Russlanddeutsche Auswanderung

30.10.2018 | Von:
Alfred Eisfeld

Leben und Kultur der Deutschen im Ural und Sibirien nach der Deportation

Unter dem pauschalen Vorwurf der Kollaboration mit dem Nazideutschland wurden Russlanddeutsche ab Mitte August 1941 neben Kasachstan auch an den Ural und nach Sibirien deportiert. Schuldlos von der Heimat getrennt entsteht eine landesweite Ausreisebewegung. In den Jahrzehnten bis zur Perestroika wurde den meisten Ausreisewilligen die Ausreise aus der Sowjetunion verweigert, trotz Protesten sogar in Moskau.

Eine Gruppe deutschstämmiger Sowjetbürger demonstriert am 31.3.1980 auf dem Roten Platz in Moskau für ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland. Sie entrollten Plakate, auf denen es unter anderem hieß "Sowjetdeutsche rufen SOS" und "Laßt uns in die Heimat". Die Demonstration dauerte nur knapp eine halbe Minute. Sicherheitsbeamte in Zivil und uniformierte Milizen griffen sofort ein, zerissen die Transparente und transportieren die Demonstranten in einem Wagen der Miliz ab.Eine Gruppe deutschstämmiger Sowjetbürger demonstriert am 31.3.1980 auf dem Roten Platz in Moskau für ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland. Sie entrollten Plakate, auf denen es unter anderem hieß "Sowjetdeutsche rufen SOS" und "Laßt uns in die Heimat". Die Demonstration dauerte nur knapp eine halbe Minute. Sicherheitsbeamte in Zivil und uniformierte Milizen griffen sofort ein, zerissen die Transparente und transportieren die Demonstranten in einem Wagen der Miliz ab. (© picture-alliance/dpa)

Nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges wurde die deutsche Bevölkerung ab Mitte August 1941 von der Halbinsel Krim, aus der Umgebung von Leningrad, danach aus der Wolgaregion, aus Zentralrussland und anderen Regionen und Städten des Europäischen Teils der UdSSR nach Kasachstanund Sibirien deportiert. Begründet wurde das mit Sicherheitsinteressen, wobei den in der Wolgaregion wohnhaften Deutschen (Autonome Sozialistische Sowjetrepublik, ASSR der Wolgadeutschen, Gebiete Saratow und Stalingrad) vorgeworfen wurde, sie würden in ihrer Mitte "Tausende und aber Tausende Diversanten und Spione" verbergen, "die nach dem aus Deutschland gegebenen Signal Explosionen in den von Wolgadeutschen besiedelten Rayons hervorrufen sollen". Dieser Vorwurf der Bereitschaft zur Kollaboration mit Nazi-Deutschland und der Vorbereitung von bewaffnetem Widerstand und Sabotage im Rücken der Roten Armee wurde vom Volkskommissariat des Innern (NKWD) schon im Verlauf der "Großen Säuberung" in den Jahren 1937-1938 tausendfach gegen Deutsche in der Ukraine und anderen Landesteilen erhoben und als Grund für die Hinrichtung durch Erschießen, seltener für die Einweisung in Besserungsarbeitslager (ABL, russisch: ITL) des GULAG für 10 Jahre genannt.

Im September 1941 wurden 18.600 Männer im arbeitsfähigen Alter aus der Ukraine in ABL überstellt. Ihnen folgten Soldaten und Offiziere der Roten Armee, die aus den kämpfenden Armeeeinheiten abgezogen wurden. Die Zivilbevölkerung wurde nach Sibirien und Kasachstan deportiert und dort der Überwachung durch das NKWD unterstellt. Der Arbeitskräftebedarf auf Baustellen der Rüstungsindustrie, des Transportwesens, im Bergbau, der Forst- und Landwirtschaft im Ural und in Sibirien wurde zum großen Teil durch deutsche Männer im Alter von 15 bis 55 und Frauen im Alter von 16 bis 45 Jahren gedeckt, die durch die Kreiswehrersatzämter zum Einsatz in Arbeitslagern mobilisiert wurden. Zum 1. Januar 1944 waren im Kohlebergbau des sibirischen Kusbass 50 Prozent aller Mobilisierten deutsche Frauen und Heranwachsende.

