Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965
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Zwischen Sieg und Niederlage

Zur psychischen Gesundheit im Profifußball


18.6.2014
Der Tod des Nationalspielers Robert Enke löste Bestürzung aus. Über Depression und Burnout wurde in der Öffentlichkeit zum ersten Mal diskutiert. Unter welchen Belastungen stehen die Spieler? Wo setzen präventive Maßnahmen an? Wie gefährlich ist Schmerzmittelkonsum?

Mame Diouf von Hannover 96 nach NiederlageUnangenehme Stimmungslagen müssen von Spielerinnen und Spielern angemessen bewältigt werden, damit sie sich nicht verstetigen und so die psychische Gesundheit nachhaltig schädigen. Mame Diouf von Hannover 96 nach Niederlage (© imago/Claus Bergmann)


Positive Effekte von Fußball auf die psychische Gesundheit



Sport kann positive und negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Diese beiden Seiten vorab zu erwähnen ist insbesondere wichtig, da das mediale und gesellschaftliche Bild des Profifußballs bezogen auf die psychische Gesundheit eher negativ geprägt ist. Fälle wie Robert Enke (Depression) und Ralf Rangnick (Burn-out) sind aus Sicht der Medien offensichtlich ertragreicher, als über Profifußballer zu schreiben, die in ihrer Persönlichkeit und ihrer psychosozialen Entwicklung vom Fußball profitieren. Allerdings – und hier sollte niemand die Augen verschließen –, je leistungsorientierter die Sportaktivität ausgerichtet ist, desto stärker gesellen sich zu diesen Schutzmechanismen des Sports auch psychisch schädigende Komponenten[1].

Das positive Potenzial von Sportaktivität für die Entwicklung der psychischen Gesundheit ist aus der Forschung im Bereich des Freizeit- und Gesundheitssports bekannt und muss vom Grundsatz her auch im Leistungssport angenommen werden. Es ist darüber hinaus ein wissenschaftlich gut gesicherter Fakt, dass Sportaktivität Schutzfaktoren gegen die Entwicklung von psychischen Störungen beinhaltet.[2] Insbesondere kann sich durch Sportaktivität die Widerstandsfähigkeit gegen äußere Stressoren stärken, es kann ein positives Selbstbild entstehen und gesundheitsrelevante Einstellungen und Überzeugungen können sich positiv entwickeln. Leider gibt es kaum Untersuchungen, die sich diesen positiven Effekten speziell im Bereich des (Profi-)Fußballs oder auch des Leistungssports widmen. Vereinzelte Studien zeigen verbesserte gesundheitsrelevante Verhaltensweisen (zum Beispiel Schlafqualität, Stressbewältigung; Brand u. a. 2010) und überwiegend positive Selbstwahrnehmungen[3] von Fußballerinnen und Fußballern (in der Leistungsspitze des Nachwuchses). In der Erforschung der positiven Effekte des Leistungssports auf die psychische Gesundheit besteht jedoch ein großes Forschungsdefizit.

Die positive Entwicklung der Persönlichkeit im Fußball ist grundlegend

Für den Fußballsport und für die hier aktiven Trainer und Betreuer (zum Beispiel Physiotherapeuten, Sportpsychologen, Ärzte) sollte die Entwicklung der psychischen Gesundheit ein wichtiges Ziel des täglichen Arbeitens sein. Dieses Ziel besteht einerseits aus der Förderung der oben beschriebenen Komponenten (das heißt Stressresistenz, Selbstbild, Einstellungen). Andererseits erscheint diesen Komponenten übergeordnet die positive Entwicklung der Persönlichkeit im Fußball[4], was als eine grundlegende und übergeordnete Bedingung für psychische Gesundheit gelten kann.[5] Persönlichkeitsbildung bedeutet in dieser Hinsicht, dass sich alle Aspekte des Erlebens und des Verhaltens "zu einer Einheit integrieren, dass sie sich auf ein Ich beziehen".[6] Je stimmiger und in sich passender diese Integration stattfindet, desto stärker ist psychische Gesundheit ausgeprägt.

