnost' unter Michail Gorbatschow erscheinen bisher als eine graue Periode andauernder Unterdrückung, und auch dies hat partiell seine Berechtigung. Deutlich wird dies anhand der gut dokumentierten Geschichte der Delegationen organisierter Russlanddeutscher, die die Wiederherstellung der Autonomen Republik der Wolgadeutschen forderten, sowie der seit den späten 1960er-Jahren an Bedeutung zunehmenden Ausreisebewegung.

Beides blieb letztendlich jedoch weitgehend erfolglos, und wer sich heute mit (Spät)aussiedler*innen unterhält, erfährt rasch, dass das Ringen um politische Anerkennung nur einen Teil der sowjetischen Lebenswirklichkeit abbildete.[2] Die Menschen standen vor der Herausforderung, sich trotz fortdauernder Diskriminierungen im Alltag in der sowjetischen Gesellschaft zu behaupten und zu ganz normalen Sowjetmenschen zu werden. Sie mussten davon ausgehen, dass die sie umgebende Welt "für immer war" – dass sie Jahrzehnte später "nicht mehr sein"[3] würde, konnte in den 1960er-Jahren niemand ahnen.

Zimmerthermometer. 1970er Jahre. Lilia Elenberger, Cloppenburg. Foto: Maria Schmieder.Zimmerthermometer. 1970er Jahre. Lilia Elenberger, Cloppenburg. Foto: Maria Schmieder.
Möchte man sich den privaten und beruflichen Biographien und den Positionierungen im sowjetischen Herrschaftssystem annähern, dann bietet sich die Alltagsgeschichte als Ansatz an. Nach Alf Lüdtke ist Alltagsgeschichte zu verstehen als Erforschung des "Lebens und Überlebens der in der Überlieferung weithin Namenlosen"[4], das sich fassen lässt im Ewig-Gleichen und in der "sozialen Praxis"[5]. Alltagsgeschichte eröffnet den Blick auf die individuellen Lebenswelten, in denen sich, wie es der Baseler Osteuropahistoriker Heiko Haumann formulierte, "die Innenwelten der Akteure mit den Einflüssen von Strukturen und Systemen [bündeln]."[6]

Genau diese Verknüpfung von strukturellen Rahmenbedingungen einerseits und ihrer deutenden Aneignung durch die Menschen andererseits scheint mir vielversprechend zu sein für die Erforschung russlanddeutscher Biographien, die sich zwischen den Polen einer halbherzigen Rehabilitierung, einer fortdauernden staatlichen Diskriminierung (etwa im Bildungsbereich) und dem Versuch der "Normalisierung" des eigenen Lebens bewegten. Hierzu drei Beispiele, auf Basis der wenigen Studien, die bisher zum Thema vorliegen:

Urbanisierung: Die russlanddeutsche Geschichte ist in erster Linie eine Geschichte bäuerlicher Migrant*innen und spielt sich abseits der städtischen Zentren in den ländlichen Weiten Russlands, Zentralasiens, Deutschlands sowie Nord- und Südamerikas ab. Die russlanddeutsche Geschichte in der Sowjetunion stellt diesbezüglich zunächst keine Ausnahme dar: Bis in die 1970er Jahre lebten die Sowjetbürger deutscher Nationalität in ihrer großen Mehrheit auf dem Lande und waren Teil des Kolchossystems. Auch damit repräsentierten sie eine Normalität an den Peripherien des sowjetischen Imperiums.

Zugleich setzten nach dem Ende des Systems der Arbeitslager und der "Sondersiedlungen", die der GULag-Verwaltung des NKWD unterstanden und ein System der fortdauernden rechtlichen Diskriminierung (Personen minderen Rechts) und Zwangsarbeit darstellten, ab Mitte der 1950er-Jahre eine großflächige Binnenmigration ein. Die russlanddeutschen Sowjetbürger*innen durften zwar nach wie vor nicht in ihre vormaligen Siedlungsgebiete zurückkehren, wanderten aber zunehmend vom Norden in den Süden (vor allem in den Süden Kasachstans sowie nach Kirgisien und Usbekistan) und vom Land in die Stadt: Lebten 1959 noch über 60% der deutschen Bevölkerung der Sowjetunion auf dem Land und weniger als 40% in der Stadt, hatte sich dieses Verhältnis 1989 fast angeglichen, und 2002 hatten knapp 60% der auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion verbliebenen Russlanddeutschen in den Städten.[7]