Auf Baustellen der Rüstungsindustrie im Ural, die dem NKWD unterstellt waren, lag der Anteil deutscher Arbeitsarmisten ("Trudarmee") nach Berechnungen des russischen Historikers V. Kirillov[1], zwischen 30 und 90 Prozent des "Sonderkontingents". In manchen Industriebetrieben stellten sie 35-40 Prozent der Belegschaft. Berechnungen von Grigorij Ja. Malamud zufolge befanden sich zum 01. Januar 1944 in Arbeitslagern des NKWD und anderer Volkskommissariate 316.000 deutsche Arbeitsarmisten, davon 119.358 im Ural[2]. In den Jahren 1942-47 sind allein in den Lagern Usol‘lag, Tagillag, Bogoslovlag und Bakallag 14.460 deutsche Arbeitsarmisten an Hunger, Krankheiten, Verletzungen und Erschöpfung zu Tode gekommen.

Aus Arbeitsarmisten werden Sondersiedler

Ab Mai 1945 begann man mit der Entlassung aus den Arbeitslagern von Arbeitsunfähigen und Invaliden. Im April 1946 wurde die Arbeitsarmee als solche abgeschafft und die Arbeitsarmisten dem Regime der Sondersiedlung unterstellt. Einem Teil der "ortsansässigen" Deutschen in den Gebieten Omsk und Orenburg sowie in der Region Altaj (Stand 1951: 103.764 Personen) blieb das Regime der Sondersiedlung erspart. "Ortsansässige" Deutsche, die Im Kohlebergbau, in der Papierindustrie, in Betrieben der Volkskommissariate für Bauwesen und Erdölförderung zum Einsatz kamen, wurden 1945-46 in die ständige Belegschaft überführt, dem Regime der Sondersiedlung unterstellt und bekamen das Recht ihre Familien zu sich zu holen. Am 26. November 1948 trat ein Dekret des Obersten Sowjets der UdSSR in Kraft, wonach das unerlaubte Entfernen aus den zugewiesenen Aufenthaltsorten (Sondersiedlung) mit bis zu 20 Jahren Zwangsarbeit bestraft wurde. Zum 01. Januar 1949 befanden sich im europäischen Norden 31.937, im Ural 155.713, in Sibirien 355.652 und in Fernost 6.873 Deutsche. Die Bedeutung der deutschen Sondersiedler als Arbeitskraft, über deren Verwendung frei entschieden werden konnte, verdeutlichen folgende Zahlen: 1950 stellten sie im Gebiet Čeljabinsk 88,6 Prozent, im Gebiet Molotovo 48,2 Prozent, im Gebiet Čkalov (Orenburg) 99,9 Prozent, im Gebiet Sverdlovsk 77,3 Prozent, in der Baschkirischen ASSR 66,8 Prozent und in der Udmurtischen ASSR 92,6 Prozent der Sondersiedler.

Aufhebung des Sondersiedlerstatus, aber ohne Rückkehrrecht

Die Aufhebung des Regimes der Sondersiedlung erfolgte per Dekret des Obersten Sowjets der UdSSR vom 13. Dezember 1955 "in Anbetracht der Tatsache, dass die bestehenden Beschränkungen in der Rechtsstellung der deutschen Sondersiedler und ihrer Familienangehörigen... in Zukunft nicht weiter notwendig sind...". Für die Binnenmigration nach 1955 spielte eine entscheidende Rolle das Verbot einer Rückkehr in die Siedlungsgebiete der Vorkriegszeit. Jeder Sondersiedler musste bei der Aufhebung der Sondersiedlung schriftlich bestätigen, darüber informiert worden zu sein. Bis September 1956 sind dennoch 1672 Wolgadeutsche in die Wolgaregion zurückgekehrt. Dieses Verbot wurde erst mit dem nicht zur Veröffentlichung bestimmten Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 9. Januar 1974 aufgehoben. Wie bedeutend die Veränderung der Bevölkerungszahl in einigen Gebieten war, sieht man in Tabelle 1.