Unter Berücksichtigung des positiven Potenzials und der angenommenen negativen Einflüsse des Leistungssports (so auch im Profifußball) auf die psychische Gesundheit (wie in den folgenden Abschnitten beschrieben) besteht in der Summe vermutlich ein ausgewogenes Verhältnis von positiven und negativen Einflüssen. Daher unterscheiden sich häufig Leistungssportler und Nichtsportler nicht in Hinsicht auf die Häufigkeit psychischer Krankheitssymptome[7]. Oder anders: Profisportler sind weder "hochgesund"[8] noch übermäßig betroffen von psychischen Problemen. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, die psychosozial belastenden Faktoren im Profifußball zu kennen und zu thematisieren[9], statt sie unbeachtet zu lassen[10]. Nur eine Thematisierung dieser psychosozialen Belastungsfaktoren kann ihren negativen Einfluss auf Gesundheit, Leistung und Persönlichkeitsentwicklung mindern und die Effekte positiver Einflüsse hiermit stärken. Zugleich lassen sich aus der Betrachtung von Belastungen und Krankheitsprozessen auch wichtige Konsequenzen für die Förderung der psychischen Gesundheit im Profifußball ableiten.

April 1979: Gute Laune beim Training des 1. FC Nürnberg, u.a. mit Torwart Manfred Müller (2.v.li.), Horst Weyerich (2.v.re.) und Alfred Steinkirchner (re.).April 1979: Gute Laune beim Training des 1. FC Nürnberg, u.a. mit Torwart Manfred Müller (2.v.li.), Horst Weyerich (2.v.re.) und Alfred Steinkirchner (re.). (© imago/Kicker/Liedel)


Übersicht

In den folgenden Abschnitten werden daher

  1. die psychosozialen Belastungen des Profifußballs dargestellt,
  2. die psychischen Erkrankungen beschrieben, die es (auch) im Profifußball gibt,
  3. Wege zur Förderung der psychischen Gesundheit sowie
  4. Möglichkeiten zur Prävention und Früherkennung psychischer Erkrankungen aufgezeigt


Gefährdung der psychischen Gesundheit im Profifußball und im Leistungssport



Stressreaktionen und Befindlichkeitsstörungen im Fußball und im Leistungssport

Das Befinden (zum Beispiel die Stimmungslage oder das körperliche Gefühl) des Leistungssportlers ist das entscheidende Indiz dafür, ob Belastungen bewältigt werden können oder nicht. Wenn sich Profifußballer oder andere Athleten über längere Zeiträume körperlich oder psychisch schlecht fühlen, bedeutet das zumeist, dass entweder bereits körperliche oder psychische Erkrankungen vorliegen oder zumindest gegebene körperliche, psychische oder soziale Belastungen nicht angemessen bewältigt werden.[11] Hierbei gibt es keine eindeutige Zuordnung zwischen der Art der Belastung und der Form des Missbefindens. Das heißt, psychische Belastungen können ebenso zu körperlichen Befindlichkeitsstörungen führen wie körperliche Belastungen psychisches Missbefinden auslösen können. Schließlich können sich auch soziale Problemlagen sowohl in körperlichen als auch in psychischen Schieflagen des Befindens bemerkbar machen.

Psychische Befindlichkeitsstörungen sind im Leistungssport keine Seltenheit. In einer eigenen Studie an 341 jugendlichen Spitzensportlern (hierunter auch Fußballer) hatte jeder zehnte Athlet überdurchschnittlich schlechte Befindlichkeitswerte – noch häufiger waren Erholungs- und Schlafprobleme.[12] Auch bei Fußballmannschaften ergeben sich ähnliche Ergebnisse.[13] Wenn auch nicht hinter jeder Befindlichkeitseinbuße eine ernst zu nehmende Störung liegt, so geben doch länger über eine Saison anhaltende Missbefindlichkeiten Anlass zur Abklärung.

Die Ursachen für Befindlichkeitsstörungen im Profifußball sind prinzipiell vergleichbar mit Störungsursachen in anderen Sportarten. Sie lassen sich der Literaturlage nach in fünf große, sich gegenseitig bedingende und überschneidende Hauptfaktoren unterscheiden.

