"Willkommen auf Deutsch" Titelbild

Zur Filmsprache


19.2.2016
Die 21-jährige Larisa ist mit ihrer Mutter und ihren fünf jüngeren Geschwistern aus Tschetschenien nach Deutschland gekommen, um Asyl zu beantragen.Die 21-jährige Larisa ist mit ihrer Mutter und ihren fünf jüngeren Geschwistern aus Tschetschenien nach Deutschland gekommen, um Asyl zu beantragen. Nach der Ankunft wird die Mutter aufgrund psychischer Probleme ins Krankenhaus eingeliefert. Larisa muss allein die Verantwortung für ihre fünf jüngeren Brüder übernehmen. Mittlerweile ist Larisa mit ihrer Familie seit mehr als zweieinhalb Jahren in Deutschland und wartet trotzdem noch auf eine Entscheidung über ihre Asylanträge. Sie arbeitet derzeit auf der Grundlage einer Art Ein-Euro-Job in einem Kindergarten, was ihr viel Spaß macht. Aber die Sorge, dem Asylantrag könnte nicht stattgegeben werden, beherrscht die Familie nach wie vor. Immer wieder haben Larisa, ihre Mutter und zwei der Brüder schwere psychosomatische Beschwerden. (© Pier53)

Jedem (s)eine Stimme geben und trotdem Stellung beziehen - Die Erzählhaltung



Hauke Wendler und Carsten Rau haben sich bereits mehrfach mit den kontroversen Themen Migration und Integration auseinander gesetzt. In ihrem preisgekrönten Vorgängerfilm Wadim erzählten sie die dramatische Geschichte eines Jugendlichen, der nach seiner Abschiebung aus Deutschland kein Zuhause mehr fand und sich schließlich das Leben nahm. Damals konzentrierten sich die Regisseure auf die Perspektive der Familie des Opfers. Doch als sich im Sommer 2013 die Anwohner/innenproteste gegen die Einrichtung von neuen Flüchtlingsunterkünften häuften, entschlossen sie sich, nun auch die andere Seite in den Blick zu nehmen. Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms "Willkommen auf Deutsch" stehen deshalb nicht allein Flüchtlinge, die in Deutschland eine neue Heimat suchen, sondern auch diejenigen, die sich gegen die Aufnahme dieser Menschen in ihrer Nachbarschaft wehren. Ganz bewusst wählten Rau und Wendler als Ort ihrer filmischen Untersuchung keinen sozialen Brennpunkt, sondern suchten "vor der eigenen Haustür" nach Beispielen.

Obwohl die Regisseure nicht Meinung aller Protagonist/innen teilen, bemühen sie sich um eine ausgewogene Darstellung der verschiedenen Perspektiven auf das Thema. Den eigenen Standpunkt vermitteln sie durch verschiedene dramaturgische und filmästhetische Mittel, so dass spür bar bleibt, dass ihre Sicht auf das Thema sich teilweise stark von dem unterscheidet, was vor der Kamera gesagt – oder nicht gesagt wird.

Die scharfen Proteste gegen die Ansiedlung der tschetschenischen Familie in Tespe waren bei Drehbeginn bereits abgeebbt. Als das Filmteam vor Ort eintraf, wollte niemand vor der Kamera wiederholen, was bei der Bürgerversammlung gesagt worden war. Sichtbar waren "nur" noch die Folgen der Feindseligkeiten für die Familie, die noch lange mit dem Gefühl kämpfen musste, in Tespe unerwünscht zu sein. Die Regisseure nahmen sich viel Zeit, Larisa die Lage ihrer Familie beschreiben zu lassen, um bei den Zuschauenden Sympathie für sie zu erzeugen. Im Gegensatz dazu werden die beiden Mütter aus Appel, die sich in der Bürgerinitiative engagieren, nur schlaglichtartig gezeigt, so dass die von Ihnen artikulierten Ängste eher übertrieben und haltlos wirken.