Auffallend ist eine räumliche Umverteilung der Bevölkerung nach der Aufhebung des Regimes der Sondersiedlung. Während die Gebiete mit kompakten deutschen Siedlungen aus der Vorkriegszeit (Omsk, Orenburg) einen Zuwachs zu verzeichnen hatten, ging die Zahl der deutschen Bevölkerung in den Regionen Altaj und Krasnojarsk, in den Gebieten Kemerovo, Novosibirsk, Archangel'sk, Perm' und der Komi ASSR durch Abwanderung nach Kasachstan und in den europäischen Teil der UdSSR stark zurück. In den Jahren zwischen 1970 und 1989 stabilisierte sich diese Situation in der Region Krasnojarsk sowie in den Industriegebieten Kemerovo, Čeljabinsk und Sverdlovsk. Durch den Zuzug der Familien zu den dort der ständigen Belegschaft der Industriebetriebe zugeschlagenen ehemaligen Arbeitsarmisten wurden in den letztgenannten zwei Gebieten und dem Gebiet Perm' fast ebenso viele Frauen wie Männer gezählt. Die Region Altaj und die Gebiete Omsk und Novosibirsk wiesen nach Abwanderung eines Teils der dorthin Deportierten beständig einen höheren Anteil an Frauen auf.

Auseinanderentwicklung der deutschen Bevölkerung

Im letzten Jahrzehnt der Existenz der UdSSR ging die Auseinanderentwicklung der deutschen Bevölkerung weiter. Die Verwaltungsgebiete Altaj und Omsk hatten von 1979 bis 1989 eine Zunahme der deutschen Bevölkerung von 2,4 Prozent bzw. 11,1 Prozent, wobei im Gebiet Omsk der Urbanisierungsgrad um 35,1 Prozent angestiegen ist. Während 1979 61,4 Prozent der deutschen Bevölkerung des Gebiets Deutsch als ihre Muttersprache nannten, waren es 1989 56,1 Prozent. Bei der Stadtbevölkerung gingen die Werte von 39 auf 38,4 Prozent, bei der Landbevölkerung dagegen von 70,9 Prozent stärker auf 66,2 Prozent zurück.

Im Gebiet Čeljabinsk hat sich die Zahl der deutschen Bevölkerung nicht signifikant verändert, wobei die Stadtbevölkerung geringfügig ab und die Landbevölkerung in noch geringerem Maße zunahm. Die Nennung des Deutschen als Muttersprache ging aber bei der Landbevölkerung stärker zurück.

In den Gebieten Sverdlovsk und Perm' ist bei einer abnehmenden Bevölkerungszahl sowohl in Städten, als auch auf dem Lande, von der Landbevölkerung 1989 Deutsch häufiger als Muttersprache genannt worden.

Schuldlos von der Heimat getrennt

Der rechtliche Status der deutschen Bevölkerung veränderte sich nur langsam. Mit dem Erlass des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. August 1964 wurde die 1941 pauschal erhobene Anschuldigung der Wolgadeutschen mit Hitlerdeutschland als unbegründet bezeichnet und zurückgenommen. Gleichzeitig wurde behauptet, dass "die Gegenden ihres früheren Wohnorts besiedelt sind". Die deutsche Bevölkerung habe "an ihrem neuen Wohnort in einer Reihe von Republiken, Regionen und Gebieten des Landes festen Fuß gefasst". Die Ministerräte der Unionsrepubliken wurden "zwecks weiterer Entwicklung der Rayons mit deutscher Bevölkerung beauftragt, der deutschen Bevölkerung, die auf dem Territorium der jeweiligen Republik lebt, auch künftig Hilfe und Beistand beim wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau unter Berücksichtigung ihrer nationalen Besonderheiten und Interessen zu leisten".

