Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965
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Hacke, Spitze, Tor

Spielästhetik, Spielsysteme und Jugendförderung


18.6.2014
Der deutsche Fußball galt als siegreich, aber wenig elegant. Doch der Stil hat sich verändert. Deutsche Tugenden wie Kampf und Einsatz weichen Technik und moderner Taktik. Gibt es verbindliche Kriterien, wann ein Spiel attraktiver ist als ein anderes? Wie wird die Jugendförderung organisiert?

Bewegte Tafel zeigt Mannschaftsaufstellung1920er Jahre: Präsentation der Mannschaftsaufstellung vor dem Spiel 1.FC Nürnberg gegen TSV 1860 München mittels einer bewegten Tafel. (© imago/Otto Krschak)


Wann gilt ein Spiel als attraktiv?



Das Sportspiel Fußball ist national wie international weitverbreitet und trägt seit Jahrzehnten einen Massencharakter, der "seinesgleichen"[1] sucht. Die zurückliegende UEFA EURO 2012 in Polen und der Ukraine hat das unlängst wieder bestätigt. Das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Italien sahen knapp 28 Millionen TV-Zuschauerinnern und -Zuschauer in Deutschland[2], indes das zweite Halbfinalspiel zwischen Spanien und Portugal sogar mit 18,1 Millionen TV-Zuschauerinnen und -Zuschauern und einem Marktanteil von 83,3 Prozent einen neuen Zuschauerrekord in Spanien aufstellte[3].

Der Statistik zufolge hat das Spiel weltweit eine hohe Anziehungskraft. Doch was macht ein Fußballspiel so attraktiv und massenkompatibel? Die einfachen Regeln und die damit einhergehende Möglichkeit, nahezu an jedem Ort mit einfachen Mitteln unkompliziert ein Spiel zu organisieren, erlauben es jedem, sich schnell ein eigenes Meinungsbild über die "Qualität" und die "Richtigkeit" des Spiels zu bilden. Ausreichend ist es, einen Ball oder einen ballähnlichen Gegenstand und zwei als Tor markierte Male zu verwenden, um ein Wettspiel durchzuführen. Dabei ist es auf einfachster Ebene nicht einmal notwendig, Spielfeldmarkierungen zu nutzen.

Auf der anderen Seite ist das Spiel multidimensional und deshalb für Trainer wie für Spieler gleichermaßen schwer zu erklären[4]. Die Interaktion von 22 Spielern unter- und gegeneinander sowie die Feldgröße sind Gründe für die stetig wechselnden Spielsituationen[5], in deren Folge sich ein Spiel selbst unter identischen Spielbedingungen nicht reproduzieren lässt[6]. Ist die Leistung einer Mannschaft systemtheoretisch noch binär (zweiteilig) in Sieg oder Niederlage zu messen, so sind doch Meinungen nicht selten konträr darüber, ob eine Mannschaft verdient oder unverdient gewonnen hat. Grund hierfür sind die unterschiedlichen Akzentuierungen auf die Teilzielspielideen.

Grundsätzlich geht es beim Sportspiel Fußball darum, Tore zu schießen und Tore zu verhindern. Insbesondere Letzteres wird häufig in der öffentlichen Wahrnehmung vergessen, womit die mangelnde Attraktivität von Spielweisen zu erklären ist, bei denen der Fokus vermehrt darauf gerichtet ist, Tore zu verhindern.

Quellentext

Huub Stevens

Die Null muss stehen!

Quelle: Die Welt" vom 04.03.1998



Huub Stevens als verantwortlicher Trainer des FC Schalke 04 prägte in der Saison 1996/97 den Ausspruch: "Die Null muss stehen!" und der der FC Schalke 04 gewann mit dieser Taktik überraschend den damaligen UEFA-Cup. Gleiches gilt unter aktuellerem Zeitbezug auch für das Beispiel des FC Chelsea in der UEFA Champions League 2011/12. In den beiden Halbfinalspielen, am 18. April 2012 in London und am 24. April 2012 in Barcelona, lag die relative Ballbesitzhäufigkeitsverteilung bei 28 Prozent zu 72 Prozent zugunsten des FC Barcelona[7], aber der FC Chelsea setzte sich mit einer defensiv eingestellten Taktik nicht nur gegen den Titelverteidiger durch, sondern konnte später auch das Finale in München gegen den FC Bayern München gewinnen. "Ungerecht, grausam, schrecklich, unverdient"[8], urteilte die spanische Presse über den Ausgang des Spiels in Barcelona.

Die Attraktivität eines Spiels obliegt demnach stets der Subjektivität der Betrachterin oder des Betrachters und scheint nicht mit dem Spielausgang zwingend einherzugehen, sondern vielmehr ist es wohl die Teilzielspielidee – Tore zu erzielen –, welche Attraktivität symbolisiert, denn ein 5 zu 5 wird anders wahrgenommen als ein 0 zu 0.

Wie hat sich das Spiel gewandelt?



