Russlanddeutsche Auswanderung

7.1.2019

Dokument 1.9: Dritte Delegation der Deutschen in Moskau in Fragen der Wiederherstellung der Autonomie. Aufzeichnung der Unterredung von vier Vertretern der Delegation mit dem Leiter des Empfangsbüros des ZK der KPdSU, 15. Juli 1967

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Erstes Blatt der kurzgefassten Niederschrift des Treffens mit
Stroganow, Moskau, 15. Juli 1967Erstes Blatt der kurzgefassten Niederschrift des Treffens mit Stroganow, Moskau, 15. Juli 1967 (© Privatsammlung Johannes Schaab (Sindelfingen))

Stroganow:[2] Ich höre Ihnen zu.

Schaab:[3] Wir bitten Sie, uns bezüglich der Frage der vollständigen Rehabilitierung zuzuhören und [bitten] um Ihre Vermittlung zur Organisierung eines Treffens mit dem Genossen Breschnew,[4] bezüglich unserer Eingabe vom 6. Juli 1967 über die vollständige Rehabilitierung der Sowjetdeutschen und über die Wiederherstellung unserer Republik der Wolgadeutschen.

Stroganow: [Der Staatspräsident] Mikojan hat Sie doch in dieser Angelegenheit getroffen.

Schaab: Mikojan hat der 2. Delegation am 7. Juli 1965 versprochen, alle Restriktionen gegen die Deutschen aufzuheben, aber bislang ist nichts passiert, deshalb bitten wir Sie, ein Treffen mit dem Gen[ossen] Breschnew zu arrangieren, weil wir bis jetzt noch keine Antwort auf unsere Eingabe erhalten haben.

Stroganow: Ich sehe keinen Sinn darin, Sie sind doch rehabilitiert. Schaab: Solange den Deutschen das Recht verwehrt wird, in ihre Heimatorte zurückzukehren, können wir über die Gleichberechtigung und Rehabilitierung nicht sprechen.

Stroganow: Von welchen Einschränkungen sprechen sie? Sie bekommen Arbeit im erlernten Beruf, sie können an Hochschulen studieren, also was brauchen sie noch?

Franz:[5] Es fehlte noch, dass man uns Arbeit und Ausbildung verbieten würde!

Stroganow: Unterlassen sie es, mit mir zu streiten.

Franz: Wenn Sie wüssten, was vor Ort [in der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz] vor sich geht, würden sie anderes sprechen. In Frunse gibt es eine Traktorenbrigade, die nur aus Deutschen besteht. Sie weist starke Arbeitsleistung vor, aber dessen ungeachtet erklärt ein russischer Parteiorganisator ganz offen: "Solange ich hier als Parteiorganisator arbeite, wird von euch NIEMAND ausgezeichnet, egal wie gut sie arbeiten würden." Wofür spricht das Ihrer Meinung nach?

Stroganow: Ach, es leben noch hie und da die Dummköpfe! Ignorieren sie diese einfach. Sie besitzen eine vollständige Gleichberechtigung. Ihre Forderung [d.h. die Wiederherstellung der Autonomie] ist unwirtschaftlich:
Glauben sie wirklich, dass sie wieder in die Züge verladen und zurückgebracht werden? Das ihnen ihr Eigentum zurückgeben wird? Sie sehen die Dinge aus ihrer Froschperspektive, [aber] die Regierung muss die Interessen des Staates berücksichtigen.

Franz: Was ist unter "unwirtschaftlich" zu verstehen? Die Kosten für die Wiederherstellung unserer Republik werden in kürzester Zeit eingebracht.

Stroganow: Ihr lebt doch so gruppenweise…, also bittet doch, dass ihnen dort Schulen, Zeitungen usw. eröffnet werden.

Rupp:[6] Die Deutschen sind verstreut, sie leben nicht kompakt, es ist unmöglich, die deutsche Sprache zu pflegen. Sogar dort, wo sie [in höherer Zahl] zusammenleben, gibt es keine deutschen Schulen.

Stroganow: Welche Ausbildung haben Sie?

Rupp: In diesem Jahr habe ich mein Medizinstudium absolviert.

Stroganow: Sie sind Akademiker, aber reden über Benachteiligung
[…]

Schaad: Ich bin Student der landwirtschaftlichen Hochschule in Wolgograd. Jährlich werden bei uns Dutzende Abiturienten aus der Kalmückischen ASSR – in der Regel ohne Aufnahmeprüfungen – immatrikuliert. Wieso wird uns Deutschen solche Förderung vorenthalten?

Stroganow: Wir müssen Menschen ans Land setzen. Was macht es für ein Sinn, wenn ein Moskauer an eine landwirtschaftliche Hochschule geht, aber nicht weiß, wie man die Getreidesorten unterscheiden kann.

Schaad: Man vertraut uns nicht. Es gibt Dörfer, in denen nur Deutsche leben, aber die Verwaltungsstellen werden in der Regel mit Russen besetzt.

Stroganow: Bei uns gibt es Deutsche, die im Zentralkomitee arbeiten oder Abgeordnete des Obersten Sowjets sind. Ich kann sie jetzt nicht namentlich nennen, aber wenn sie daran interessiert sind, dann kann ich sie in ein paar Tagen benennen.

