Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965
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Rechte Szene und Gegenwehr


18.6.2014
Rechte Aktivitäten in Fanszenen stellen längst kein spezifisches Problem der neuen Bundesländer mehr dar. Nützlich für solche Einflussnahmen kann das Postulat sein, Politik habe beim Fussball nichts zu suchen. Dagegen positionieren sich seit langem demokratische Initiativen von Ultras.

Löwen-Fans gegen RechtsEngagieren sich für eine bunte Kurve: Löwen-Fans gegen Rechts (© picture-alliance / M.i.S.-Sportpressefoto )


Ein ehemaliger Nazi leitet heute die "Aussteigerhilfe Bayern". Felix Benneckenstein hilft jungen Rechtsradikalen, sich von der rechten Szene abzuwenden. Benneckenstein weiß, wovon er spricht, wenn er die Lügen und Verdrehungen der Rechtsextremisten entlarvt: Bis 2009 war er als Aktivist einer Kameradschaft im bayrischen Erding selbst einer von denen, die der Demokratie den Kampf ansagten und das Deutsche Reich wiederaufstehen sehen wollten. Seinen Ausstieg machte aus der Naziszene machte Benneckenstein 2011 publik. Als er noch ein glühender Nationalsozialist war, hat er sich über seine politischen Gegner im Fußballstadion sehr geärgert. Die "Löwenfans gegen Rechts" hatten ihn und seine Gesinnungsgenossen im Block 132 A der Allianz Arena geoutet. 2010 erschien ein Text im "Stern", der ihn und ein paar andere Nazikader im Fanblock des Zweitligisten 1860 München beim Namen nannte.

Doch im Gegensatz zu den Journalisten, den Vereinsoffiziellen und den "Löwenfans gegen rechts" stören sich noch heute viele 60-Anhänger im Stadion nicht an der Gegenwart der Neonazis. Die Masse der Fans hat zwar nicht unbedingt Sympathien für die politischen Ideen der Rechten. Sie fanden aber, man solle diese doch in Ruhe lassen, so lange sie im Block nicht offen agitierten. "In den Augen dieser Anhänger waren unsere Gegner diejenigen, die Politik ins Stadion getragen haben – nicht wir", sagt Benneckenstein und schüttelt den Kopf, als könne er noch drei Jahre später nicht glauben, wie leicht es ihm und den anderen Nationalsozialisten im Block gemacht wurde. Genau so wollten sie schließlich gesehen werden: Als die "normalen" Fußballfans. Die Ideologen, die verbiesterten Polit-Freaks, das sollten nicht sie selbst sein, sondern die, die sich ihnen entgegenstellten: "Wir Rechten wollten bei 1860 mal anonym eine Seite erstellen mit dem Titel: Löwenfans gegen Politik im Stadion. Da hätten wir zwei Texte draufgestellt und in ein paar Tagen später jede Menge Unterstützer gehabt."

Zitat

Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik!

"Kategorie C - Hungrige Wölfe" - die aus Bremen stammende Musikgruppe wird der rechtsextremen Hooliganszene zugeschrieben.



Auch in vielen anderen Fanszenen bestätigen Anhänger, die sich gegen rechte Parolen oder Abzeichen zur Wehr setzen, dass sie genau deshalb angefeindet würden. Nicht deshalb, weil die "neutralen" Fans Sympathien für Rechtsaußen hätten, sondern, weil sie das Thema Rassismus überhaupt erst auf die Tagesordnung setzen. Sie sollten Politik Politik sein lassen und sich lieber mehr mit dem Fußball befassen, hieß es. Doch so einfach ist es nicht. Denn die Politik drängt ins Stadion, ob dessen Besucher das nun wollen oder nicht.

Kein ostdeutsches Phänomen



Lange Zeit hat man Rechtsextremismus für ein Problem des ostdeutschen Fußballs gehalten. Wer als Journalist über prügelnde Nazihorden berichten wollte, fuhr nach Sachsen oder Brandenburg. Der Westen schien gefeit vor einem Wiedererstarken der NS-Jünger. Schließlich hatten sich dort schon Ende der 80er antifaschistische Fans in Initiativen wie dem Bündnis Antifaschistischer Fußballfans (B.A.F.F.)[1] zusammengeschlossen und die Fans vor Ort sensibilisiert. Fußballprofis wie Dietmar Beiersdorfer (damals Hamburger SV) und Trainer wie Volker Finke (SC Freiburg) oder Ewald Lienen (MSV Duisburg) positionierten sich klar gegen rechte Umtriebe. Viele Vereine verboten schließlich schon in ihrer Stadionordnung rassistische Äußerungen oder das Tragen von Kleidermarken wie "Thor Steinar", die in der rechten Szene beliebt sind. Laut skandierte Parolen und andere Formen des offenen Rassismus sind seither in den meisten Stadien tatsächlich tabu. Das Problem ist allerdings wieder virulent, seitdem sich in immer mehr Stadien der aktivste Teil der Fanszene, die so genannten "Ultras", offen gegen rechts positionieren.

