Russlanddeutsche Auswanderung

7.1.2019

Dokument 1.7: Zweite Delegation der Deutschen in Moskau in Fragen der Wiederherstellung der Autonomie. Verkürzte Niederschrift des Gesprächs beim Empfang der Teilnehmer durch den Staatspräsidenten Anastas Mikojan, 7. Juli 1965

[1]Mikojan: Guten Tag, Genossen! Wer möchte sich äußern?

Schössler[2]: Anastas Iwanowitsch! Ich werde nichts Neues erzählen. Aus unseren Briefen wissen Sie bereits, dass wir uns wegen der Neubildung unserer Republik schon öfter an das Präsidium des Obersten Sowjets und an das ZK der KPdSU wandten, doch konkrete Antworten hat es nicht gegeben. Es gab nur solche Antworten, dass die Zeit noch nicht reif ist, dass es jetzt unzweckmäßig sei usw. Ich halte diese Antworten für fadenscheinig.
Ungeachtet der Tatsache, dass der Ukas [vom 29. August 1964] die Beschuldigungen gegen uns aufgehoben hat, ist die Strafe dennoch geblieben: alle vorherigen [diskriminierenden] Erlasse sind nach wie vor wirksam und das nur deshalb, weil unsere Autonomie nicht wiederhergestellt ist. […] Man sagt uns, dass wir über kein Territorium [i.S. eines seit längerem kompakt besiedelten Stammgebiets] verfügen.[3] Ich kann dem nicht zustimmen. Unser Territorium wurde seit 1764 urbar gemacht, wurde mit unserem Blut bezahlt. Unsere Vorfahren erkauften es für vier Millionen Rubel.[4] Man muss in Erinnerung rufen, dass wir 1918 gemeinsam mit dem russischen Volk für die Sowjetmacht kämpften und nicht nur einige Regimenter, sondern eine ganze Division aufstellten. Zu Sowjetzeit wurde uns das Land per einen Staatsakt übertragen und das bedeutet, dass wir schon über ein Territorium verfügten.[5] Zu der Behauptung, dass das [einstige] Territorium jetzt dichtbewohnt sei, möchte ich sagen, dass die ländlichen Rayons lediglich zu 25-30% [im Verhältnis zu der Bevölkerungsdichte vor 1941] besiedelt sind.[6] Die Mehrzahl der Dörfer ist zerstört. Uns wird gesagt, dass die Bevölkerung dort [auf dem Territorium der einstigen Wolgadeutschen Republik] zugenommen hat, aber dieser Anstieg ist auf das Wachstum der Städte zurückzuführen.
[…]

Unsere Verfassung ist für uns, das Programm der KPdSU ist für uns. Die Republik der Wolgadeutschen muss wiederhergestellt werden. Erst ein solcher Schritt befreit uns von Schmach und Misstrauen. [Die Bevölkerung und Behörden] vor Ort sagen immer noch: Hätten sie keine Sünden gehabt, würde die Regierung sie anders behandeln.

Bornemann: Ich komme aus dem Gebiet Wolgograd, aus Kotowo.

Mikojan: Wieviel Deutsche leben jetzt dort?

Bornemann: Siebzig... Wir sind gekommen, um die Wiederherstellung unserer gesetzwidrig liquidierten Republik, um die Aufhebung der [diskriminierenden] Erlasse zu erreichen. […] Rehabilitierung heißt nicht nur Wiederherstellung der Ehre, sondern auch Wiederherstellung der früheren Lage, d. h. der Republik an der Wolga und der nationalen Gleichberechtigung. […]

Neues Deutschland Nr. 6, 1965, ErlassNeues Deutschland Nr. 6, 1965, Erlass (© Zeitungsausschnitt aus der Privatsammlung Hugo Wormsbecher (Moskau))
Im Erlass vom 29. August 1964 ist davon die Rede, dass die Deutschen an ihren neuen Wohnorten "verwurzelt" seien. Daraus folgt, dass die Kalmücken und die anderen kaukasischen Völker, die sich nicht "verwurzeln" konnten, ihre Autonomie zurückerhalten, den Deutschen dagegen, die gut gearbeitet haben und "verwurzelt" sind, verbietet man die Rückkehr in ihre Heimatorte. Unser Volk ist sehr unzufrieden damit, dass der Erlass nicht in den russischen Zeitungen veröffentlicht wurde. Als wir im Winter hier waren,[7] lasen wir den Text des Erlasses in einer deutschen Zeitung aus der DDR, und unsere deutsche Zeitung [Neues Leben] durfte dieses Dekret nicht drucken.[8] Wir wollen, dass die Menschen die Wahrheit über die sowjetischen Deutschen erfahren.