Reiner Kaminski bei einer BesprechungReiner Kaminski bei einer Besprechung (© Pier53)

Als Vertreter der Behörden war Rainer Kaminski für die Thematik des Films unverzichtbar und daher investierten die Regisseure einiges an Überzeugungsarbeit, um ihn zur Teilnahme zu bewegen. Da der Beamte bereits schlechte Erfahrungen mit anderen Medien gemacht hatte, stand er der Idee zunächst ablehnend gegenüber, wurde dann aber doch zu einem der wichtigsten Protagonisten des Films. An seiner Person verdeutlicht der Film, in welcher Zwickmühle sich Staatsbeamte befinden können: Sie sind verpflichtet, die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen, selbst dann, wenn sie sie kritikwürdig finden.

Ebenso eloquent wie Kaminski, aber deutlich weniger medienscheu war Hartmut Prahm. Der Kopf der Bürgerinitiative in Appel spricht aus, was seiner Meinung nach die "schweigende Mehrheit" denkt, vermeidet aber meist offen rassistische Statements. Erst dadurch, dass ihn die Regisseure seine Gedanken wirklich zu Ende führen lassen, wird deutlich, wie vorurteilsgeprägt seine Meinung ist. Dieser Eindruck wird auch durch den gezielten Einsatz der beschwingten Filmmusik verstärkt. So erscheint Prahm manchmal fast wie eine tragische Gestalt, wenn er, begleitet von pointierten Klängen, allein mit dem Filmteam durch die leeren Straßen Appels läuft.

Die unterschiedlichen Figurenkonstellationen machen "Willkommen auf Deutsch" zu einem politischen Plädoyer für einen offenen, toleranten Umgang mit Flüchtlingen, ohne zu unterschlagen, dass es auch andere Sichtweisen gibt. Statt die im Film geäußerten Vorurteile ("…die wollen es sich hier bei uns nur leichter machen…") mit großer Geste politisch zu entkräften, werden die teilweise stereotypen Ausdrücke von Fremdenfeindlichkeit leise und humorvoll ad absurdum geführt.

Die Menschen ins Bild setzen - Mis en Scene



Das Team begleitet die Mitwirkenden des Films meist auf ihren alltäglichen Wegen. Klassische Interviews sind die Ausnahme, stattdessen werden die Mitwirkenden in ihrem Umfeld aufgenommen. Dadurch wird das Gefühl vermittelt, man erlebe die Menschen so, wie sie ihren Alltag bestreiten. So zeigt die Kamera Hartmut Prahm häufig bei Spaziergängen durch Appel und im Gespräch mit seinen Mitstreitern. Trotzdem erfahren wir – anders als bei den Flüchtlingen – wenig Privates von ihm. In diesem Film ist Prahm der Vertreter der Bürgerinitiative: ein Mann mit einer Mission, immer im Dienst der Sache unterwegs.

Bei Rainer Kaminski beschränkt sich der Film auf seinen Arbeitsalltag, er wird als korrekter und ausgesprochen zielstrebiger Mensch gezeigt. Immer wieder konzentriert sich der Bildausschnitt auf seine tippenden Finger oder die klackenden Ledersohlen, die zügig die blanken Amtsflure entlang eilen.Mit diesen Detailaufnahmen wird Kaminski zum Inbegriff des Staatsbediensteten stilisiert. Sein Plädoyer für einen offeneren Umgang mit Flüchtlingen steht dazu nur auf den ersten Blick im Widerspruch. Kaminski wird im positiven Sinn als "Überzeugungstäter" gezeigt, der ganz in seinem Job aufgeht.