Seit mindestens zehn Jahren dominieren die "Ultras" die deutschen Fankurven. Ultras sind zumeist junge Fußballfans, die den Großteil ihrer Freizeit für ihre "Gruppe" (früher: "Fanclub") opfern, große Fahnen schwenken und zu besonderen Spielen aufwendig gestaltete Choreographien zur Schau stellen, die sie in oftmals wochenlanger Kleinarbeit selbst gefertigt haben. Die Ultra-Kultur wurde im Laufe der letzten Jahre für Heranwachsende immer attraktiver, die Gruppen wuchsen und verdrängten Schritt für Schritt die "Hooligans", also die gewaltorientierten, politisch meist rechts stehenden Fanclubs, aus dem Zentrum der Kurven. Letztere störten sich daran nicht, zumal viele von ihnen in die Jahre gekommen waren und sich nach zum Teil längeren Gefängnisstrafen wieder eine bürgerliche Existenz aufbauten. Die Hooligans zogen sich auf die teureren Sitzplätze zurück, verabredeten sich allenfalls noch in abgelegenen Industriegebieten zu Schlägereien mit rivalisierenden Fans und ließen die Jungen sich austoben. Es ging ja schließlich nur um unterschiedliche Spielarten von Fankultur.

Doch genau das ändert sich, seit viele Ultragruppen sich nicht mehr nur um den "Support" (die Unterstützung) der Mannschaft kümmern, sondern sich auch politisch positionieren: Gegen Nazis, gegen Homophobie und gegen andere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Andere, und das dürfte für die Mehrheit der Gruppen zutreffen, begreifen sich zwar weiter als "unpolitisch", distanzieren sich aber von menschenverachtenden Äußerungen und dulden keine Rechtsextreme in ihren Reihen.

Leverkusen-Fans gegen Borussenfront, 1983Fans von Bayer Leverkusen protestieren im Jahre 1983 gegen die Borussenfront Dortmund: Die Borussenfront gilt als rechtsextreme Hooligangruppe und zeigt seit einigen Jahren wieder Präsenz im Stadion und Fußballumfeld. (© imago/Kicker)


Viele der mittlerweile älteren Herren, die in den Achtzigern und Neunzigern für einen rechten Grundkonsens in der Kurve gesorgt hatten und zum Teil seit Jahrzehnten tief in der rechten Szene verstrickt sind, fürchten derzeit offenbar um ihr ideologisches Erbe. Was die Szene-Großväter einst errichtet haben, soll bewahrt werden. Wer zu erkennen gibt, dass ihm das nicht passt, bekommt die Machtverhältnisse noch einmal anschaulich erklärt. Physisch sind die Rechten ihren Gegnern nämlich meist überlegen, zahlenmäßig nicht. Und intellektuell schon garnicht. Ein paar Dutzend Männer mit dicken Oberarmen, guten Verbindungen und wenig Skrupeln genügen zuweilen, um demokratische Prozesse in einer Fankurve zum Erliegen zu bringen. Selbst dann, wenn die Ultragruppen von sich aus nicht bereit sind, mit den Hools zu paktieren. Das Dilemma beschreibt die linke Düsseldorfer Fangruppierung "Kopfball":

Zitat

Fangruppierung "Kopfball", Fortuna Düsseldorf

In vielen Städten gehören die Neonazis nicht nur wie selbstverständlich zu den jeweiligen Fanszenen, sie treten dort auch offen als Faschisten auf und werden vom Rest stillschweigend hingenommen oder sogar begrüßt. Es geht ja schließlich um Fußball, nicht um Politik, da kann man jeden gebrauchen. Nun lässt es sich der nette Fascho von nebenan aber in der Regel nicht nehmen, auch inhaltlichen Einfluss auf die gesamte Szene haben zu wollen.

Das geschieht im ersten Moment nicht gleich offen durch Hitlergrüße im Stadion oder Hakenkreuz-Fahnen an den Zäunen. Das fängt gewöhnlich ganz harmlos an, indem aktive und alternative Fankreise angegangen werden. Da kommt der gemeine Neonazi wieder ins Spiel. Der hat zwar auch keinen Bock auf Eventfußball, aber erst recht nicht auf Kanaken, Schwuchteln, Juden, Neger und Fotzen, um es mal in der Rhetorik der Gegenseite zu sagen. Und da die "Zecken" (= aktive Fans) meist die sind, die ihn bei der Diskriminierung stören, sind diese sein Hauptfeind Nummer eins.