Was das Territorium betriff, so hat [der damaliger Regierungschef Wladimir] Lenin bei der Unterzeichnung des [Gründungs]Dekrets im Jahr 1918 berücksichtigt, dass dort bereits Generationen von Deutschen lebten, diese Ländereien urbar machten und an den Kriegen zur Verteidigung Russlands teilnahmen. Das Land wurde im Rahmen eines Staatsaktes [seit 1935] an die Deutschen überreicht. Und jetzt sagt man uns, dass wir kein Siedlungsgebiet haben. Ich möchte an die Worte Lenins erinnern, der sagte: "Wer die Gleichberechtigung der Nationen und Sprachen nicht anerkennt und nicht verteidigt, wer nicht jede nationale Unterdrückung oder Rechtsungleichheit bekämpft, der ist kein Marxist, der ist nicht einmal ein Demokrat."[9] Diese goldenen Worte richten sich direkt gegen diejenigen, die behaupten, die Sowjetdeutschen hätten kein [eigenes] Territorium.[10]

Wormsbecher:[11] Vor dem Krieg gehörte die Republik der Wolgadeutschen zu den in wirtschaftlicher wie in kultureller Hinsicht führenden Republiken. Was haben wir aber heute? Wir haben nur zwei Zeitungen und es gibt keine einzige deutsche Schule [d.h. Schule mit Deutsch als Unterrichtsprache]. Eine solche Situation gab es für uns nicht einmal im zaristischen Russland. Alle Völker der UdSSR haben ihre Eigenstaatlichkeit, nur die Sowjetdeutschen nicht. Es erhebt sich die berechtigte Frage: Sind wir ein sowjetisches Volk? Wir sind Sowjetmenschen und möchten nicht, dass man uns mit Westdeutschen in Verbindung bringt. […]

Dotz:[12] Ich bin einer der Mitbegründer der Republik der Wolgadeutschen [faktisch des autonomen Gebiets, das erst 1924 in eine autonome Republik umgewandelt wurde]. Wir haben sie [die Autonomie] unter schwierigen Bedingungen gebildet. Sie wissen doch wie die Lage damals war. Es war sehr schwierig mit den Lebensmitteln, die Versorgungsfrage rückte in den Vordergrund. Und wir haben viel mit Brot geholfen [d.h. Getreide und andere Lebensmittel nach Moskau geliefert]. Wir haben alle Befehle betreffend Lebensmittel ausgeführt, vorzeitig ausgeführt.
[…]

Welz:[13] Ich liebe Russland! Hört mich, deutsche Brüder!
Und ob ich tausendmal ein Deutscher bin,
geb ich mein Herz, mein Werk und meine Lieder
den letzten Atemzug für Russland hin![14]

Das ist die Lobpreisung des Sowjetlandes, die ich geschrieben habe, das sind Gefühle unseres ganzen Volkes und nicht nur meine Gefühle.

Wir haben 200 Jahre auf unserem Territorium gelebt. Wir wiesen alle Merkmale einer Nation auf. Aber wir mussten dieses Territorium verlassen. Unsere Republik wurde liquidiert. Von den 48 Jahren der Sowjetmacht leben die Deutschen 24 Jahre lang in einem ungleichberechtigten Zustand. Wir hatten 11 Deputierte im Nationalitätensowjet und drei Deputierte im Unionssowjet.[15] Wir hatten fünf Hochschulen, 400 Mittel- und Grundschulen, ein Nationaltheater, einen Verlag, fünf Republik- und etwa 20 Rayon(Kanton)zeitungen und -zeitschriften, aber heute haben wir nicht einmal eine einzige Schule.

Mikojan: Es gibt keine [deutschen] Schulen?

