Russlanddeutsche Auswanderung

11.1.2019

Dokument 1.13: Die Begründung des Auswanderungsbegehrens durch den Bürger Jakob Damm, aus "Re Patria", 1974

[1]

An das Innenministerium der Estnischen SSR,
Lai tänav, Tallinn,
Abteilung für Visa und Registrierung (OWIR)



vom Bürger Damm, Jakob Kondratjewitsch, geb. 1938, Deutscher, wohnhaft: Estnische SSR, Jögeva, Nöukogude Str. 9, Wg. 31.

ANTRAG

Ich und meine Familie wenden uns mit der Bitte an Sie, uns die Ausreise in unsere historische Heimat – Deutschland – zu gestatten. Ein Verzeichnis der Deutschen, die nach Deutschland auszureisen wünschen, wurde der Regierung am 18. Mai 1973 überreicht.[2] Die Antwort blieb jedoch bis heute aus. Unser Ersuchen wird von uns damit begründet, dass für die Deutschen in der Sowjetunion [als Nationalität] keine Existenzmöglichkeiten bestehen. Die in der Sowjetunion ansässigen Deutschen sind, was ihre Bevölkerungszahl betrifft, nicht die kleinste Volksgruppe, sondern es gibt Völkerschaften mit einer weit geringeren Bevölkerungszahl. Diese werden jedoch als Nation anerkannt. Sie haben eine [Unions]republik oder eine Autonomie [d.h. autonome Republik], wo sie ihre Regierungen, ihre Universitäten, höhere Lehranstalten, Schulen, Klubs, Theater, Kindergärten und -krippen haben. In ihrer Muttersprache erscheinen Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, werden Fernsehen- und Radiosendungen ausgestrahlt usw. Die Deutschen in der Sowjetunion haben jedoch Garnichts, sie sind es nicht einmal wert, irgendwo erwähnt zu werden.

Wir haben, so gab die [Zentral]Regierung der Abordnung der Deutschen zur Antwort, kein Territorium, was so viel bedeutet, dass es für uns in der Sowjetunion nichts gibt.[3] Es fehlt uns nicht nur an [eigener] Regierung, sondern sogar an Grundschule, in der unsere Kinder die Möglichkeit hätten, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Es scheint, dass wir es nicht verdient haben. Andererseits aber, laut Äußerungen beim Empfang der deutschen Abordnung durch die [Zentral]Regierung, erkennt man die Deutschen als fleißige und gewissenhafte Arbeiter an, der Anteil Straffälliger unter ihnen ist am geringsten usw.

Worin besteht da die Logik: an der Arbeitsfront gelten wir als gute Werktätige, wenn es sich jedoch um unsere nationalen Rechte handelt, stellt es sich heraus, dass solche für die Deutschen nicht existieren. Es drängt sich die Frage auf – wie soll es weitergehen, was erwartet uns, Deutsche der [Sowjet]Union, in der Zukunft? Die Schlussfolgerung ist klar: Assimilation. Aber warum? Wer und mit welchem Recht nahm uns alles, worauf alle Völker der Welt ein Anrecht haben? Und warum sollen wir aussterben [als Volk mit eigener Sprache und Kultur], in dem wir in anderen [Völkern] aufgehen werden? Wodurch sind wir schlechter als die Anderen? Wenn es sich vorrangig um das Territorium handelt, so erlauben Sie allen, die es wünschen, nach Deutschland zu übersiedeln. Ich und meine Familie erwarten mit großer Hoffnung einen positiven Bescheid auf unsere Bitte.

15. August 1973

DAMM J.K.


Fußnoten

1.
Das Schreiben wurde am 15. August 1973 verfasst. Erstveröffentlichung auf Russisch in der Samisdat-Schrift "Re Patria", 1974. Nachgedruckt in: Re Patria Nr. 1. Sbornik materalov, posvjaščennych nemcam Sovetskogo Sojuza [Materialsammlung zu den Deutschen in der Sowjetunion] (Vol’noe slovo. Samizdat. Izbrannoe. Vypusk 16). Frankfurt/M: Posev 1975, S. 48–49, online: http://vtoraya-literatura.com/pdf/volnoe_slovo_16_1975__ocr.pdf. Der Text wurde vom Sender RFE/RL (Russian Broadcast Recordings) mehrmals ausgestrahlt. Erste Ansage erfolgte am 5. September 1974, online (russisch) ab 4:40 bis 07:30 min: http://catalog.osaarchivum.org/catalog/osa:a8ab46e5-300a-493e-abbd-ac1ab67170ab. Eine Übersetzung ins Deutsche erschien in: Deutschtum im Osten. Dokumente (Hrsg. vom Bund Re Patria, Frankfurt/M), Nr. 1/1975, S. 7–8. Hier erfolgt eine überprüfte, korrigierte und kommentierte deutsche Neufassung.
2.
Vgl. hierzu das Dokument 1.10.
3.
Das ist ein Rekurs auf die Worte des Staatsoberhaupts Anastas Mikojan während der Unterredung mit den Vertretern der Ersten Delegation der Deutschen im Januar 1965, siehe Dokument 1.6.

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