Negativbeispiele



Ein erschreckendes Beispiel für Auseinandersetzungen um Einfluss und Macht innerhalb von Fangruppierungen lieferte die Fanszene des ehemaligen Bundesligisten Alemannia Aachen, in der der Konflikt zwischen der progressiven Ultragruppe "Aachen Ultras 1999" (ACU) und der Gruppe "Karlsbande Ultras" (KBU) einstweilen entschieden ist – zugunsten von KBU. Während sich "Aachen Ultras 1999" gegen Rassismus und Homophobie aussprach, hat die Karlsbande keinerlei Probleme damit, zusammen mit Nazikadern aus der mittlerweile verbotenen "Kameradschaft Aachener Land" zu Auswärtsspielen zu fahren. Nach mehreren tätlichen Angriffen auf ACU-Mitglieder und einer feindseligen Stimmung im Stadion zog sich ACU aus dem Stadion zurück, nutzte den Abgang aber für eine Generalabrechnung, in der sie die "Worthülsen" des Vereins ebenso kritisierten, wie die Passivität vieler Fans.

Zitat

"Aachen Ultras 1999" (ACU)

Zusammenfassend mussten wir leider feststellen, dass wir weder aus der Fanszene noch von Seiten des Vereins, der Fanbeauftragten oder des sozialpädagogischen Fanprojekts genügend Rückhalt erfahren haben, um uns weiterhin im Stadion zu engagieren. Die Verantwortung gegenüber den überwiegend jungen Menschen in unserer Gruppe und unserem Umfeld war letztlich zu groß. Durch stetige Anfeindungen, dauerhafte Drohkulissen und wiederholte Übergriffe befanden wir uns in einer Verteidigungshaltung, die zuletzt kaum noch Raum für die Verfolgung produktiver Ziele zuließ.

Quelle: Erklärung der Aachen Ultras, März 2013



Eine Problematisierung von rechtsoffenen Einstellungen in ihrer Kurve unternahmen auch die "Ultras Braunschweig." Dass von den Siebzigern bis heute Neonazis relativ unbehelligt die Fankurve des Bundesliga-Aufsteigers prägen konnten, haben sie in einem 64-seitigen Konvolut Kurvenlage dokumentiert, das 2012 publiziert wurde und in den Medien großen Widerhall fand. Auch in Duisburg, wo sich die Ultra-Gruppe "Kohorte" seit Mitte 2012 als offen antifaschistisch definiert, schlug die andere Seite kurz zurück, als sie um ihren Einfluss zu fürchten begann. Nachdem sich die Ultras bereits im Jahr zuvor gegen antisemitische Rufe bei einem Auswärtsspiel der zweiten Mannschaft in Düsseldorf verwahrt hatten, hissten die Hooligans beim Heimspiel gegen Cottbus im Juli 2011 ein Transparent mit der Aufschrift: "Fußball ist Fußball – Kohorte ist Politik".

'Kohorte': "Meinungsfreiheit und Antirassismus sind keine Provokation".2013, die Ultragruppe 'Kohorte' bezieht Stellung: "Meinungsfreiheit und Antirassismus sind keine Provokation". (© picture alliance / augenklick/firo Sportphoto )


Beim Pokalspiel in Halle im August 2012 zeigten die Alt-Hooligans von der "Division Duisburg" den Hitlergruß, pöbelten gegen "Judenschweine" und "Zigeunerpack" und beschimpften die "Kohorte", die allerdings auch große Solidarität aus der Fanszene erfuhr. Im Jahr 2013 folgten erneut tätliche Angriffe von Hooligans auf die "Kohorte". Dass rechte Fans verstärkt ihren Machtanspruch geltend machen wollen, bestätigte aber MSV-Sprecher Martin Haltermann, der von "Verschiebungen im Fanblock" spricht. Gerd Dembowski, Sozialwissenschaftler von der Universität Hannover, sagte gegenüber ZDFsport.de: "In zehn bis neunzehn deutschen Stadien findet seit ein paar Jahren etwas statt, was man eine rechts dominierte Ausdifferenzierung nennen kann"[2].

