Russlanddeutsche Auswanderung

4.1.2019

Dokument 1.4: Die Orenburger Initiative: Ein Appell an die deutsche Bevölkerung der Sowjetunion, August 1964

[1]

Liebe Landsleute!

Setzt Euch entschieden für den Schutz Eurer nationalen Rechte, die von der UNO garantiert, aber von der Sowjetregierung mit Füßen getreten werden. Überzeugt alle von der Notwendigkeit dringender und einheitlicher Aktionen zum Schutz Ihrer Nationalität. Schreibt diesen Appell ab und schickt ihn an alle Verwandten und Bekannten. Sammelt Unterschriften zur Unterstützung dieses Appells. Nicht zögern! Jede Stunde Verzögerung ist ein Schlag gegen die deutsche Nationalität.
Das Jahr 1964 soll somit das Jahr der endgültigen Lösung der Frage der Deutschen in der UdSSR sein!

August 1964

APPELL AN DIE BÜRGER DEUTSCHER NATIONALITÄT IN DER
SOWJETUNION

Im Zusammenhang mit dem 200. Jahrestag des Beginns der Einwanderung von Deutschen nach Russland, aufgrund der Tatsache, dass die Gesetze, die den Deutschen in Russland das Existenzrecht als Nationalität garantieren sollen, liquidiert worden sind;[2]
  • dass unter dem Vorwand angeblicher Spionageverbindung zwischen den Deutschen der UdSSR mit der deutschen Armee erstere aus ihren Wohnorten im europäischen Teil der UdSSR zwangsausgesiedelt und über den gesamten asiatischen Teil der UdSSR wie Spreu im Sturmwind verstreut worden sind;
  • dass den Deutschen der UdSSR unerhörtes Leid zugefügt wurde und sie viele Jahre als vogelfrei [im russ. Originaltext deutsch geschrieben] galten;
  • dass der derzeitige "vogelfreie" Zustand durch die Politik des Totschweigens ersetzt wunde, die darauf hinausläuft, dass das Problem der Sowjetdeutschen automatisch von der Tagesordnung abgesetzt. Somit baut sie auf das Verschwinden [i.S. Assimilieren] der Deutschen – eine Politik, die eine große Gefahr für die Existenz der Deutschen in der SU als Nationalität in sich birgt;
  • dass mit dem Status quo für die Deutschen vor allem das Ziel verfolgt wird, sie der Möglichkeit gezielter und gemeinsamer Handlungen zum Schutz ihrer Rechte zu berauben;
  • dass gläubige Deutsche einer besonderen Drangsalierungen ausgesetzt sind, da man weiß, dass Hunderttausende Deutsche der UdSSR gerade in der Religion den einzigen Zufluchtsort, die einzige Möglichkeit der Selbsterhaltung als Nationalität [i.S. Volksgruppe] finden;
  • dass die Kultur der Deutschen der UdSSR, die sich über 200 Jahre entwickelt hat, zerstört und in den Staub gejagt wird, dass es nicht einmal einen Ort gibt, wo sich die deutsche Kultur aufgrund der Zerstreuung des Volkes niederlassen kann;
  • dass die sich im Laufe von 200 Jahren herausgebildete Kultur der Deutschen der UdSSR völlig zerstört wurde, dass es überhaupt keinen Flecken Ende hierzulande gibt, wo sich die deutsche Kultur konsolidieren könnte;
  • dass der Unterricht in der Muttersprache (als zweiter nach der russischen Sprache) aufgrund der zerstreuten deutschen Bevölkerung und des offensichtlichen Unwillens der lokalen Behörden in dieser Sprache fast unmöglich ist
  • dass die Ausbildung der Kinder in Ihrer Muttersprache (als Zweitsprache nach Russisch) praktisch nicht möglich ist infolge der Zerstreutheit des Volkes und des offensichtlichen Unwillens der örtlichen Behörden daran;
  • dass die Zeitung "Neues Leben" Fragen, die die Deutschen bewegen, nicht behandelt, z. B. ob unsere Kinder und die folgenden Generationen Deutsche bleiben oder nicht; ob die Deutschen ihre innere Angelegenheiten selbst regeln werden, das heißt, ob für sie eine Autonomie geschaffen werden wird; ob die deutsche Kultur wiederbelebt wird;
Es ist notwendig, das Problem der Deutschen in der UdSSR einer Überprüfung zu unterziehen und eine neue legislative Grundlage für ihre weitere Existenz als Nationalität zu schaffen.
Beraubt solcher Grundrechte wie das Recht, öffentlich Deutsch zu sprechen und die Muttersprache zu erlernen (was aufgrund der Zerstreuung der Deutschen unmöglich ist), des Rechtes, ihr nationales Erbe zu pflegen (was wiederum aufgrund der Zerstreuung der Deutschen unmöglich ist), des Rechtes, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln und im obersten legislativen Organ, dem Nationalitätenrat vertreten zu sein[3] (dafür fehlen jegliche Voraussetzungen, wiederum wegen der Zerstreuung des Volkes) sowie des Hauptrechtes – der Möglichkeit der Willensäußerung des Volkes – befinden sich die Deutschen in der UdSSR am Rande ihres Unterganges als Nationalität;
In Anbetracht dessen, dass die Sowjetregierung keine guten Absichten bei der Lösung des Problems der Sowjetdeutschen an den Tag legt; dass eine Politik der Liquidierung der Deutschen als Nationalität verfolgt wird; dass durch solche Politik die Sowjetregierung grob gegen die feierlich von der UNO verkündeten Menschenrechte und die Rechte eines kleinen Volkes verstößt; dass die Frage der Deutschen der UdSSR mit dem Krieg gegen Deutschland verquickt ist und, obwohl eines der wichtigsten Folgeprobleme des 2. Weltkrieges, doch keine Lösung in den Nachkriegsregelungen gefunden hat; dass die Frage der Deutschen der UdSSR besonders akut ist, weil ihrer Existenz als Nationalität Todesgefahr droht, kann die Frage der Deutschen der UdSSR nur von der UNO gelöst werden.
Vorschläge für die 19. Generalversammlung der UNO[4] für die endgültige Lösung des Problems der Deutschen der UdSSR:
  1. Anerkennung der Frage der Deutschen der UdSSR als einer internationalen Frage, die in den Kompetenzbereich der UNO fällt;
  2. Da die Sowjetregierung behaupten wird, die Frage der Deutschen in der UdSSR sei ihre interne Sache, dass so eine Frage überhaupt nicht existiert und sie bereits gelöst sei und sich dabei auf die Verfassung der UdSSR berufen wird, muss eine Sonderkommission der UNO gegründet werden zum Zwecke der Klärung der Lage der Deutschen in der UdSSR durch die Befragung aller Deutschen in ihren Wohnorten über folgende Punkte:
    a) Wünschen Sie, dass Ihre Kinder und die darauffolgenden Generationen Deutsche bleiben?
    b) Wünschen Sie die Schaffung einer autonomen Republik innerhalb der UdSSR?
    c) Wünschen sie, aus der USSR auszureisen?
  3. Falls die Sowjetregierung auf Grund der Ergebnisse der Volksbefragung durch die UNO sich dennoch nicht bereit erklärt, in naher Zukunft eine autonome Republik auszurufen, muss die UNO die Ausreise derjenigen Deutschen aus dem Lande erwirken, die es wünschen.
  4. Von der Sowjetregierung ist zu verlangen, dass die zentrale Presse diesen Appell und das Antwortschreiben der UNO veröffentlicht.
  5. Die Generalversammlung der UNO wird aufgefordert, zu ihrer Sitzung einen Vertreter der Deutschen der UdSSR einzuberufen, der über die Situation der Deutschen der SU und über mögliche Wege zur Lösung des Problems der Deutschen der UdSSR berichten sollte.