Ursachen für Befindlichkeitsstörungen im Profifußball:

  • Erleben von Misserfolg
  • Soziale Bedingungen
  • Erholung bei hoher Belastung
  • Erleben und Bewältigen von Verletzungen
  • Organisatorische Bedingungen des Profisports


Misserfolg als psychisches Gesundheitsrisiko

Erfolg und Misserfolg spielen die größte Rolle im Rahmen von Befindlichkeitsveränderungen beim Fußball.[14] Gleichzeitig hiermit spielen auch die bloße Aussicht auf Erfolg oder Misserfolg und die hiermit verbundenen Ängste und Befürchtungen eine entscheidende Rolle für kurz- oder langfristige Befindlichkeitslagen. Angst vor Misserfolg (Misserfolgsorientierung) äußert sich häufig auch in der Angst vor Fehlern, die vermutlich die bedeutsamste Stressursache im Profifußball ist.[15] Der Profistatus einer eines Spielers scheint hierbei jedoch den Untersuchungen nach kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil zu sein[16]: Profis und erfahrene Spieler lassen sich weniger von Misserfolgen entmutigen und zeigen weniger Angst vor Fehlern als Amateure oder unerfahrene Fußballer.

Unangenehme Stimmungslagen (Stressreaktionen wie zum Beispiel Angst, Ärger, Frustration) müssen von Spielern angemessen bewältigt werden, damit sie sich nicht verstetigen und so die psychische Gesundheit nachhaltig schädigen. Unterschiedliche Verhaltensweisen, Strategien oder Techniken helfen im Profisport bei der Bewältigung von Stressreaktionen.

Im internationalen Frauenfußball werden laut einer Untersuchung von Holt (2002) sehr unterschiedliche Stressbewältigungstechniken verwendet. Die Bandbreite reicht von kognitiven Techniken (zum Beispiel Umbewertung von Belastungen) über Nutzung sozialer Unterstützung (zum Beispiel Familie) und Verhaltensänderungen (zum Beispiel Kommunikation mit dem Trainer) bis hin zum Ausblenden von Stressoren ("Blocking”)[17]. Insbesondere bei Leistungsdefiziten und Versagen ist Bewältigung schwer, da hier die Aufmerksamkeit der Spieler besonders auf Ist-Soll-Diskrepanzen liegen[18] – abschalten ist dann besonders schwierig. Problematisch erscheint vor allem, dass bereits bei jungen Athleten nicht selten (13 Prozent) ungünstige Bewältigungsformen vorliegen[19].

Bewältigungsprozesse entscheiden nicht nur darüber, ob Belastungen zu einer Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit führen, sondern auch darüber, wie sich hohe Stressbelastung – zum Beispiel Angst – auf die Leistung auswirkt. Weil allerdings Bewältigung in der Untersuchung von Angstfolgen zumeist ausgespart wird, sind die Ergebnisse zu Zusammenhängen zwischen Angst und Leistung in der Fußballforschung uneinheitlich[20].

Soziale Beziehungen und Konflikte als psychisches Gesundheitsrisiko

Von den Ursachen für Befindlichkeitsstörungen besitzen soziale Aspekte von Training und Wettkampf einen besonderen Stellenwert, das heißt, die Beziehungen zum sportlichen und außersportlichen sozialen Umfeld prägen in hohem Maße sowohl Zufriedenheit und Wohlbefinden als auch emotionale Störungen und Missbefinden. Auch in der Fußballstudie von Gerisch (1995) lösten soziale Faktoren (zum Beispiel Traineranwesenheit, soziale Verantwortung, Zuschauer, Gegnermerkmale) die stärksten psychischen Reaktionen aus. In negativer Hinsicht sind diese Reaktionen beispielsweise gekennzeichnet durch Gefühle von Ausgrenzung, Abwertung oder sozialem Druck und hiermit individueller Angst (beispielsweise Angst vor Verlust des Stammplatzes, vertragliche Unsicherheit, Angst vor sozialer Ausgrenzung)[21]. Häufig spielt die Befürchtung vor negativer Bewertung durch die Trainer eine besondere Rolle, was sich beispielsweise dadurch zeigt, dass Trainingsspiele zu Saisonbeginn (das heißt in Phasen, in denen die Stammelf bestimmt wird) teils höher mit Angst verbunden sind als spätere Wettkampfspiele[22]. In positiver Hinsicht kann die Interaktion und Kommunikation mit anderen Menschen aber auch emotional entlastend sein, wenn Unterstützung, Hilfestellung und soziale Nähe wahrgenommen werden.

Im Profifußball sind soziale Beziehungen sehr vielschichtig strukturiert. Sie lassen sich unterteilen in das enge sportliche Umfeld (Betreuer, Mannschaftskollegen), das enge außersportliche Umfeld (Eltern, Partner, Freunde) sowie in das weitere soziale Umfeld innerhalb und außerhalb des Sports (Sportdirektor, Bekannte, Fans, mediale Öffentlichkeit).