Die Mitwirkenden des Films sind sich die ganze Drehzeit über bewusst, dass sie vor einer Kamera agieren. Das gilt vor allem für die Flüchtlinge, die sich in einer Ausnahmesituation befinden. Mitten im laufenden Asylverfahren müssen sie davon ausgehen, dass alles, was sie im Film sagen und tun, die Entscheidung der Behörden beeinflussen könnte. Dass sie dennoch bereit waren, am Film mitzuwirken, zeugt von großem Vertrauen in das Filmteam. Das gilt vor allem für Malik und Abida, die die Regisseure zufällig kurz nach ihrer Ankunft auf dem Flur der Harburger Sozialbehörde trafen. Die Pakistaner waren schon nach einem kurzen Gespräch bereit, sich während ihrer ersten Tage in Tespe filmen zu lassen.

Sowohl Malik und Abida, aber auch die Gruppe albanischer Flüchtlinge sind im Film meistens "auf Achse" zu sehen. Das liegt nicht nur daran, dass sie gerade auf dem Weg zu einer neuen Unterkunft in Deutschland waren und ihr gesamtes Hab und Gut bei sich trugen. Gleichzeitig sind Malik und Abida auch sehr offenen Menschen, die sofort nach ihrer Ankunft den Kontakt zu anderen Menschen suchten. Larisa und ihre Familie scheinen es hingegen zu genießen, nach der langen und beschwerlichen Flucht in Tespe endlich einen Rückzugsort gefunden zu haben. Daher wird die Wohnung auch immer wieder ins Bild gesetzt.

Die rüstige Ingeborg Neupert ist schließlich die Person, die zwischen den Welten pendelt. Sie ist sowohl in der unsicheren Welt der Flüchtlinge ein Stück weit "zu Hause“, lebt aber gleichzeitig auch ihren normalen Alltag in ihrer kleinen Wohnung in Tespe. Wenn die Kamera sie beim Spazierengehen begleitet, erinnert ihre Heimatverbundenheit sogar an Hartmut Prahm.
Ingeborg Neupert recherchiertIngeborg Neupert recherchiert (© Pie53)



Mit Bildern erzählen - Die Kameraarbeit



Die grundsätzliche Entscheidung, in welcher Umgebung oder vor welchem Hintergrund die Mitwirkenden des Films abgebildet werden, treffen Regisseure und Kameraleute meistens vor Beginn der Dreharbeiten. Häufig muss die Bildgestaltung allerdings an die Gegebenheiten am Drehort angepasst werden.

Neben der Hauptkamera, die sich darauf konzentriert, den oder die Handelnden im Blick zu behalten, werden oft sogar weitere Kameras eingesetzt, die einerseits das Geschehen aus einer anderen Perspektive aufnehmen, andererseits sogenannte Schnittbilder produzieren, die später in der Montage zur Verbindung zweier ähnlicher Einstellungen (zum Beispiel eines Gesprächs) in der Kombination mit einem anderen Bild genutzt werden. Gerade durch den Einsatz solcher Schnittbilder (beispielsweise die Detailaufnahme der tippenden Hände Kaminskis) kann ein Film eine visuelle Erzählung entwickeln, die die gesprochenen Worte illustriert oder hinterfragt.

Schachid schreibtSchachid schreibt (© Pier53)

Im Falle von "Willkommen auf Deutsch" werden häufig ähnliche Bilder benutzt, um die verschiedenen Erzählstränge miteinander zu verknüpfen. Wenn Hartmut Prahm aus seinem Wohnzimmerfenster in den Regen schaut und erzählt, dass es früher schwieriger war, sesshaft zu werden als heute, blickt in der nächsten Einstellung Larisa ebenfalls aus dem Fenster ins Unwetter – und sinniert möglicherweise über ihre Schwierigkeiten, in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Während Prahm seine gepflegten Finger zufrieden über dem Bauch verschränkt, werden in einer folgenden Szenen die bis auf die Haut herunter gekauten Fingernägel von Schachid, Larisas 16-jährigem Bruder, gezeigt. Zeitgleich spricht Larisa über die schwierige Situation der Familie und ihre große Angst vor der Abschiebung.