Russlanddeutsche Dorfbewohner*innen versuchten also ebenso wie ihre polnischen, russischen oder ukrainischen Nachbar*innen, in die Städte zu gelangen und die sozialen Aufstiegschancen zu nutzen, die der sowjetische Staat ihnen bot. Auffällig sind die regional sehr unterschiedlichen Dimensionen dieser Bewegung: Während in eher gering urbanisierten Republiken wie Kasachstan und Kirgisien der Anteil der deutschsprachigen Stadtbewohner*innen unterdurchschnittlich blieb, lebten in Republiken wie Usbekistan und Tadschikistan rund 90% der deutschsprachigen Bevölkerung in der Stadt. Lässt sich diese Verstädterung als eine Art "nachholende Entwicklung" verstehen, bei der russlanddeutsche Sowjetbürger*innen einen Prozess nachvollzogen, der in der Gesamtbevölkerung bereits mit der Industrialisierung ab Ende der 1920er eingesetzt hatte und der nach dem Zweiten Weltkrieg an Dynamik gewonnen hatte?

Unter alltagsgeschichtlichen Gesichtspunkten ist es zudem eine spannende, bisher aber völlig offene Frage, welche Auswirkungen der Zuzug in die Stadt auf das Selbstverständnis der Akteure hatte. Um darauf eine Antwort zu finden, ist es allerdings notwendig, von essentialistischen Vorstellungen Abschied zu nehmen und die Möglichkeit, dass aus bäuerlichen "Pionieren" Stadtbewohner*innen geworden sein könnten, als Hypothese zuzulassen. Die noch immer dominierende Position, solche Prozesse seien als "Verlust des kulturellen Erbes" und "Russifizierung" zu begreifen, verstellt den Blick auf die sozialen Dynamiken, die von den historischen Akteur*innen maßgeblich mitgeprägt wurden und denen sie nicht willenlos ausgeliefert waren.

Zugehörigkeiten: Direkt hieran anknüpfend, harrt ein weiteres, genuines Thema der Alltagsgeschichte der Bearbeitung: Wie entwickelten sich die individuellen Selbstverständnisse der Menschen und die Fremdzuschreibungen in der poststalinistischen Sowjetunion? Begriff man sich weiterhin in erster Linie als "deutsch", und wurde auch von außen so gesehen, oder waren nicht im Alltag lokale Zugehörigkeiten viel entscheidender? Das Sowjetreich war bekanntlich groß und Moskau aus der Perspektive eines usbekischen Dorfes weit weg – und in der Literatur finden sich vereinzelt Aussagen, die für diese Annahme sprechen. So etwa die Erinnerungen von Edward Dill, dessen Familie 1941 nach Sibirien zwangsumgesiedelt wurde, und der unter anderem Folgendes berichtet: "Meine Mutter lebte hier, und meine Schwester heiratete später einen russischen Mann. Es gab keine Verachtung für die Deutschen. Wir arbeiteten, wie alle anderen auch, und später begeisterten wir uns für den Sieg [im 2. Weltkrieg], wie alle anderen auch."[8]

Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene lässt sich konstatieren, dass gemischtnationale Ehen in den russlanddeutschen Siedlungen bis zu deren zwangsweisen Auflösung in den 1940er-Jahren eine Ausnahme darstellten. Ab 1955 nahm ihre Zahl aber rasch zu, und in den 1970ern stellten sie bereits den Regelfall dar:



Die Bedeutung gemischtnationaler Eheschließungen für Akkulturationsprozesse ist in der Forschung wiederholt unterstrichen worden. Sie gelten als einer der entscheidenden Faktoren für die Zugehörigkeit zu einer neuen Gemeinschaft, zumal sie in der Regel mit dem Erwerb einer weiteren Sprache einhergehen. Insbesondere bei den Kinder- und Enkelgenerationen führt dies zu einem sich wandelnden Selbstverständnis und nicht selten zu hybriden Mischformen, in unserem Fall also dazu, dass man sich wahlweise als "russlanddeutsch", als "deutsch-russisch" oder einfach nur als "russisch" begriff. Irina Mukhina hat darauf hingewiesen, dass die Selbstbeschreibung als "russlanddeutsch" häufig nur einen Rahmen dargestellt habe, innerhalb dessen sich eine Vielzahl an Zugehörigkeiten entwickelte, die nicht selten situativ variierten (relational identities[9]): Während man sich gegenüber Dritten als "russlanddeutsch" verortete, überwog innerhalb der "Community" die Bezugnahme auf regionale Kategorien ("Wolgadeutsche", "Sibiriendeutsche" etc.). Dies zeigt, dass "Zugehörigkeit" (oder "Identität") kein essentialistischer Zustand war, sondern eine Ressource, die flexibel eingesetzt wurde.