Welz: Keine einzige. In all den Jahren konnten wir die Herausgabe nur eines einzigen Büchleins in deutscher Sprache erwirken.[16] Wir haben eine Zeitung in Moskau ["Neues Leben"], aber dort arbeiten keine Deutsche, man traut ihnen nicht.
[…]

Chromowa:[17] Verehrter Anastas Iwanowitsch! Ich bin eine Mutter, ich habe Kinder und behandle sie gleich. Die Partei und unsere Regierung sind unsere Mutter und Vater. Sie haben nicht das Recht, ihre Kinder unterschiedlich zu behandeln. Aber sie behandeln uns wie Stiefkinder. Wir gehören zu ihnen, und wir sind gekommen um sie daran zu erinnern [i.S. Mikojan und andere anwesende Offizielle als Vertreter der Partei und Regierung], dass wir nicht weiterhin als ungleichberechtigte Bürger leben können. […]

Unsere interne Frage müsste längst gelöst werden. In keinem Fall sollte sie mit einem externen internationalen Problem verwechselt werden.[18] […] Wir fordern die Wiederherstellung der Republik der Sowjetdeutschen an der Wolga, die vom großen Lenin geschaffen wurde. Auf unserer Seite stehen die Verfassung, das Programm der Partei und die Leninschen Prinzipien der nationalen Gleichberechtigung. Niemand hat das Recht, sie zu missachten. Wodurch sind wir schlechter als alle anderen hier sitzenden? Wodurch? Warum beleidigt man uns fortlaufend, warum sind noch immer alle Punkte der Erlasse [der Jahre 1941, 1948 und 1955] in Kraft, die uns bestrafen, obwohl wir uns nichts zu Schulden haben kommen lassen?

Mikojan: Sie werden beleidigt? Nennen Sie einige typische Beispiele.
[…]

Warkentin:[19] Bitte schön. Alma-Ata, Oktober 1964. Ein junger Mann legt Aufnahmeprüfungen für eine Aspirantur ab.[20] Das Prüfungsgremium besteht aus vier Professoren. Es hagelt Fragen: "Sind Sie ein Deutscher? War Ihr Vater ein Faschist? Bekommt er Pakete aus Deutschland?"[21] Einer der Kommissionsmitglieder versucht auf die Kollegen einzureden, solche Fragen nicht zu stellen, aber ohne viel Erfolg.

Ein anderes Beispiel aus der Stadt Osch, Kirgisien. Als Reaktion auf die Bitte einiger deutscher Genossen, das 200. Jubiläum des Lebens unserer Deutschen in Russland in dieser oder jener Form im Juli 1964 zu gedenken, wurden sie seitens des Parteikomitees der Stadt des Chauvinismus beschuldigt und mit der Entlassung von der Arbeitsstelle gedroht.

Dezember 1964, Frunse. Ähnliche Drohungen gegen [Therese] Chromowa und einige andere Genossen, die sich [als Teilnehmer] unserer ersten Delegation auf die Reise nach Moskau vorbereitet haben. Aus dem gleichen Anlass werden ernsthafte Ermahnungen in Alma-Ata [gegen die dortigen Delegierten] ausgesprochen.
[…]
April 1965, Rayon Kant, Kirgisien. Der Lehrerin Hahn wurde die Mappe mit Lenins Dekret über die Gründung der ASSRdWD und mit anderen offiziellen Dokumenten beschlagnahmt und ihr mit der Entlassung gedroht.
Juni 1965, Frunse. Lehrer Hertel wurde wegen der Teilnahme an der ersten Delegation und der Vorbereitung der zweiten entlassen.
Juni 1965, Karaganda. Dem Bergmann Hannstein drohte die Arbeitsentlassung nach der Rückkehr aus Moskau, wo er an der zweiten Delegation teilnahm.
[…]