Mit dem Erlass des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. August 1964 wurde die 1941 pauschal erhobene Anschuldigung der Wolgadeutschen mit Hitlerdeutschland als unbegründet bezeichnet und zurückgenommen. Gleichzeitig wurde behauptet, dass "die Gegenden ihres früheren Wohnorts besiedelt sind". Die deutsche Bevölkerung habe "an ihrem neuen Wohnort in einer Reihe von Republiken, Regionen und Gebieten des Landes festen Fuß gefasst".Mit dem Erlass des Obersten Sowjets der UdSSR vom 29. August 1964 wurde die 1941 pauschal erhobene Anschuldigung der Wolgadeutschen mit Hitlerdeutschland als unbegründet bezeichnet und zurückgenommen. Gleichzeitig wurde behauptet, dass "die Gegenden ihres früheren Wohnorts besiedelt sind". Die deutsche Bevölkerung habe "an ihrem neuen Wohnort in einer Reihe von Republiken, Regionen und Gebieten des Landes festen Fuß gefasst".



Der Erlass wurde nicht veröffentlicht. Erst auf Umwegen hat die deutsche Bevölkerung davon Kenntnis bekommen, die einen von leitenden KP-Funktionären, die anderen aus der Wochenzeitung "Neues Deutschland"[3]. Wolgadeutsche sahen sich jetzt schuldlos für immer von ihrer Heimat getrennt. Das wurde von dem politisch aktiveren Teil dieser Bevölkerungsgruppe als ungerecht empfunden und als Ansporn zum Handeln verstanden. Einzelne Personen und kleinere Gruppen schrieben Briefe und Petitionen an die Staatsführung und die Leitung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), in denen sie sich über die Verletzung der "Leninschen Nationalitätenpolitik" beschwerten und die volle Rehabilitierung und Wiederherstellung der ASSR der Wolgadeutschen einsetzten. Aus Einzelpersonen wurde eine Autonomiebewegung, die eine aus 13 Personen bestehende Delegation nach Moskau entsandte.

Delegation für die Autonomie an der Wolga

Nachdem die britische BBC in einer russischsprachigen Sendung über die Anwesenheit und Anliegen dieser Delegation berichtete, fand sich der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets Anastas Iwanowitsch Mikojan zu einem Treffen bereit. Am 2. Januar 1965 empfing er neun Mitglieder der Delegation zu einem Gespräch, bei dem er die Veröffentlichung des Erlasses in einer deutschen Zeitung und Verbesserungen auf kulturellem Gebiet versprach. Das wichtigste Anliegen, die Wiederherstellung der Autonomie an der Wolga, lehnte er ab, da es dafür kein Territorium gäbe. Delegationsmitglieder berichteten nach ihrer Rückkehr über das sehr enttäuschende Ergebnis, worauf im Juni/Juli 1965 eine zweite Delegation, bestehend aus 43 Personen, Moskau aufsuchte. Auch diese Delegation konnte nur unbedeutende Verbesserungen erreichen. Beiden Delegationen gehörten Vertreter der deutschen Bevölkerung der Region Krasnojarsk und des Gebiets Sverdlovsk an. Im Juli 1967 reiste eine dritte Delegation nach Moskau. Sie kam dort allerdings nicht vollzählig an und konnte nicht einmal mehr ein Gespräch mit hochrangigen Politikern oder Beamten erreichen.

Deutschunterricht und kulturelle Betreuung

Die KPdSU und staatliche Behörden verfolgten nach der Aufhebung des Regimes der Sondersiedlung das Ziel, die deutsche Bevölkerung in den Gegenden zu behalten, in denen sie als Arbeitskräfte benötigt wurden. Zu diesem Zweck wurden verschiedene Maßnahmen auf den Gebieten Deutschunterricht, deutschsprachige Medien, Laienkunst, politische Integration und wirtschaftliche Entwicklung initiiert.