Der Einfluss dieser Beziehungsebenen auf die psychische Gesundheit ist abhängig von der Nähe, die die Spieler zu den betroffenen Personen wahrnehmen, und von der Bedeutung des Themas, das sich zwischen den beteiligten Personen ausspannt. So können beispielsweise scheinbar unwichtige Dinge Auswirkungen haben, wenn diese eine sehr enge Beziehung (zum Beispiel zu einem guten Teamkollegen) betreffen; ebenso kann eine eher schwache Beziehung (zum Beispiel zu den Fans) durch einen bedeutsamen Gegenstand (wie den Stolz und das Selbstbild des Spielers) hohe Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben.

Juli 2013: Trainer Benno Möhlmann (FSV Frankfurt) tröstet nach Niederlage gegen TSV 1860 München einen seiner Spieler, der sein Gesicht unter seinem Trikot versteckt.Juli 2013: Trainer Benno Möhlmann (FSV Frankfurt) tröstet nach Niederlage gegen TSV 1860 München einen seiner Spieler, der sein Gesicht unter seinem Trikot versteckt. (© imago/Sven Simon)


Im Leistungssport im Allgemeinen und im Profifußball im Speziellen sind Trainer-Athlet-Beziehungen für die psychische Verfassung besonders wichtig[23]. Sowohl Wohlbefinden als auch Missbefinden (bis hin zu psychischen Problemen) sind von dieser bedeutsamen Beziehung abhängig. Dies gilt vermutlich besonders für den Nachwuchsbereich und für weibliche Athletinnen beziehungsweise Fußballerinnen[24]. Das emotionale Potenzial dieser Beziehung wird gerade auch im Profifußball nach außen hin (das heißt durch Medienberichte) oft deutlich – hierbei sind Zuneigung und eine positive Beziehung nicht seltener als Ablehnung und Konflikte. Konflikte in der Trainer-Spieler-Beziehung[25] hängen im Spitzenfußball häufig damit zusammen, dass Spieler sich nicht genügend beachtet fühlen oder nicht spielen dürfen. Die Beziehungsqualität zwischen Trainer und Spieler entscheidet dann darüber, wie der Athlet mit dem Reservistendasein umgeht[26].

Für die psychische Verfassung des Spielers – und hiermit langfristig für seine psychische Gesundheitslage – ist entscheidend, wie Trainer und Betreuer ihre Maßnahmen vermitteln und begründen. So sind Leistungsanforderungen und andere Entscheidungen von Trainern sowie Betreuern dann besonders belastend (ärgerlich, traurig), wenn sie nicht klar und transparent sind und hiermit nicht gerechtfertigt, sondern willkürlich erscheinen[27]. Zugleich steigt die Belastung der Spieler, wenn die Entscheidungen oder Anforderungen der Betreuer nicht zu den eigenen Ansprüchen und Zielen passen[28]. Letztlich besitzt jede Unstimmigkeit zwischen dem eigenen Selbstbild und dem wahrgenommenen Fremdbild ("so sieht der Trainer mich") ein hohes Belastungspotenzial[29].

Neben den Trainer-Spieler-Verhältnissen ist auch das Mannschaftsgefüge positiv sowie negativ für Stimmung und Befinden der Spieler verantwortlich[30]. In der Studie von Gerisch (1995) erwies sich eine schlechte "Kameradschaft" in Fußballmannschaften als mit wichtigster Faktor für schlechte Stimmung und Missbefinden der Spieler. Im Rahmen einer solchen schlechten Kameradschaft kann Konkurrenzdruck als Ausdruck eines negativen "peer climate" sogar Ursache von psychosozialen Störungen sein[31]. Wenn also Mitspieler bei Erfolg nicht mit Wertschätzung, sondern mit Neid und Missgunst reagieren, kann dies "subjektiv als schwere Last und kaum zu bewältigende Anforderung erlebt werden"[32]. Die Bedeutung des Teamzusammenhalts[33] ist auch bei Misserfolgen hoch. Je nach Ausmaß der Kameradschaft reagieren dann Mitspieler entweder mit Ausgrenzung und Abwertung oder mit Verständnis und Unterstützung.

