"Willkommen auf Deutsch" Titelbild

Thema


19.2.2016
Protest der Bürgerinitiative AppelProtest der Bürgerinitiative Appel (© Pier53)

Willkommenskultur in Deutschland



In Deutschland wurden zwar verschiedene Maßnahmen zur Förderung einer Willkommenskultur eingeführt, jedoch gibt es immer noch Probleme in der Umsetzung. Im Umgang mit Vielfalt werden nach wie vor verschiedene Formen der Diskriminierung beobachtet und es gibt gesellschaftliche Strömungen, die die Zuwanderung stärker begrenzen möchten. Mit den steigenden Flüchtlingszahlen der letzten Jahre hat die Diskussion über den Umgang mit Migration und Flüchtlingen in Deutschland eine neue Intensität erreicht. Immer wieder kommt es zu – teilweise gewalttätigen – Protesten, wenn neue Unterkünfte für Flüchtlinge geplant werden. Diese Entwicklung war für Hauke Wendler und Carsten Rau der Anlass, sich dem Thema filmisch zu nähern. Dabei beleuchten sie ganz bewusst verschiedene Perspektiven: Zu Wort kommen Flüchtlinge und deren Unterstützer/innen, aber auch kritisch eingestellte Bürger/innen sowie Mitarbeiter/innen von Behörden und politischen Initiativen. Der Film behandelt einerseits die Ängste und das Unverständnis derer, die ihre Heimat durch den Zuzug von "Fremden" bedroht sehen. Er zeigt andererseits aber auch die Erlebnisse und Hoffnungen von Menschen, die in Deutschland nicht nur vorrübergehend Schutz suchen, sondern dauerhaft eine neue Heimat finden möchten.

Rassismus, der "nicht so gemeint" ist



In der Eröffnungsszene begleitet die Kamera Hartmut Prahm auf einem Spaziergang durch das idyllische niedersächsische Dorf Appel. Der großgewachsene Mann zeigt dem Filmteam sein Dorf und hebt bei jedem Auto, das vorbeifährt, die Hand zum Gruß – in Appel kennt man sich, nur knapp 450 Menschen wohnen hier. Als bekannt wurde, dass im leerstehenden Alten- und Pflegeheim Menschen untergebracht werden sollen, die in Deutschland Asyl beantragt haben, dauerte es nicht lange, bis sich dagegen eine Bürgerinitiative gründete.

Herbert Prahm bei einer VersammlungHerbert Prahm bei einer Versammlung (© Pier53)
Hartmut Prahm ist deren Vorsitzender. Er begründet den Widerstand gegen die Unterbringung mit rationalen Argumenten, wie zum Beispiel der fehlenden Infrastruktur. Im Verlauf des Films wird aber deutlich, dass der Protest auch durch irrationale Ängste ("Da kann man ja seine Kinder nicht mehr auf die Straße lassen!") genährt wird. Hinzu kommt der Unmut darüber, in die Planungen nicht eingebunden gewesen zu sein: Obwohl Appel wie viele andere ländliche Regionen unter Abwanderungstendenzen leidet, wollen sich die Alteingesessenen nicht "von oben" diktieren lassen, wer zu ihnen gehören soll und wer nicht. 53 Flüchtlinge in einem Ort mit 450 Anwohnern: Dieser Plan sei "sozial unverträglich". Als Alternative schlagen die Anwohner vor, zehn Asylbewerber im Gasthaus "Deutscher Hof"unterzubringen.

Tatsächlich kann man die behördliche Planung hinterfragen, doch in der dünn besiedelten Region südlich von Hamburg gibt es nur wenig geeignete Orte und Objekte, um die gut 1.000 Asylbewerber unterzubringen, die der Landkreis nach dem Königssteiner Schlüssel insgesamt aufnehmen muss. Dazu kommt, dass Einwohner hier, wie auch in anderen Teilen von Deutschland nach dem St. Florians- Prinzip reagieren: "Generell habe ich nichts gegen Ausländer, solange sie nicht direkt neben mir einziehen."

Schon bevor die ersten Flüchtlinge nach Appel kommen, haben die Bürger genaue Vorstellungen über ihre potentiellen neuen Nachbarn. In ihren emotionalen Äußerungen schwingen auch rassistische Ressentiments mit. So unterstellt Hartmut Prahm den Flüchtlingen beispielsweise, dass sie aufgrund ihrer "männlichen Bedürfnisse" eine Gefahr für die Frauen und Kinder des Dorfes werden könnten. Er wisse nicht, so Prahm in einer öffentlichen Diskussion, wie lange der Protest noch friedlich bleiben werde. Sollte das Heim wirklich gebaut werden, könne er für nichts garantieren. Als selbst diese Drohung nicht zum gewünschten Ergebnis führt, greift die Bürgerinitiative zu juristischen Mitteln, um den Einzug der Flüchtlinge durch baurechtliche Einsprüche zu verhindern. Tatsächlich wird das Altenheim als Standort schließlich fallen gelassen und steht nun weiter leer. Derweil beziehen zehn Flüchtlinge aus Albanien und Syrien ihre Zimmer im Gasthof "Deutsches Haus".