1893: Aston Villa gegen Sunderland AFC1893: Aston Villa gegen Sunderland AFC, eine Ballung von Spielern vor dem Tor. (© imago/Colorsport)


Das Spiel selbst entwickelt sich stets weiter. Neue taktische Grundformationen, wie Spieler auf dem Spielfeld angeordnet sind, werden kontinuierlich variiert und sind Sinnbild für die Evolution des Spiels. Ziel dabei ist es immer, die gegnerische Mannschaft in ihrer Spielweise zu hindern, aber vor allem auch, sie mit der eigenen Ausrichtung vor unlösbare Probleme zu stellen. Innovativ sein, bedeutet Vorsprung. In den Anfängen des Spiels vor gut 100 Jahren, waren Mannschaften vor allem auf die Teilzielspielidee – Tore erzielen – ausgerichtet. Bedingt auch durch die Veränderung der Abseitsregel rückte im Laufe der Zeit vermehrt die Verteidigung des eigenen Tores in den Mittelpunkt.

Das im ZDF ausgestrahlte Sport-Magazin "Sport-Spiegel" präsentiert ein Gespräch mit dem ehemaligen DFB-Trainer Sepp Herberger über Eckbälle, Spielsystem und Taktik. (Ausschnitt aus der Sendung vom 20.12.1966 © ZDF, 1966) (© ZDF, 1966)
Das WM-System als 3-2-5-System mit drei Verteidigern, zwei Mittelfeldspielern und fünf Angreifern war über Jahrzehnte eines der erfolgreichsten Spielsysteme, mit dem auch Deutschland beim Gewinn der FIFA-Weltmeisterschaft (WM) 1954 agierte. Allerdings galt es als starres positionstreues System, indes die brasilianische Nationalmannschaft schon vier Jahre später bei der FIFA-WM 1958 erstmals in einem 4-2-4-System flexibel mit vielen Positionswechseln erfolgreich spielte. Es entwickelte sich ein 3-5-2-System mit einem "freien" Verteidiger – Libero – und zwei fest zu einem Gegenspieler zugeordneten Manndeckern, ehe 1994 in den USA wiederum Brasilien die Basis für die bis heute moderne Spielweise der Raumdeckung im 4-4-2 kreierte.

Die Relevanz der taktischen Anordnung der Spieler wird im modernen Sprachgebrauch dadurch exponiert, dass heute vor allem in den Positionen des Mittelfelds weiter unterteilt wird. So stellt beispielsweise ein 4-2-3-1 eine Anordnung von vier /Verteidigern, zwei defensiven und drei offensiven Mittelfeldspielern und einem Stürmer die am häufigsten gewählte Formation bei der UEFA EURO 2012 dar[9]. Viele Mannschaften agieren im modernen Spiel mit nur noch einem Stürmer und zwei offensiv ausgerichteten äußeren Mittelfeldspielern. Einhergehend mit der verstärkten Akzentuierung der Verteidigung des eigenen Tores ging auch eine Minderung der Offensivaktionen im Angriffsdrittel und im gegnerischen Strafraum einher.

Abb.: Aktionen in den gegnerischen Strafraum der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinal-Spiel der FIFA-WM 2006 gegen ItalienAbb.: Aktionen in den gegnerischen Strafraum der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinal-Spiel der FIFA-WM 2006 gegen Italien (© Arbeitsstelle für Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln 2010)


Im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts der Arbeitsstelle für Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln[10] wurden bedeutende historische Spiele der deutschen Nationalmannschaft seit 1958 mit zeitgenössischen Spielen bis 2010 verglichen. Während beim Spiel um Platz drei der FIFA-WM 1958 Deutschland noch 62 Aktionen aus dem Spiel in den französischen Strafraum gespielt hat, waren es im Halbfinale gegen Italien bei der FIFA-WM 2006 "nur" noch 36 Aktionen[11].

Abb.: Aktionen in den gegnerischen Strafraum der deutschen Nationalmannschaft im Spiel um Platz 3 bei der FIFA-WM 1958 gegen FrankreichAbb.: Aktionen in den gegnerischen Strafraum der deutschen Nationalmannschaft im Spiel um Platz 3 bei der FIFA-WM 1958 gegen Frankreich (© Arbeitsstelle für Scouting-Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln 2010)


Selbst bei der FIFA-WM 2010 konnte Deutschland, obwohl offensiv beeindruckend, im Mittel aller Spiele lediglich rund 31 Mal in den gegnerischen Strafraum eindringen. Ebenfalls sinkend war die Anzahl an Torschüssen, was den Fußball-Nostalgikern Argumente liefert, von der Attraktivität früherer Spiele im Vergleich zur modernen Spielweise von heute zu schwärmen. Dies könnte auch erklären, warum heute noch das Teilzielspiel – Tore erzielen – als attraktiver wahrgenommen wird. Es ist evolutionsbedingt.


Fußnoten

1.
Döbler/Herzog/Krauspe/Saß 1988, S. 255
2.
Sport-Informations-Dienst 29.06.2012
3.
Sport-Informations-Dienst, 28.06.2012
4.
Miller 1994
5.
Schnabel/Thieß 1986; Döbler/Scheidereit 1988
6.
Czwalina 1984
7.
UEFA 18.04.2012; UEFA 24.04.2012
8.
DiePresse.com N.N.
9.
DFB 2012
10.
Buschmann/Nopp 2007
11.
vgl. Abb. Aktionen in den Strafraum
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Autor: Stephan Nopp für bpb.de
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