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Russlanddeutsche Auswanderung

30.1.2019

Dokument 3.5 Verzweifelter Hilferuf von 583 Deutschen aus der Sowjetunion, 1976

Flugblatt der Bundesvereinigung "Re Patria" mit dem Ausreiseaufbegehren von 110 Familien aus der UdSSR, 1976.Flugblatt der Bundesvereinigung "Re Patria" mit dem Ausreiseaufbegehren von 110 Familien aus der UdSSR, 1976. (© Privatsammlung Eduard Deibert, Iserlohn)

[1]

An den Präsidenten der BRD, Walter Scheel
An den Bundeskanzler Helmut Schmidt
An die Regierungen der Länder der Europäischen Union
An die Kommunistischen Parteien Frankreichs und Italiens
An das Rote Kreuz [in Genf]
An den Uno-Generalsekretär Kurt Waldheim



GESUCH

Wir, in Russland lebende Deutsche, bitten die obengenannten Organe um Schutz, Hilfe und Unterstützung, und wenden uns mit flehentlichen Gebeten an unseren Herrgott, den Schöpfer von Himmel und Erde, da er allein alle Ungerechtigkeiten erkennt, um das Leid und die Tränen unseres schwergeprüften Volkes weiß und auch das Recht hat, alle Völker, Rassen und Nationen zu richten oder zu trösten.

Bei unseren wiederholten Gesuchen an die Regierungen der BRD erkennen wir immer wieder Ihre Fürsorge und Ihre Herzensgüte. Durch Sie ist uns, unchätzbare Hilfe und Unterstützung zunell geworden. Zahlreiche Familien erhalten jetzt Einladungen von Verwandten, materielle und tinanzielle Hilfe und die politischen Häftlinge in Rußland werden stärker unterstützt. Möge unser Herrgott Sie am Tage des Großen Gerichts über die Menschheit belohnen, da Sie den Mut haben, in diesem histoFischen Zeitpunkt der Weltgeschichte das Rechte zu tun!

Wir, die Unterzeichner dieses Gesuches, wenden uns an Sie mit der Bitte uns bei unserem Bestreben, in unsere Heimat zurückzukehren, zu unterstützen. Unter Einhaltung der geltenden Gesetzgebung bemühen wir uns seit drei Jahren ununterbrochen um eine Ausreise aus der UdSSR. Das heißt, daß wir jedem Gesuch immer wieder die erforderlichen umfangreichen Unterlagen beifügen. Aber auf jedes Gesuch erhalten wir nur mündliche, völlig unbegründete Absagen. Wiederholt wandten wir uns an die Regierung der BRD, an die Herren Willy Brandt und Helmut Schmidt persönlich, an das Internationale Rote Kreuz, an die UNO, ganz zu schweigen von den unzähligen Appellen und gemeinschaftlichen oder individuellen Gesuchen sowohl an die Reglerung der UdSSR als auch an die Regierungen der einzelnen Sowjetrepubliken. Jedoch wird uns die Ausreise immer noch verweigert.

Aus diesem Grunde sind wir zu dem Schluss gekommen, daß uns nichts anderes mehr übrigbleibt, als auf unsere sowjetische Staatsbürgerschaft zu verzichten und unsere Pässe bei den zuständigen Organen der Miliz abzugeben, um auf diese Weise die Genehmigung zur Ausreise in unsere historische Heimat, die Bundesrepublik Deutschland, zu erzwingen. Da wir jetzt aber staatenlos sind, bitten wir Sie, uns als Staatsbürger der BRD anzuerkennen, und über diplomatische Kanäle auf die Regierung der UdSSR einzuwirken, damit uns die Möglichkeit gegeben wird, in die BRD umzusiedeln. Wir bitten inständig um Ihre Unterstützung und Hilfe, ohne die es uns, da wir nicht mehr im Besitz eines Passes sind, sehr schwer sein wird, zu überleben. Wir bitten auch um Verbreitung unserer verzweifelten Lage in der Öffentlichkeit und um Weitergabe unseres Gesuches an die obenerwähnten Regierungsstellen und Organisationen. Wir bitten ferner um die Bildung einer kompetenten internationalen Kommission durch die UNO und das Internationale Rote Kreuz, um eine Untersuchung unserer Lage durchzuführen.

Mit dem Ausdruck ihrer vorzüglichen Hochachtung unterzeichnen 110 FamiHen, die Hilfe von Ihnen erwarten: 110 Unterschriften von 110 Familien[oberhäupter], insgesamt 583 Personen.

[Anmerkung: Abgegeben wurden 293 Pässe. Es folgen die Unterschriften (sieben Blätter). Von diesen 538 Personen waren 40 auf 1 - 3 Jahre inhaftiert.
Der Unterschriftensammlung folgt eine "Liste der Bürger deutscher Nationalität, die die Pässe eingereicht und sich von der Staatsangehörigkeit der UdSSR abgesagt haben mit dem Ziel, in die BRD und DDR auszureisen"]

Fußnoten

1.
Quelle: Dieses Schreiben wurde ursprünglich für die Veröffentlichung im Ausland gedacht – deshalb wendet es sich ausschließlich an westliche Politiker und an die in Westeuropa stärksten und einflussreichsten Kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien. Vermittelt über den Bund "Re Patria" erschien er zunächst als ein Flugblatt (im Besitz des Herausgebers).
Nachdem die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte IGFM in Frankfurt/M diese Angelegenheit publik gemacht hat, berichteten davon viele überregionale Medien und drückten den Aufruf vollständig oder in Auszügen ab, so in der WELT, Nr. 116 vom 19. Mai 1976 oder im RHEINISCHEN MERKUR vom 21. Mai 1976. Von hier wurden die Adressaten des Appels übernommen.

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