Auch der Dortmunder Signal Iduna Park ist zuletzt in die Schlagzeilen gerückt. Die Ruhrgebiets-Metropole gilt seit Jahren als Hochburg der Neonaziszene. Im Stadtteil Dorstfeld werden gleich mehrere Wohngemeinschaften von so genannten "Autonomen Nationalisten" bewohnt, die im Verbund mit älteren Neonazis und Nazi-Skinheads mittlerweile ganze Stadtteile zu ihrem Revier erklärt haben. Autonome Nationalisten haben ihr Äußeres den Links-Autonomen abgeschaut, sie tragen schwarze Kleidung, auch deshalb, weil das die Identifikation Einzelner für die Polizei erschwert. Inhaltlich propagieren sie einen völkischen Sozialismus, organisatorisch lehnen sie das in der Rechten so beliebte hierarchisierte Führerprinzip ab. Die Hochburg der Autonomen Nationalisten ist seit Jahren Dortmund.

Nur vor diesem Hintergrund ist die Lage bei Borussia Dortmund zu verstehen. Als Innenminister Ralf Jäger im August den "Nationalen Widerstand Dorstfeld" als "kriminelle Vereinigung" verbot, hisste der Kampfsportler Timo K. auf der Südtribüne ein Transparent, das "Solidarität mit dem NWDO" einforderte. K. zählt zu den Mitgliedern der "Desperados“, einer Dortmunder Ultra-Gruppe, die mittlerweile bundesweit als Paradebeispiel für eine offen-rechte Ultra-Gruppierung gilt. Im September 2012 wurde einer der "Desperados", auch er Mitglied in der Kameradschaft "Nationaler Widerstand Dorstfeld", wegen einer gemeinschaftlich begangenen Menschenjagd auf alternative Jugendliche zu einer Haftstrafe verurteilt.

"Als junger Nazi bekommst du in Dortmund einen Motivationsschub", berichtet der Münchner Nazi-Aussteiger Benneckenstein. "Deswegen bin ich damals auch dorthin gezogen." Dorthin heißt nach Dorstfeld, in den Stadtteil, der es längst zu bundesweiter Prominenz gebracht hat, weil hier nicht nur eine Neonazi-Schläger-Truppe namens "Skinheadfront Dorstfeld" ihr Unwesen treibt, sondern die Autonomen Nationalisten rund um den Wilhelmplatz gleich mehrere Wohnungen angemietet haben.

Dortmunder AN-Kader waren auch vor Ort, als sich im Februar 2012 siebzehn Neonazi-Fußballmannschaften in Karlsruhe zum "Svasti-Ka Hallen Cup 2012" trafen, der Titel war eine Anspielung auf das englische Wort für Hakenkreuz ("svastika"), formal rekurrierte man lediglich auf das Karlsruher KFZ-Kennzeichen (KA). Ebenfalls anwesend waren Autonome Nationalisten bzw. Kameradschaften aus München und Zweibrücken und vom Heimatschutz Donnersberg – drei Szenen, die erfolgreich die Fankurven infiltrieren. Die einen beim 1. FC Kaiserslautern und beim FC Homburg. Die anderen beim Zweitligisten 1860 München. Beim Nazi-Stelldichein in der Karlsruher Soccerhalle nahmen natürlich auch NPD-Kader teil, intern wurden sie dafür in einem Artikel des "Deutschland-Echos", einem mittlerweile eingestellten NPD-nahen Onlineportal, angefeindet. Dagegen wiederum verwahrte sich ein nordbadisches NPD-Mitglied, das seine Teilnahme beim von der harten Neonaziszene organisierten Turnier wie folgt erklärte: "Im vergangenen Landtagswahlkampf wurden wir als Partei vorbildlich bei Plakatierung und Unterschriftensammeln unterstützt. Wenn diese Unterstützung gefehlt hätte, wäre es äußerst schwierig für uns geworden. Die Fußballspiele stellen ein vorbildliches Engagement zu Vernetzung der nationalen Kräfte dar."

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürfen nicht unterschätzt werden



Die Fürther Ultragruppe "Horidos" schaut nicht weg, sondern solidarisiert sich mit den Aachener Ultras: "ACU wird bleiben – KBU vertreiben".Die Fürther Ultragruppe 'Horidos' schaut nicht weg, sondern solidarisiert sich mit den Aachener Ultras: "ACU wird bleiben – KBU vertreiben". (© picture-alliance)


Borussia Dortmund versucht inzwischen den Druck zu erhöhen und geht im Verbund mit einer Arbeitsgruppe gegen rechte Fans vor. Es wurde ein runder Tisch eingerichtet, Fanforscher herangezogen, Stadionverbote ausgesprochen und Ordnungskräfte geschult. DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig kündigte an[3], für den Kampf gegen Rechtsextremismus in den nächsten drei Jahren insgesamt 1,5 Millionen Euro bereitzustellen. Ausserdem soll eine Kooperation der DFL mit der Neonazi-Aussteigerinitiative "Exit-Deutschland" die "aktive Fanarbeit der Vereine" unterstützen. Dass die Rechtsradikalen unter dem Deckmäntelchen, es gehe ihnen nur um Fußball und nicht um Politik, teilweise erfolgreich in den Fanszenen agitieren können, hält auch Peter Peters (Vize-Präsident des Ligaverbandes und Vorstandsmitglied des DFB) für ein Problem.