In Barnaul konnte zwischen Dezember 1955 und April 1957 die Zeitung "Arbeit" für die Region Altaj in deutscher Sprache erscheinen. Im Juni 1957 erschien erstmals die Kreiszeitung "Rote Fahne" in Slavgorod. 1958 begann in Moskau die überregionale Zeitung "Neues Leben" zu erscheinen. Ab dem Schuljahr 1957/58 konnte in einigen Regionen und Gebieten der RSFSR mit hohem Anteil von deutschen Schülern auf Wunsch der Eltern von der zweiten Klasse an ein sogenannter muttersprachlicher Deutschunterricht eingeführt werden. An den pädagogischen Fachschulen in Slavgorod, Orenburg und Isil-Kul sowie an den pädagogischen Hochschulen Novosibirsk, Omsk, Barnaul und Orenburg wurden Abteilungen eingerichtet, an denen Lehrer für das Fach "muttersprachlicher Deutschunterricht" ausgebildet werden sollten. An der Pädagogischen Hochschule Omsk wurde das Fach Dialektologie eingeführt. Unter der Leitung von Prof. Hugo Jedig wurden verschiedene deutsche Dialekte und deren Rolle beim Erlernen des Hochdeutschen erforscht. Die Schulen wurden jedoch für den muttersprachlichen Deutschunterricht sehr unzureichend mit Lehrern, Schulbüchern und Anschauungsmaterial ausgestattet. Im Ergebnis ging nach wenigen Jahren die Zahl der Schulen, an denen man bemüht war dieses Fach zu unterrichten, zurück. So blieben in der Region Altaj von den 72 Schulen aus dem Jahr 1958 im Jahr 1990 nur noch 21 übrig.

Die Ausreisebewegung bekommt landesweit Zulauf

Die Entspannung in den internationalen Beziehungen (Unterzeichnung des internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte 1966, des Warschauer und des Moskauer Vertrages der Bundesregierung von 1970, Beginn der KSZE-Verhandlungen in Helsinki 1971) nährten auch bei den Deutschen in der UdSSR die Hoffnung auf grundlegende Änderungen ihrer Lage. Das betraf vor allem das Recht auf freie Religionsausübung, auf Familienzusammenführung mit Verwandten in der Bundesrepublik Deutschland, anderen westlichen Staaten und in der DDR. Die Ausreisebewegung hat landesweit ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß erreicht, wobei Ausreisewillige 1972-74 in Moskau und Tallinn mehrere Kundgebungen und Sitzstreiks zur Unterstützung ihrer Forderungen durchführten. In Karaganda und anderen Orten Kasachstans gab es erstmals Kundgebungen.

Verstärkung der Erziehung der deutschen Bevölkerung im Geiste des sowjetischen Patriotismus

Bekannt ist, dass das Gebietsparteikomitee Nowosibirsk der KPdSU und das KGB ab Februar-März 1974 die Überwachung der deutschen Bevölkerung (Post aus der Bundesrepublik, Kontakte mit Touristen, Auslandsreisen, religiöse Gemeinden, Zuweisung von Wohnraum usw.) verschärft haben. Das Zentralkomitee (ZK) der KPdSU hat auf den wachsenden Unmut der Bevölkerung mit dem Beschluss "Über Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeit unter Bürgern der UdSSR deutscher Volkszugehörigkeit" vom 26. Juni 1974 reagiert.[4] Landesweit waren die Parteikomitees und staatlichen Organe zur Verstärkung der Erziehung der deutschen Bevölkerung im Geiste des sowjetischen Patriotismus und Internationalismus, zur atheistischen Propaganda und Bekämpfung der Emigrationsbewegung verpflichtet. Man "entdeckte" erneut gravierende Defizite beim muttersprachlichen Deutschunterricht, richtete 1975 ein "Deutsches Studio" an der Moskauer Ščepkin-Theaterhochschule zwecks Ausbildung von Schauspielern für ein zukünftiges deutsches Schauspieltheater ein. Bei Wahlen in die örtlichen und regionalen Sowjets wurden mehr deutsche Kandidaten aufgestellt. Spürbar aufgestockt wurde die Aufnahme von Deutschen in die KPdSU und die Jugendorganisation KOMSOMOL. In Moskau erkannte man, dass damit die deutsche Bevölkerung nicht zufriedenzustellen war. Auf Beschluss des Politbüros des ZK der KPdSU vom 6. August 1976 befasste sich eine Kommission unter der Leitung des KGB-Vorsitzenden Jurij Andropov mit der Untersuchung der Fragen der deutschen Bevölkerung. Als Lösung wurde 1979 die Gründung eines deutschen Autonomen Gebiets in Kasachstan mit der Stadt Jermentau als Zentrum vorgeschlagen. Kundgebungen der kasachischen Bevölkerung und ein ablehnendes Taktieren der Leitung der Republik führten zum Scheitern des Vorhabens.