Hingehen statt wegschauen



Bereits einige Zeit vorher hatte das Filmteam im 70 Kilometer entfernten Tespe mit den Dreharbeiten begonnen, als dort gerade eine siebenköpfige Flüchtlingsfamilie aus Tschetschenien angekommen war. Auch hier regte sich Widerstand gegen die Flüchtlinge, die in einer zur Wohnung umgebauten ehemaligen Sparkassenfiliale untergebracht sind. Die alleinerziehende Mutter erlitt einen Zusammenbruch und musste danach monatelang im Krankenhaus betreut werden. Die Verantwortung für die fünf minderjährigen Jungen trägt seitdem die erst 21-jährige Larisa. Tatkräftig unterstützt wird die junge Frau von älteren Damen aus dem Ort, die die harsche Ablehnung aus Tespe entsetzt hat.



Ingeborg Neupert lernt mit Larisas Familie Deutsch.Ingeborg Neupert lernt mit Larisas Familie Deutsch. (© Pier53)

Einige der Rentnerinnen um die 80-jährige Ingeborg Neubert haben nach dem Zweiten Weltkrieg selbst erlebt, wie sich Flucht und Ausgrenzung anfühlen. Nun wollen sie dazu beitragen, dass sich Larisa und ihre Familie in Tespe bald zu Hause fühlen. Angesichts der fragilen Gesundheit der Mutter werden die freiwilligen Helferinnen zur unverzichtbaren Stütze der Familie. Ingeborg Neubert lernt mit den Kindern Deutsch und unterstützt Larisa im Umgang mit den Behörden. Das ist nicht einfach, denn das deutsche Asylrecht ist kompliziert. So ist die tschetschenische Familie akut von Abschiebung bedroht, weil sie über Polen nach Deutschland eingereist ist, um hier Asyl zu beantragen. Die sogenannte Drittstaatenregelung besagt jedoch, dass ein Asylverfahren nur dort möglich ist, wo die Asylsuchenden zuerst ein sogenanntes "sicheres Drittland" im Geltungsbereich der Dublin-III-Verordnung betreten haben. Folglich hätte die Familie eigentlich in Polen ihren Asylantrag stellen müssen.

Mittendrin: Ein Beamter zwischen Bürokratie und Menschlichkeit



Rainer Kaminski, der Leiter des Fachbereichs Soziales beim Landkreis Harburg, weiß, dass nur ein verschwindend geringer Teil der Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, auch dauerhaft hier leben darf. Die Anerkennungsquote bei Asylanträgen lag im Jahr 2014 bei 1,8 Prozent, 2015 bei 0,7 Prozent. Dazu kamen 2014 ungefähr 26 und 2015 etwa 49 Prozent, die als Flüchtlinge anerkannt werden und solange in Deutschland bleiben dürfen, bis sich die politische Situation in ihrem Heimatland verbessert hat. (Quelle: BAMF) Als Vertreter des Staates ist Rainer Kaminski dafür zuständig, die Asylsuchenden angemessen zu betreuen und die vielzitierte Willkommenskultur – gemäß den gesetzlichen Vorgaben - umzusetzen.

Reiner KaminskiReiner Kaminski (© Pier53)
Der Beamte betont jedoch mehrfach, wie notwendig es seiner Meinung nach ist, das Ausländerrecht zu modifizieren. Als mindestens ebenso elementar wie staatliche Leistungen bewertet er das gesamtgesellschaftliche Engagement für Flüchtlinge. Dass sich genau dieses Engagement nicht erzwingen lässt, sondern nur von den Bürger/innen vor Ort ausgehen kann, erlebt er allerdings täglich. Wenn sich Anwohner/innen wie in Appel durch die Anwesenheit von Flüchtlingen bedroht fühlen, ist Kaminski als Vermittler gefragt: Er muss eine Eskalation verhindert, indem er versucht, die Interessen des Staates, der Flüchtlinge und der Anwohner/innen auszugleichen. Sein langfristiges Ziel ist es, ein gesellschaftliches Klima herzustellen, in dem die Anwohner/ innen den Flüchtlingen Empathie und Hilfsbereitschaft entgegen bringen. Bis dahin kann es jedoch ein langer Weg sein, auf dem Kaminski immer wieder auch persönlich zum Zielpunkt von Aggressionen wird.