Franz: Solche [Personen] gibt es nicht [mehr]. Es gab einen Becker im Obersten Sowjet, und auch er ist schon weg.[7]

Fertich:[8] Sie sagten, dass wir Zeitungen haben und dass wir neue gründen müssen. Aber wir können sie nicht lesen, weil viele ihre Muttersprache vergessen haben.

Stroganow: Aber jetzt findet doch eine vollständige Verschmelzung der Nationen statt!

Franz: Warum beginnen Sie nicht mit der Verschmelzung der Nationen bei den Georgiern, Kasachen oder Ukrainern an? Warum fängt man eine gewaltsame "Verschmelzung der Nationen " bei den Deutschen an?

Fertich: Warum dürfen Nationalitäten, die vor dem Krieg ihre eigenen Republiken besaßen, sie auch jetzt besitzen, aber den Deutschen ist dieses Recht entzogen worden? Die Verschmelzung der Nationen ist ein schrittweiser Prozess, der mit der Entwicklung von nationalen Kulturen einhergeht.
[…]

Rupp: Zum 50. Jahrestag der Sowjetmacht [7.–8. November 1967] werden Materialien über die Geschichte aller Völker der UdSSR vorbereitet, aber über die Geschichte der deutschen Bevölkerung wird nichts gesagt. Warum?

Stroganow: Es gibt jetzt keine Trennungen zwischen den Nationen, weil wir den Kommunismus aufbauen.

Schaab: Die Deutsche Republik wurde von Lenin gegründet, er hielt das für notwendig.

Stroganow: Es waren die Jahre 1922–24,[9] und jetzt ist das Jahr 1967, jetzt ist es nicht nötig.

Schaab: Warum sind die Rechte anderer repressierter Völker wiederhergestellt, aber unserem Volk wird das Recht auf Eigenstaatlichkeit vorenthalten? Wir fordern ganz wenig: die Wiederherstellung der ASSRdWD.

Stroganow: Was noch so alles sich die Deutschen wünschen. Die Partei hält das nicht für notwendig.

Schaab: Aber "Partei und Volk sind eins"[10], und die Partei muss die Interessen des Volkes ausdrücken.

Stroganow: Die Partei sollte nicht dem Volk hinterherhinken, sie tut alles, was sie für richtig hält. Verstehen Sie? Sie verleumden die Partei!

Schaab: Immerhin sind wir zu unserer Regierung und Partei gekommen... Ob Sie uns helfen können, ein Treffen mit Breschnew zu arrangieren?

Stroganow: Es wird keinen Empfang geben. Was die Regierung bisher in Ihrer Frage entschieden hat, das ist alles.

Franz: Genosse Stroganow, Sie sind in unseren Angelegenheiten sehr inkompetent. Wir werden uns den Empfang beim Genossen Breschnew verschaffen, koste es, was es wolle.

Stroganow: Auf Wiedersehen!

Fußnoten

1.
Quelle: Handgeschriebenes Protokoll – eine Kurzfassung – des Zusammentreffens und Angaben zu den Teilnehmern der 3. Delegation befindet sich im Privatarchiv von Johannes Schaab aus Sindelfingen – Kopien im Besitz des Herausgebers und Übersetzers. Mit einigen textuellen Abweichungen erschien dieser Bericht in: Stenogramm des Gesprächs der Mitglieder der 3. Delegation, Johannes Schaab, Iwan Rupp, Iwan Fertich und David Franz mit dem Leiter des Empfangsbüros des ZK der KPdSU, Stroganow, 15. Juli 1967, in: Fuks V. (Viktor Fuchs): Rokovye dorogi povolžskich nemcev. 1763-1993 gody. Krasnojarsk 1995, S. 149–151.
2.
Stroganow, Leiter des Empfangsbüros des ZK der KPdSU in den 1960er – 1970er Jahren.
3.
Johannes Schaab (1941), zum Zeitpunkt des Gesprächs Student und lebte in der Siedlung Semjonowka, Gebiet Wolgograd
4.
Leonid Iljitsch Breschnew (1906–1982), sowjetischer Staats- und Parteifunktionär, Nachfolger Chruschtschows als erster bzw. Generalsekretär des ZK der KPdSU (1964–1982). Gleichzeitig fungierte er zu Chruschtschows-Zeiten und später als Staatspräsident (1960–1964 und 1977–1982)
5.
David Franz (1904 – ?), von Beruf her Musiklehrer und zum Zeitpunkt des Gesprächs Rentner. Lebte in Frunse (Kirgisien)
6.
Iwan (Johann) Rupp (1942), Arzt. Lebte in Karaganda.
7.
Ausführlicher zu Alexander Becker in der Anm. 22, Dokument 2.1. Er war ein Abgeordneter des Obersten Sowjets der UdSSR der 6. Einberufung in den Jahren 1962–1966.
8.
Iwan (Johannes) Fertich (1942), Arzt, lebte in der Siedlung Tschilik, Gebiet Alma-Ata (Kasachstan).
9.
Da sieht es schlecht mit den grundsätzlichen Geschichtskenntnissen bei den zuständigen Funktionären aus: Gründungsdekret über die wolgadeutsche Autonomie ist mit dem 19. Oktober 1918 datiert.
10.
Der eigentliche Slogan hatte andere Reihenfolge: "Volk und Partei sind eins".

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