Mikojan: Ich glaube, das Gesagte genügt. Die Sowjetdeutschen zeigten im Krieg, nach dem Krieg und heute auch eine gute Führung. Sie arbeiten gut. Heute ist es unmöglich, in der Neuland-Region ohne die Deutschen zu wirtschaften.[22] Sie haben einen Deputierten im Obersten Sowjet – Becker.[23] Deren Zahl wird sich jetzt erhöhen. […] Es besteht eine volle Rehabilitierung der Deutschen. Sie stellen die Frage einer Wiedererrichtung der Republik. Wir sehen ein, dass dies die beste Lösung des Problems wäre. Doch das ist unmöglich. Man müsste eine halbe Million Menschen nehmen und sie umsiedeln. Man kann nicht so kalkulieren, als könnten die Deutschen ohne eine Republik nicht leben, wo doch vor dem Krieg zwei Drittel der Deutschen außerhalb der Grenzen der Republik lebten.[24] Wir können heute die Republik nicht wieder neu errichten. Das ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. Nicht alles kann korrigiert werden, was in der Geschichte begangen wurde. […]. Niemand wirft sie mit den Westdeutschen in einen Topf, sie sind Sowjetbürger und haben ein Recht auf Schulen und Zeitungen. […] In der gegebenen Situation können wir nicht zu einer Neubildung der Republik schreiten, weil dies ungeheure wirtschaftliche Ausgaben verursachen würde, doch Ihren kulturellen Forderungen kommen wir entgegen. Was die einzelnen Ungesetzlichkeiten betrifft, so gibt es im Apparat Leute, die falsch handeln. Wenn Sie Tatsachen über ein schlechtes Verhalten Ihnen gegenüber haben, dann können Sie dem Betreffenden ausrichten, dass hier ein Genosse sitzt. Wir werden uns einschalten. Wir glauben, Sie werden uns bei diesen kulturellen Maßnahmen helfen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Auf Wiedersehen.

Anm. [im Original]: Der Empfang begann um 14:35 Uhr und dauerte 1 Stunde und 40 Minuten.