Heimat Deutschland? Verschiedene Perspektiven auf ein begehrtes Gefühl



Die Mitwirkenden in „Willkommen auf Deutsch“ sprechen über ihre Heimat bzw. den Heimatverlust. Dabei messen alle – Flüchtlinge wie Alteingesessene – der Heimat einen hohen Wert zu. Viele Alteingesessenen sehen die Flüchtlinge, die auf der Suche nach einem neuen Zuhause nach Deutschland kommen, jedoch als Bedrohung der eigenen Heimat an.

Die Angst vor „Überfremdung“ zeigt sich im Film am deutlichsten bei Hartmut Prahm, dem Vorsitzenden der Bürgerinitiative. Er schätzt an Appel nicht nur die Ruhe und Beschaulichkeit, sondern auch die Tatsache, dass er in dem kleinen Ort selbst Einfluss auf die Gestaltung seiner Lebensumstände hat. Die geplante Asylunterkunft beunruhigt ihn nicht nur wegen der Flüchtlinge, sondern auch weil er sich von den politischen Entscheidungsträgern übergangen fühlt.

Das Beispiel veranschaulicht, dass es häufig vor allem an persönlichen Kontakten zwischen Anwohnern und Neuankömmligen mangelt. Wie in der Kontakttheorie beschrieben, wären allerdings gerade solche Begegnungen geeignet, um die vorhandenen Ängste in der Bevölkerung abzubauen. Ohne persönliche Erfahrungen können abstrakte Statistiken über steigende Asylbewerberzahlen – unterstützt durch eine dramatisierende Medienberichterstattung – durchaus das Gefühl erzeugen, dass der eigene Status Quo bedroht ist.

Wie wichtig persönliche Begegnungen sind, veranschaulicht der Film anhand von Ingeborg Neupert. Für sie war Zuwanderung lange kein Thema – in der niedersächsischen Kleinstadt gab es schließlich kaum Flüchtlinge oder Migranten. Erst als sie durch die massive Abwehr gegen Larisas Familie aufgeschreckt wurde, begann sie, sich mit dem Thema Asyl zu beschäftigen.

Durch ihren direkten Kontakt mit der Familie registrierte sie, wie sehr der Verlust der Heimat die Psyche der ganzen Familie beeinträchtigt hat. Besonders die Tatsache, dass Larisa trotz der schwierigen Umstände gern mit ihrer Familie in Tespe bleiben möchte, machte ihr bewusst, wie groß die Sehnsucht der jungen Tschetschenin nach einer neuen Heimat ist.

Es ist nicht ohne Ironie, dass Larisa – ähnlich wie Hartmut Prahm – an Deutschland vor allem die Ruhe gefällt. Genau daran müssen sich Malik und Abida aus Pakistan erst noch gewöhnen. Sie realisieren schon kurz nach ihrer Ankunft, wie groß die kulturellen Unterschiede zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat sind – besonders der Kontakt und der Austausch mit anderen Menschen fehlt ihnen in Tespe. Anders als Larisa, die sehr scheu ist und die Wohnung nur selten verlässt, macht sich das Ehepaar schon kurz nach seiner Ankunft auf den Weg, um in einer nahen Kirchgemeinde mit Einheimischen und anderen Migranten ins Gespräch zu kommen. Beide gehen selbstbewusst auf Fremde zu und reflektieren die kulturellen Unterschiede zwischen ihrer alten und ihre neuen Heimat.

Vielfalt als Chance und Intergration als Notwendigkeit



Malik und Abida haben in ihrer Heimat beide in leitenden Positionen in Nichtregierungsorganisationen gearbeitet. Sie sind Akademiker und sprechen mehrere Sprachen fließend. Damit gehören sie ohne Zweifel in die Kategorie der gutausgebildeten Zuwanderer, um die der deutsche Staat seit einigen Jahren mit verschiedenen Kampagnen wirbt. Spätestens mit dem Migrationsbericht 2014hat sich die Einsicht manifestiert, dass Deutschland in Zukunft noch wesentlich mehr Zuwanderung benötigen wird, da unser Renten- und Sozialsystem aufgrund des demografischen Wandels nicht mehr ohne ausländische Arbeitskräfte finanzierbar sein wird.

Abgesehen von der Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen, den Zuwanderer für unser Gemeinwesen haben, wirft „Willkommen auf Deutsch“ die grundsätzliche Frage auf, wie Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen in Deutschland integriert werden können. Der Film macht deutlich, dass Integration nicht verordnet werden kann. Eine Willkommenskultur, die es den Ankommenden so einfach wie möglich macht, sich hier heimisch zu fühlen, kann nicht gegen den Willen der Bevölkerung, sondern nur mit der Unterstützung der Einheimischen entstehen. Eine vorausschauende und transparente Unterkunftsplanung ist ebenso wichtig wie der gezielte Aufbau von Strukturen, in denen sich Einheimische und Neuankömmlinge begegnen können.


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