Bildung: Die deutschsprachige Bevölkerung der Sowjetunion, die am Vorabend des Zweiten Weltkriegs fast vollständig lese- und schreibkundig gewesen war, erlebte in den 1940er- und 1950er-Jahren eine spürbare Rückentwicklung ihres Bildungsstandes. Als Folge des Krieges und der gewaltsamen Umsiedlungen war die schulische und kulturelle Entwicklung praktisch zum Stillstand gekommen, und es begann eine lange Regenerationsphase. Hinzu kam, dass der gesetzlich gewährte Deutschunterricht vielerorts de facto nicht stattfand, da es an Büchern und Lehrpersonal mangelte. Zudem gab es bis in die 1960er-Jahre Restriktionen, die der deutschsprachigen Bevölkerung den Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen erschwerten.[10]

Zugleich, und hierauf haben bereits Benjamin Pinkus und Ingeborg Fleischhauer in ihrer grundlegenden Arbeit "Die Deutschen in der Sowjetunion" aus dem Jahr 1987 hingewiesen, gab es ab den 1960er Jahren, trotz alltagskultureller und staatlich-systematischer Benachteiligungen, auch eine Aufwärtsentwicklung, wie das Beispiel Kirgisien zeigt: Dort stieg der Anteil deutschsprachiger Studierender zwischen 1960 und 1970 um das dreieinhalbfache an, und verzeichnete damit deutlich höhere Zuwachsraten als dies bei den an-deren Nationalitäten der Fall war. In noch rascherem Tempo wuchs der Anteil der deutschen Fachschüler*innen. Zwar lag ihre Zahl im Bereich der Hochschulen (also der Studierenden) immer noch unter dem Anteil an der Gesamtbevölkerung, aber die Fortschritte, vor allem auf der Ebene der Fachschulen, sind offensichtlich.[11]

Wie lässt sich diese Entwicklung erklären? Die Antwort führt zurück zur Frage der Sprachkompetenzen: Vor allem den älteren Russlanddeutschen gelang es nach der Umsiedlung nicht mehr, sich das in der neuen Umgebung zwingend notwendige Russisch anzueignen, was ihre Kommunikationsfähigkeit sowohl im Alltag als auch im Bildungsbereich stark limitierte. Für die nachwachsenden Generationen hatte das Erlernen des Russischen hingegen Priorität, während sich die Relevanz des Deutschen weitgehend auf den familiären Kontext begrenzte. Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung eröffneten sie sich damit neue Bildungschancen, wie sich am Beispiel Kirgisiens erkennen lässt.

Hinzu kommt, dass die russlanddeutschen Gemeinschaften sich lange Zeit wie erwähnt stark regional definierten – was mit einer beständigen Tradierung der entsprechenden Dialekte einherging (Schwäbisch, Pfälzisch etc.). Durch die Zwangsumsiedlungen wurden nicht nur die Gemeinschaften als solche auseinandergerissen, sondern auch die Dialekte. Mit dem Ergebnis, dass nun in Sibirien oder in Zentralasien Menschen mit ganz unterschiedlichen sprachlichen Prägungen aufeinandertrafen - und sich manchmal nur sehr schwer oder gar nicht verstanden. Um diesem Dilemma zu entgehen, gab es zwei Auswege: Man wich auf das Hochdeutsche aus – oder auf das Russische.