Fußnoten

1.
Quelle: Text entnommen der sowjetischen Samisdat-Broschüre: Materialy 1 i 2 delegacii sovetskich nemcev [Dokumente der 1. und 2. Delegationen der Sowjetdeutschen]. Alma-Ata 1965, S. 13–19. Nachgedruckt ist dieses Dokument mit einigen Auslassungen in folgender Quellenedition: Istorija rossijskich nemcev v dokumentach. Tom II. Obščestvenno-političeskoe dviženie za vosstanovlenie nacional’noj gosudarstvennosti [Geschichte der Russlanddeutschen in Dokumenten. Band II. Gesellschafts-politische Bewegung zur Wiederherstellung der nationalen Staatlichkeit]. (1965-1992). Red. Vladimir Auman, Valentina Čebotareva. Moskva 1994, S. 29–37. Einige Wortmeldungen der Teilnehmer, gedruckt im "Politischen Tagebuch 1964-1970", sind in deutscher Übersetzung veröffentlicht worden, mit zahlreichen Entstellungen der Vor- und Nachnamen der Teilnehmer: Borys Lewytzkyj: Politische Opposition in der Sowjetunion 1960-1972. Analyse und Dokumentation. München 1972, S. 231–234. Ein vollständiger Text der Unterredung ist ebenfalls im Beitrag von Hugo Wormsbecher zu lesen, der dem 40. Jahrestag des Auftritts der 1. und 2. Delegationen der Sowjetdeutschen gewidmet ist, Januar 2005, online (russisch): http://wolgadeutsche.net/wormsbecher/delegat_1_2.htm
2.
Friedrich Schössler (Schessler), inoffizieller Sprecher der 2. Delegation. Seine ausführliche Vita siehe im Abschnitt III (Lebensläufe der nonkonformen Aktivisten).
3.
Das ist eine direkte Erwiderung auf die Aussagen des Staatspräsidenten Mikojan, siehe das erste Treffen am 12. Januar 1965 (Dokument 1.6).
4.
Hier zeigt sich, dass sich Schössler mit einigen Werken zu der wolgadeutschen Geschichte vertraut machte. Es geht um den Geldbetrag, den die Ansiedlung der Deutschen an der Wolga den Staat kostete. Die Kolonisten wurden verpflichtet, die erhaltenen Einrichtungsdarlehen, "Verpflegungs- und Vorschussgelder" u. ä. zurückzuzahlen. Insgesamt ging es um ca. 5.200 000 Rubel, eine nach den damaligen Verhältnissen gigantische Summe, die im Jahr 1782 um 1.200 000 Rubel erlassen wurde. Dieser Schuldenberg, sog. Kronschulden – letztendlich ca. 4 Mio. Rubel – lastete auf den Kindern und Enkelkindern der ersten Einwanderer, hemmte die wirtschaftliche Entwicklung der Siedler und konnte erst im Jahr 1845 (!), d.h. erst nach 80 Jahren seit der Ankunft, vollständig getilgt werden, vgl.: David Schmidt: Studien über die Geschichte der Wolgadeutschen. Erster Teil. Seit der Einwanderung bis zum imperialistischen Weltkriege. Pokrowsk etc.1930, v.a. S. 125–126, online: http://www.bibliothek.rusdeutsch.eu/catalog/167 Ferner: Gottlieb Beratz: Die deutschen Kolonien an der unteren Wolga in ihrer Entstehung und ersten Entwicklung. Gedenkblätter zur 150. Jahreswende der Ankunft der ersten deutschen Ansiedler an der Wolga. 29. Juni 1764 – 29. Juni 1914. Saratow 1915 (2. Aufl. Berlin 1923), S. 97–100, 108, online: https://dlib.rsl.ru/viewer/01004452213#?page=1
5.
Seit 1935 wurden den Kolchosen der Wolgarepublik, ähnlich wie in anderen Regionen und nationalen Republiken, mit viel propagandistischem Getöse durch einen feierlichen Staatsakt das Land zum "ewigen" Nutzen überreicht. Siehe z.B. den Leitartikel: Auf ewige Nutznießung, in: Nachrichten (Engels) vom 16. Oktober 1935, Nr. 240. Ein Zitat aus dem Artikel, das sinngemäß in einer Unzahl ähnlicher Beträge anzutreffen war und vielen einstigen Einwohnern der Republik noch Jahrzehnte danach in den Ohren klang:
Die sozialistische Heimat hat den werktätigen Wolgadeutschen das Land in ewige Nutznießung gegeben. Die große Bedeutung dieser Tatsache tritt besonders leuchtend hervor angesichts der Massenverelendung der Bauernschaft im faschistischen Deutschland, der Massenversteigerungen von Bauernhöfen im Dritten Reich und, wenn wir uns daran erinnern, dass Nikolaus der Zweite [der letzte russische Zar] die werktätigen Wolgadeutschen nach Sibirien vertreiben wollte.
6.
Wieder ein deutlicher Widerspruch zu den Behauptungen des Staatsoberhaupts (Dokument 1.6).
7.
Erste Delegation weilte in Moskau vom 2. bis zum 13. Januar 1965, siehe Dokumente 1.5 und 1.6.
8.
Die Rede ist von der Zeitung "Neues Deutschland", die am 6. Januar 1965 im Artikel "Anerkennung für Sowjetbürger deutscher Nationalität – Erlass des Obersten Sowjets der UdSSR" eine inhaltliche Zusammenfassung dieses Rechtsaktes veröffentlichte, allerdings erst auf der siebten Seite. In dem Moskauer "Neuen Leben" erschien der Text des Erlasses erst am 20. Januar 1965. Wer den Zugang zum "ZEFYS Zeitungsportal / DDR-Presse" hat, findet diesen Artikel online: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/index.php?purl=SNP2532889X-19650106-0-7-111-0