Die sowjetische militärische Einmischung in Afghanistan und die Stationierung der SS-20-Raketen in der DDR wurden u.a. mit dem Boykott der Olympiade 1980 in Moskau und dem NATO-Doppelbeschluss beantwortet. Die eingetretene Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen und die anhaltende innenpolitische Stagnation konnten erst angegangen werden, nachdem der neue Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow seine Politik der Offenheit und der Umgestaltung (Glasnost und Perestroika) umzusetzen begann. In der Presse und in öffentlichen Veranstaltungen wurde über Verbrechen des Staates während der Stalin-Diktatur berichtet. Bürgerrechtler gründeten 1987 die Gesellschaft "Memorial" in Moskau mit Abteilungen in verschiedenen Regionen des Landes. Auch in den deutschsprachigen Zeitungen "Neues Leben", "Rote Fahne" und "Freundschaft" begann man über Fragen der nationalen Identität und jahrzehntelang anhaltenden Diskriminierung zu schreiben. Ende Dezember 1987 war in einer zweitägigen Besprechung mit ehrenamtlichen Korrespondenten der "Neues Leben" die Rede von der Notwendigkeit der Wiederherstellung der "sowjetischen Autonomie, wie sie von 1918 bis 1941 bestand". Das hatte Signalwirkung und hat der öffentlichen Diskussion neuen Aufschub gegeben, da man scheinbar keine Sanktionen mehr zu befürchten hatte.

Forderungen nach voller Rehabilitation und Autonomie werden lauter

Die Autonomiebewegung bekam einen kräftigen Zuwachs. Im April 1988 kam eine Delegation nach Moskau. Im Juli-August folgte ihr eine weitere Delegation der Befürworter der Wiederherstellung der Autonomie an der Wolga. Dieser Delegation gelang es zahlreiche Schriftstücke mit Forderungen nach voller Rehabilitierung an die Partei- und Staatsleitung sowie an Massenmedien weiterzugeben. Im Oktober 1988 kam erneut eine Delegation, jetzt bestehend aus 103 Personen, nach Moskau. Es kam sogar zu einem Treffen des in Moskau weilenden Bundeskanzlers Helmut Kohl mit einer Gruppe von Befürwortern der Autonomie. Zum Abschluss des Aufenthalts dieser Delegation wurde ein Koordinationszentrum der Autonomiebewegung gebildet, dem ca. 200 Vertreter der deutschen Bevölkerung aus sechs Unionsrepubliken angehörten.

Die Autonomiebewegung profitierte von der in Gang gekommenen Demokratisierung der Gesellschaft. Ende März 1989 wurde in Moskau vor den Augen der sowjetischen und ausländischen Presse die Gesellschaft "Wiedergeburt" gegründet. Unter den 105 Delegierten, die ca. 50 Tausend Deutsche vertraten, befanden sich 36 Personen aus Sibirien und der Ural-Region. Die Gesellschaft "Wiedergeburt" entwickelte sich in kurzer Zeit zu einer Massenorganisation. Ihre Vertreter wurden an der Arbeit einer Kommission des Nationalitätenrates des Obersten Sowjets der UdSSR zur Untersuchung der Probleme der deutschen Bevölkerung beteiligt, die Gesellschaft selbst bekam jedoch bis zum Zusammenbruch der UdSSR nicht den Status einer juristischen Person.