Zitat

Peter Peters, DFL

Wir beobachten mit Sorge, dass bei einigen Vereinen wieder verstärkt rechtsextreme Tendenzen zu beobachten sind. Leider erfahren die entsprechenden Leute dann oft eine Form der Solidarisierung, die ich für völlig falsch halte. Nach dem Motto: 'Derjenige ist seit 20 Jahren Fan von meinem Verein. Und, naja, politisch redet er halt manchmal Unsinn.' So eine Einstellung ist in anderen gesellschaftlichen Bereichen undenkbar. Richtigerweise, wie ich finde.



Wer die Stimmung in der Bundesliga mit dem Liga-Alltag in Italien, Griechenland oder Polen vergleicht, wird feststellen, dass Rassismus und Antisemitismus in deutschen Stadien eine vergleichsweise geringe Rolle spielen. Die Erfahrungen und Vorfälle sind allerdings kein Anlass für Verharmlosung. Experten wie der Hannoveraner Soziologie Professor Gunter A. Pilz warnen davor, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu unterschätzen. "Wir müssen wachsam bleiben. Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Vereine, die sich klar positionieren, erheblich weniger Probleme bekommen als andere. Gewaltbereite, fremdenfeindliche Szenen im Fußball verändern sich ständig[4]".

Quellentext

Professor Gunter A. Pilz: "Flagge zeigen"

Andererseits zeigt sich aber auch, dass Vereine die sich rechtzeitig eindeutig positionierten und rassistisches Verhalten öffentlich zur Diskussion stellen bzw. sanktionieren auch kaum oder erheblich weniger Probleme mit Rassismus und Fremdfeindlichkeit haben. Umgekehrt scheinen Vereine, die keine Grenzen setzen oder sich nur sehr zögerlich diesem Problem stellen in einer Art Sogwirkung rechte Fans geradezu anzuziehen[1].

Eine politisch heterogen zusammengesetzte Fanszene, die von innen heraus fremdenfeindliches und rechtsextremes Verhalten nicht duldet bzw. sanktioniert, ist deshalb enorm wichtig, um eine interne Auseinandersetzung zu fördern. Dies umso mehr als die kollektive Fanidentität politische Differenzen zu nivellieren droht; da der gemeinsame Bezug zu einer imaginären und realen Fangemeinschaft unterschiedliche politische Anschauungen in den Hintergrund treten lässt, der soziale und berufliche Kontext und die politische Weltanschauung weitgehend ausgeklammert bleiben.

Quelle: Prof. Gunter A. Pilz, "Von der Ultra- zur Gewalt-Event-Kultur – Gewalt und Rassismus im Umfeld des Fußballs in Deutschland"

Fußnoten
  1. (vgl. Behn/Schwenzer 2006)



Pilz hält auch Neonazikameradschaften wie die diversen Untergruppierungen der Autonomen Nationalisten für bedrohlich. "In der Bundesliga und darunter versuchen sogenannte Kameradschaften die Meinungshoheit in den Kurven zu erobern. Das Internet ist ein weiteres Mittel der Anhängerrekrutierung, das Medium bietet – leider auch für rechtsextreme Positionen – eine leicht verfügbare und anonyme Plattform. Dass schließlich gerade kleine Vereine händeringend nach ehrenamtlicher Hilfe suchen, öffnet rechten Agitatoren ebenfalls neue Möglichkeiten, etwa durch die Betreuung von Jugendmannschaften. In Deutschland ist jeder Dritte irgendwie mit den Strukturen eines Sportvereins verbunden. Das macht besonders den Fußball für politische Propaganda anfällig und interessant"[5].



Fußnoten

1.
heute Bündnis aktiver Fußballfans
2.
Quelle: vgl. hierzu Interview mit dem ZDFsport.de
3.
Andreas Rettig, Rede auf dem Fankongress 2014 in Berlin
4.
Quelle: DFB.de Gespräch der Woche: "Rassismus darf im Stadion keinen Platz haben" vom 6.05.2013
5.
Quelle: DFB.de Gespräch der Woche: "Rassismus darf im Stadion keinen Platz haben" vom 6.05.2013
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Autor: Christoph Ruf für bpb.de
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