Erholungsdefizite als psychisches Gesundheitsrisiko

Erholung und Regeneration bei hohen Belastungen steuern das Befinden von Athleten sowohl aus körperlicher als auch psychischer Sicht. Die Öffentlichkeit thematisiert solche Erholungsprozesse typischerweise im Zusammenhang mit "englischen Wochen" und mit Mehrfachbelastungen von Nationalspielern. Hinter dieser Debatte steht die Vorstellung, dass Trainings- und Wettkampfumfänge in einem angemessenen Verhältnis zu Erholungs- und Regenerationsphasen liegen müssen.[34] Was "angemessen" ist, entscheiden hierbei sowohl der Umfang und die Intensität der sportlichen Belastung als auch die Art der Belastung. Das heißt, ein emotional belastendes Derby bedarf andere Erholungszeiten als eine körperlich gesehen gleiche Belastung im Training. Optimale Erholung gleicht daher nicht nur körperliche, sondern auch psychische und soziale Beanspruchungen aus.

Körperliche- und psychische Prozesse sind beim Thema Erholung eng verknüpft. Übertrainingssyndrome, wie sie sich beispielsweise bei länger andauernden hohen Trainingsbelastungen gepaart mit unzureichender Erholung einstellen, sind sowohl durch körperliches als auch psychisches Missbefinden geprägt[35] – dies zeigen auch Untersuchungen im Fußball.[36] Nicht selten ist sogar ein klinisch relevanter Abfall der Stimmung (zum Beispiel eine depressive Episode) zu beobachten.[37] Im Extremfall zeigt sich die körperliche Überbeanspruchung nicht nur als fußballerisches Fitnessdefizit[38], sondern sogar als "Acquired Training Intolerance"-Syndrom, welches meistens mit behandlungsbedürftigen Depressionswerten einhergeht.[39]

Aus Sicht von Fußballspielern treten bei der Gestaltung von Erholung häufig Probleme auf: In einer Untersuchung von Allmer konnten sich ein Drittel von 29 Bundesligaspielern nicht erholen, weil sie "das Spielergebnis noch lange beschäftigte", ihre "persönliche Leistung ihnen nicht aus dem Kopf ging" und sie "nicht durchschlafen konnten".[40] Insbesondere bei Misserfolg werden falsche Erholungsmaßnahmen gewählt (Regenerationsprobleme), und es ist nicht möglich abzuschalten (Distanzierungsprobleme).[41]

In der Erholungsdiskussion wird häufig außer Acht gelassen, dass nicht nur die Erholungszeit, sondern auch die Erholungsqualität angemessen sein muss.[42] Dies betrifft einerseits die körperliche Seite (aktive Regeneration zumeist besser als passive Regeneration), aber insbesondere auch den psychosozialen Erholungsprozesse. Es muss nämlich davon ausgegangen werden, dass stressinduzierte Burn-out- oder Depressionsphänomene überwiegend dadurch entstehen, dass in Erholungszeiten kein ausreichender emotionaler Ausgleich stattfindet.[43] Konkret heißt das, Misserfolgserlebnisse, Ängste oder Frustration können und müssen in Erholungsphasen dadurch ausgeglichen werden, dass Bedürfnisse nach Sicherheit, Kompetenz und sozialem Kontakt befriedigt werden.

Verletzungen als psychisches Gesundheitsrisiko

Lewis Holtby liegt verletzt auf dem Rasen
Verletzungen beeinträchtigen auch das psychische Wohlbefinden. (© picture alliance/Sven Simon )

Verletzungen sind vermutlich bei jedem Profispieler in mehr oder weniger starkem Umfang Teil der Karriere. Verletzungen gehen – neben den körperlichen Belastungen – mit teils hohen psychischen Belastungen einher.[44] Verletzungen beeinträchtigen somit nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit, sondern sind auch eine Beeinträchtigung des psychischen Wohlbefindens. Das Ausmaß der psychischen Beeinträchtigung geht von leichtem Missbefinden bis hin zu depressiven Verstimmungen, die insbesondere bei schweren, die Karriere bedrohenden Verletzungen auftreten[45]. In wenigen Fällen bestehen bei verletzten Athleten sogar schwere Depressionen mit Suizidgefahr[46]. Untersuchungen zum Stimmungs- und Befindlichkeitsverlauf im Fußball sind selten, zeigen aber dieselben Charakteristiken wie in anderen Sportarten[47].