[Martin Heide (Heyde), Orenburg]


Fußnoten

1.
Quelle: Maschinengeschriebene Originalschrift befindet sich im privaten Archiv von Gerhardt Braun (Porta Westfalica, Deutschland) – die Kopie im Besitz des Herausgebers und Übersetzers. Die deutschsprachige Erstübersetzung wurde von dem Initiator und dem Hauptverfasser, dem Lehrer und Dozenten Martin Heide (Heyde) aus Orenburg (Stadt im Süden des Urals) veröffentlicht: "Die Orenburger Seite '64'", in: Neues Leben (Moskau) Nr. 22 vom 30. Mai 1992, S. 2. Hier erfolgt eine überprüfte, korrigierte und kommentierte deutsche Neufassung.
2.
Gemeint ist hier wohl das Selbstbestimmungsrecht, das einer Nationalität das Recht auf territoriale Autonomie gibt. Damit verbunden ist eine Reihe von verschiedenen Gesetzen, die der Titularnationalität einer Autonomie ermöglichen, sprachliche, soziokulturelle, politische u.a. Rechte und Möglichkeiten wahrzunehmen. Dieses Recht wurde den deutschen Sowjetbürgern mit der Liquidierung der Wolgadeutschen Republik 1941 aberkannt.
3.
Ausführlicher dazu im Dokument 1.2, v.a. Anm. 21.
4.
Sie tagte vom 1. Dezember 1964 bis zum 1. September 1965.

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