Diese drei Beispiele können nicht mehr sein als erste Hinweise darauf, welche Entwicklungen und Veränderungen sich im Leben der russlanddeutschen Bewohner*innen in der post-stalinistischen Sowjetunion vollzogen. Viel mehr wissen wir bisher einfach nicht. Sie scheinen mir jedoch hinreichend interessant, um sie als Ausgangspunkt für die Erforschung des "Lebens und Überlebens der in der Überlieferung weithin Namenlosen" zu nehmen, um noch einmal auf die Definition der Alltagsgeschichte von Alf Lüdtke zurückzukommen. Die Quellen hierfür liegen zum einen in den regionalen und lokalen Archiven des postsowjetischen Raums – in Russland, Kasachstan, der Ukraine, Kirgisien und weiteren Staaten. Sie sind, dem migrantischen Charakter der russlanddeutschen Geschichte entsprechend, weit verstreut und nicht immer leicht auffindbar, aber sie sind heute in den meisten Fällen zugänglich.

Zum anderen leben die Quellen mitten unter uns: Ein großer Teil der russlanddeutschen (Spät)aussiedler*innen ist noch in der Sowjetunion sozialisiert. Viel zu wenig wissen wir bis heute über die Geschichten dieser Menschen, und es ist höchste Zeit, dies zu ändern. Es ist überfällig, die zumeist verengten Pfade der bisherigen Historiographie zu verlassen, die vermeintlich so monolithische russlanddeutsche Geschichte zu öffnen und sie zu kontextualisieren. Möchte man dien vielfachen Wandlungen verstehen, die für die russlanddeutsche Geschichte charakteristisch sind und die sich gerade nicht entlang nationaler Interpretationen bewegen, dann erscheint es vielversprechend, sich der Alltagsgeschichte der "ganz normalen" Menschen zu nähern. Die Mikroperspektive des Alltags könnte uns, einem Brennglas gleich, Aufschluss darüber geben, was diese Jahre und Jahrzehnte für die Menschen bedeuteten. Und damit könnten auch die bisher scheinbar "nicht gelebten Leben" Eingang in das historische Gedächtnis finden.

Fußnoten

1.
Robert Kindler: Sowjetische Menschen. Russlanddeutsche zwischen Integration und Emigration, in: Osteuropa 67 (2017), H. 9/10, S. 138-151, hier S. 140.
2.
Zudem haben bereits Benjamin Pinkus und Ingeborg Fleischhauer in ihrer grundlegenden Studie darauf hingewiesen, dass es sich bei der deutschen nationalen Bewegung in der späten Sowjetunion nicht um eine "Bewegung" im quantitativen Sinne handelte, sondern um „mehr oder minder isolierte Unternehmen von Einzelpersonen oder kleineren Gruppen“. Vgl. Benjamin Pinkus, Ingeborg Fleischhauer: Die Deutschen in der Sowjetunion. Geschichte einer nationalen Minderheit im 20. Jahrhundert, Baden-Baden 1987, S. 500.
3.
Zitat nach Alexei Yurchak: Everything Was Forever, Until It Was No More: The Last Soviet Generation, Princeton 2005.
4.
Alf Lüdtke: Einleitung: Was ist und wer treibt Alltagsgeschichte?, in: Ders. (Hg.): Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen, Frankfurt, New York 1989, S. 9-48, hier, S. 9.
5.
Lüdtke: Einleitung, S. 12.
6.
Heiko Haumann: Lebensweltlich orientierte Geschichtsschreibung in den Jüdischen Studien. Das Basler Beispiel, in: Klaus Hödl (Hg.): Jüdische Studien. Reflexionen zu Theorie und Praxis eines wissenschaftlichen Feldes, Innsbruck 2003, S. 105-122, hier S. 108.
7.
Irina Mukhina: The Germans of the Soviet Union, London, New York 2007, S. 181.
8.
Interview mit Edvard Piusovič Dill am 13.05.1999, hier zitiert nach: Mukhina: The Germans of the Soviet Union, S. 140. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt Rita Sanders: Staying at Home. Identitites, Memories and Social Net-works of Kazakhstani Germans, New York, Oxford 2016.
9.
Mukhina: The Germans of the Soviet Union, S. 148. Der Befund der „relational identities” ähnelt dem Konzept der „situativen Ethnizität“, das Till van Rahden als Grundmuster der Identitätsbildung Breslauer Juden im 18./19. Jahrhundert beschrieben hat : Till van Rahden: Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Großstadt von 1860 bis 1925, Göttingen 2000.
10.
Vgl. hierzu detailliert Viktor Krieger: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. Eine Geschichte der Russlanddeutschen, Bonn 2015, S. 140-167.
11.
Pinkus, Fleischhauer: Die Deutschen in der Sowjetunion, S. 402.
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