Stimmungsveränderungen im Verlauf von Verletzungen hängen in hohem Maße mit der Wahrnehmung und Bewertung des körperlichen Zustandes und der Heilungsperspektive zusammen. Wenn sich nach Verletzungen das Gefühl körperlicher Stärke und körperlicher Selbstsicherheit wieder einstellt, gehen depressive Stimmungslagen zumeist zurück[48]. Daher ist bei der Behandlung von Verletzungen besondere Rücksicht auf die Wahrnehmung und Bewertung der körperlichen Verfassung und des Körpers insgesamt (Körperkonzept) zu legen[49].

Organisatorische Arbeitsbedingungen als psychisches Gesundheitsrisiko

Schließlich sind organisatorische Bedingungen des "Profilebens" unter Umständen relevant für die psychische Verfassung. Der Grund ist, dass organisatorische Bedingungen im Profisport (zum Beispiel im Fußball) häufig durch besondere Stress verstärkende Lebensumstände gekennzeichnet sind[50]. Hierzu gehören aus Sicht von Fußballspielern beispielsweise die Abwesenheit von Familie und Freunden sowie die langen Fahrten und häufigen Reisen.[51] Besonders im Jugendfußball, wo zu Training und Wettkampfbelastungen noch Schule und Ausbildung hinzukommen, ist die frei verfügbare Zeit und hiermit das Ausmaß an Selbstbestimmung und Autonomie stark eingeschränkt[52]. Aus der Sportforschung ist jedoch bekannt, dass gerade das Fehlen von Autonomie in hohem Maße mit Befindlichkeitsstörungen und Missbefinden einhergeht[53].


Fußnoten

1.
Hughes/Leavey 2012
2.
Ströhle u. a. 2007
3.
Kleinert u. a. 2006a
4.
Lobinger/Mickler 2009
5.
Grawe 1998
6.
Fisseni 1998, S. 5
7.
Donohue u. a.. 2004; Storch u. a. 2005; Hoyer/Kleinert 2010, S. 254
8.
Becker u. a. 1996
9.
wie zum Beispiel bei Schliermann/Hülss 2008
10.
wie zum Beispiel bei Dosil 2006
11.
vgl. Dowthwaite/Armstrong 1984; Man u. a. 1995, Rohweder/Jansson 1998a; Filaire u. a. 2001; Hermann 2006
12.
Kleinert 2010
13.
Kleinert u. a. 2006a; Kleinert/Steinbacher 2007
14.
Kleinert 2012
15.
Gerisch/Schlüter 1995; Holt/Hogg 2002, S. 259
16.
Gerisch/Schlüter 1995; Kleinert 2012, S. 97
17.
Holt/Hogg 2002
18.
Bruhn/Strauß 1990
19.
Kleinert 2010
20.
Scanlan/Passer 1978; Dowthwaite/Armstrong 1984; Rohweder 1986, Man u. a. 1995, Maynard u. a. 1995
21.
Holt und Hogg 2002
22.
Rohweder/Jansson 1998b
23.
Jowett 2005
24.
dies gilt vermutlich besonders für den Nachwuchsbereich und für weibliche Athletinnen beziehungsweise Fußballerinnen; Kleinert u. a. 2006a; Feldmann u. a. 2008; Pfeffer/Gallitschke 2008
25.
vgl. Treutlein u. a. 1989
26.
Fritsch/Weber 1991
27.
Fritsch/Weber 1991
28.
Kleinert/Mickler 2003; Kleinert 2010
29.
Fritsch/Weber 1991
30.
Eys u. a. 2003
31.
zum Beispiel von Alkoholproblemen oder Essstörungen; Storch u. a. 2005
32.
Hoyer/Kleinert 2010, S. 253
33.
Kohäsion; Kleinert u. a. 2012
34.
Kellmann 2002
35.
Kellmann 2002
36.
Venter u. a. 2010; Leyk u. a. 2012
37.
Armstrong/VanHeest 2002
38.
Erbas/Buchner 2012
39.
St. Clair Gibson u. a. 2006
40.
Allmer u. a. 2000a
41.
Allmer u. a. 2000b
42.
Allmer 1996
43.
Kleinert u. a. in Review
44.
Kleinert 2006
45.
Newcomer Appaneal u. a. 2009
46.
Smith/Milliner 1994
47.
Kleinert/Steinbacher 2009
48.
Smith u. a. 1990
49.
Kleinert 2002
50.
für den Fußball siehe Tabei u. a. 2012
51.
Gerisch/Schlüter 1995, S. 232
52.
Kleinert u. a. 2006b
53.
Blanchard u. a. 2009
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Autor: Jens Kleinert für bpb.de
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