9.
Zitiert nach: Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage, in: W.I. Lenin: Werke. Band 20. Dezember 1913 – August 1914. Berlin (Ost) 1961, S. 13, online: http://www.red-channel.de/LeninWerke/LW20.pdf
10.
Das war schon mutig, so direkt gegen den Staatschef zu opponieren.
11.
Hugo Wormsbecher (1941), Schriftsteller, Journalist und Politiker, Mitarbeiter der Zeitung "Neues Leben". 1989 Mitbegründer der Allunionsgesellschaft der Sowjet(Russland)deutschen "Wiedergeburt".
12.
Alexander Dotz (1890–1973?), wolgadeutscher Wirtschafts- und Staatsfunktionär. 1918–1920 war er Vorsitzender des Gebietsexekutivkomitees und leitete die Gebietsverwaltung der Tscheka (Geheimpolizei, Vorgängerin des NKWD–KGB). In seiner Funktion führte er rücksichtslose Requisitionen von Lebensmitteln aus und war somit für die Hungersnot und Massensterben der Deutschen an der Wolga in den Jahren 1921-22 mitverantwortlich. Danach mehrere Jahre leitende Funktionen in der Erdölindustrie und im Erdölexport in Baku, Moskau und im Ausland.
13.
Karl Welz (1911–1991), wolgadeutscher Journalist und Schriftsteller, seit 1932 schrieb er für die "Nachrichten" und andere Zeitungen in der ASSRdWD, nach der Deportation und Zwangsarbeit seit Mitte der 1950er Jahre wieder literarisch und publizistisch aktiv. Seit 1966 Journalist und Redakteur in der neuen deutschsprachigen Zeitung "Freundschaft" (Zelinograd, Unionsrepublik Kasachstan).
14.
Zitiert nach: Hand in Hand. Gedichte und Erzählungen. Moskau 1960, S. 101–102, hier S. 101 (in der originalen Samisdat-Schrift steht dieser Vierzeiler in russischer Übersetzung)
15.
Nach der ersten und einzigen Vorkriegswahl in den Obersten Sowjet der UdSSR im Dezember 1937 wurden von der Wolgarepublik in den Unionsrat zwei Abgeordnete (einer davon Deutscher) und in den Nationalitätenrat elf gewählt, davon acht Deutsche, insgesamt neun. Ausführlicher hierzu in der Anm. 21 (Dokument 1.2)
16.
Es handelte sich um das bereits einige Male erwähnte Gedichts- und Erzählungsbändchen "Hand in Hand", 1960.
17.
Theresa Chromowa (1919–2004), herausragende Vertreterin der deutschen Autonomie- und Ausreisebewegung. Siehe ihren ausführlichen Lebenslauf im Abschnitt III: Lebensläufe der nonkonformen Aktivisten.
18.
Damit ist wohl die in der Nachkriegszeit höchst aktuelle Deutschlandfrage gemeint.
19.
Johann Warkentin (1920–2012), geboren auf der Krim. Schriftsteller, Dichter, Literaturkritiker, Hochschullehrer und Journalist deutsch-mennonitischer Herkunft. Übersiedelung 1981 in die DDR, lebte in Ost-Berlin. Ein Nachruf auf ihn: http://www.rusdeutsch.eu/Nachrichten/1925
20.
Aspirantur (russ. aspirantura) – eine 1925 in der ehem. UdSSR eingeführte akademische Ausbildungsform, die auch im heutigen Russland Gültigkeit besitzt, um den akademischen Doktorgrad (russ. kandidat nauk) zu erlangen. Ist vergleichbar mit dem Promotionsstudium in Deutschland. Somit entspricht der Aspirant einem Doktoranden.
21.
Zu der Problematik der Paketsendungen aus der Bundesrepublik siehe Dokument 1.8, Anm. 2.
22.
Neulandregion war ein Zusammenschluss von fünf Gebieten im Norden Kasachstans in den Jahren 1960–1965: Koktschetaw, Kustanaj, Nord-Kasachstan-Gebiet, Zelinograd und Pawlodar. Die Stadt Zelinograd (bis 1961 hieß sie Akmolinsk und heute Astana) fungierte als Regionszentrum. Dieser Zusammenschluss ging auf die Idee des Parteichefs Nikita Chruschtschows zurück und wurde im Oktober 1965, ein Jahr nach seinem Sturz, wieder rückläufig gemacht.
23.
Zu Alexander Becker siehe Dokument 1.2, Anm. 22.
24.
Nach der Volkszählung 1926 lebten in den Grenzen der Wolgarepublik 379.630 oder 30,7 % der insgesamt 1.238 549 registrierten Deutschen in der UdSSR. Einige Jahre später, nach den tiefen gesellschaftlichen Umbrüchen, gab es nach der Volkszählung 1939 offiziell 1 427 232 Deutsche, und in der ASSRdWD zählte man nur 366 685 oder 25,7% davon. Dabei muss noch berücksichtigt werden, dass zehntausende Wolgadeutsche außerhalb der Grenzen der Republik freiwillig oder gezwungen (als Hungerflüchtlinge der Jahre 1921-22 und 1932-33 oder als verschickte Großbauern, sog. Kulaken) lebten, zu Statistik vgl. die Tab. 3 aus: Viktor Krieger: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. Eine Geschichte der Russlanddeutschen. Bonn 2015, S. 92. und die Tab. 1, online: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/255396/vom-kolonisten-in-russland-zum-bundesbuerger?type=galerie&show=image&i=255475

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