In beiden Sequenzen werden Verbindungen zwischen den Einstellungen hergestellt, ohne dass dafür auch nur ein einziges Wort benutzt wird. Der Kameramann Boris Mahlau filmt häufig kleine Details, die eine große Bedeutung in sich tragen können. Zum Beispiel rückt er mit der Spitzengardine wiederholt ein sehr deutsches Einrichtungsutensil in der Wohnung der tschetschenischen Familie in den Fokus. Im ersten Teil des Films zupft Larisa die Gardine immer wieder zurecht, während sich ihr sorgenvoller Blick nach draußen richtet – die Gardine ist dabei im übertragenen Sinne eine Art durchlässige Grenze zwischen innen und außen. Als ihre Mutter schließlich endlich wieder zu Hause ist, übernimmt sie Larisas Rolle – der Film versinnbildlicht dies durch die gleiche Geste an der Gardine, die in der Zwischenzeit filmisch aufgeladen wurde.

Oft werden die Bezüge zwischen Bildern oder zwischen Text und Bild auch von der Regie selbst erst während der Sichtung des gedrehten Materials entdeckt. Je sublimer und versteckter diese Bezüge sind, desto schwieriger erschließen sich diese "sprechenden Bilder" im fertigen Film. Im besten Fall ergänzen sich die unterschwelligen Bezüge und die Erzählung des Films, so dass sich die Komposition von Szenen ausnimmt wie ein natürlicher Fluss.

Den eigenene Blickwinkel finden - ohne Kommentar, aber mit Musik



Auf einen Kommentar, der in vielen TV-Dokumentationen obligatorisch ist, verzichten Rau und Wendler. Die Interpretation des Films wird so weit wie möglich den Zuschauenden überlassen.

Gerade weil Dokumentarfilmer die Wirklichkeit künstlerisch bearbeiten (z.B. durch die Auswahl bestimmter Szenen, die Montage oder auch den Einsatz von Musik) und damit die Realität unvermeidbar subjektiv gestalten, sollte diese Prägung nicht noch durch den Kommentar verstärkt werden, meint der Regisseur Wendler.

Mündige Zuschauende, so Wendler, können sich ihre eigenen Gedanken zu dem Gesehenen und Gehörten machen. Diese eigenen Erkenntnisse wirken weitaus nachhaltiger als ein Kommentar, der vorgibt, wie die Bilder zu interpretieren sind.

Eine Herausforderung für die Regie ist der Verzicht auf einen Kommentar besonders dann, wenn es darum geht, komplexe Problemlagen zu erklären. Rau und Wendler stießen an ihre Grenzen, als sie die prekäre Situation von Larisas Familie erklären wollten. Warum ihnen eine Abschiebung nach Polen droht, verstanden Larisa und ihre Mutter zunächst selbst nicht ganz. Schließlich arbeitete sich Ingeborg Neupert mühsam in die Rechtslage ein und erklärt im Film, wie die Gesetze lauten und auf welche Weise sie umgesetzt werden. Für Rau und Wendler war dies eine gute Möglichkeit, um die schwierige politische Situation von Larisas Familie im Film transparent zu machen.

Recht ungewöhnlich ist die Filmmusik, die Sabine Wortmann für den Film komponiert hat. Die lebhafte Musik, die unter anderem mit Marimba, Vibraphon, Xylophon eingespielt wurde, gibt dem Film eine große Leichtigkeit und erinnert an Slapstick-Komödien der 1930er-und 1940er-Jahre. Damit ergibt sich ein deutlicher Kontrast zur inhaltlichen Schwere des Themas. Die Filmemacher wollten mit der Wahl der Musik ganz bewusst einen Kontrapunkt setzen und signalisieren, dass trotz der scheinbar unvereinbaren Positionen im Streit um Zuwanderung und Integration eine positive Einigung denkbar ist.


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