Die Nationalitätenpolitik der UdSSR stand 1989 auf dem Prüfstand. Am 14. November 1989 hatte der Oberste Sowjet der UdSSR eine Deklaration "Über die Anerkennung der repressiven Akte gegen die zwangsweise umgesiedelten Völker als gesetzeswidrig und verbrecherisch und die Gewährleistung ihrer Rechte" abgegeben. Am 28. November folgte ein Beschluss "Über Schlussfolgerungen und Vorschläge der Kommission für Probleme der Sowjetdeutschen und des Volkes der Krim-Tataren". Wenig später beschloss der Ministerrat der UdSSR am 21. Dezember 1989 eine Kommission zur Umsetzung dieser Vorschläge zu bilden. Die Wiederherstellung der Autonomen Republik an der Wolga schien in greifbare Nähe zu kommen, doch das rief bei Teilen der regionalen Eliten in der Wolgaregion entschiedenen Widerstand hervor.

Nach Ausreisegenehmigung siedeln die meisten Deutschen in die Bundesrepublik

Im ZK der KPdSU und im KGB wurde als Alternative die Gründung einer Kulturautonomie ohne Territorium, aber mit Vertretungsbefugnis im Obersten Sowjet und in Regierungsorganen, favorisiert. Dafür gab es weder eine Verfassungsgrundlage, noch eine gesetzliche Berechtigung. Diese Idee wurde jedoch von einer Reihe von "konstruktiven Elementen" aus der Führungsgruppe der Autonomisten als Handlungsziel übernommen. Darüber kam es zur Spaltung der Gesellschaft "Widergeburt", zur Gründung von mehreren mit einander konkurrierenden Vereinen.

Die Gewährung des Rechts auf freie Ausreise aus der UdSSR bei Vorliegen eines Einreisevisums eines Drittstaates führte binnen weniger Jahre zur Übersiedlung des überwiegenden Teils der Deutschen Bevölkerung in die Bundesrepublik Deutschland. Die Rechtsgrundlage für ihre Aufnahme war das Kriegsfolgenbereinigungsgesetz, wonach Opfer der Politik des Dritten Reiches eine Wiedergutmachung erfahren sollten.

Fußnoten

1.
Kirillov Viktor Michajlovič: Arbeitsmobilisierte Deutsche im Ural, in: "... In Arbeitskolonnen für die gesamte Zeit des Krieges". Zeitzeugen und Forscher berichten über die Deutschen in der Trudarmee. Hrsg.: A. German, O. Silantjewa. IVDK-Medien, Moskau 2012, S. 86.
2.
Grigorij Jakovlevič Malamud: Obščie problemy: Mobilizovannye sovetskie nemcy v 1942-1948 gg. Čeljabinsk 1993, S. 131
3.
Auf Drängen der Autonomie-Delegation hat der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR Anastas Mikojan am 2. Januar 1965 die Veröffentlichung des Erlasses vom 29. August 1964 zugesagt. Der Erlass wurde daraufhin am 5. Januar 1965 im Staatsanzeiger in russischer Sprache, am 20. Januar 1965 in der Wochenzeitung "Neues Leben" und am 22. Januar 1965 vom Rundfunk in Alma-Ata in deutscher Sprache veröffentlicht.
4.
Im Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 9. Januar 1974 heißt es: „Im Zusammenhang mit der Verabschiedung des Erlasses des Obersten Sowjets der UdSSR vom 3. November 1972 „Über die Aufhebung der Einschränkungen in der Wahl des Wohnsitzes, die früher für einzelne Kategorien der Bürger vorgesehen waren“, beschließt das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR: Die Rechtsakte der UdSSR entsprechend der Anlage als außer Kraft gesetzt zu qualifizieren.“ Dieser Erlass war zwar nicht zur Veröffentlichung bestimmt, nannte aber die außer Kraft gesetzten Einschränkungen, während der Erlass von 1972 die Aufhebung der Einschränkungen quasi nur ankündigte.
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